Kita-Kosten : Husumer überdurchschnittlich stark belastet

Angebote haben ihren Preis: Doch Elternsprecher fordern eine klare Deckelung der Gebühren.
Angebote haben ihren Preis: Doch Elternsprecher fordern eine klare Deckelung der Gebühren.

Eltern zahlen bis zu 20 Prozent ihres Einkommens für die Betreuung – weit über dem Landesschnitt von neun Prozent.

shz.de von
04. Juni 2018, 11:00 Uhr

Die Debatte um die Gebühren, die Eltern für die Betreuung ihrer Kinder in Tagesstätten zu zahlen haben, hat in diesen Wochen neue Nahrung bekommen. Die Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh hat bundesweit in großem Stil Eltern nach einer in der Öffentlichkeit bislang kaum beachteten Zahl gefragt: Wie viel Prozent ihres Netto-Einkommens geben Familien eigentlich für die Kita aus?

Schleswig-Holsteiner zahlen als Spitzenreiter neun, Berliner nur zwei Prozent. Dazwischen liegt der bundesweite Schnitt von 5,6 Prozent. Diese gravierenden Unterschiede zwischen den Ländern waren nicht die einzigen Befunde, sondern die Forscher stellten auch starke Schwankungen innerhalb jedes Landes fest.

Die Studie hat vor allem eine Lücke: Sie ist nicht auf einzelne Kommunen heruntergebrochen worden, also ist die Situation in Husum nicht ablesbar. Das nahm die Redaktion unserer Zeitung zum Anlass, auf ihrer Facebook-Seite Eltern um Auskunft um diese eine Zahl zu bitten: Wieviel Prozent vom Netto muss die Familie für die Kita aufwenden?

Außerdem unterstützte Oliver Tschoppe aus Hattstedt bei der Recherche. Der Vorsitzende der Kreiselternvertretung in Nordfriesland ist nach eigenen Worten gut vernetzt mit den Tagesstätten in der Region und mit vielen Familien. Das dramatische Ergebnis der gemeinsamen Umfrage: Die Zahlen aus Husumer Haushalten übertreffen den Landesschnitt von neun Prozent bei weitem. Gemeldet wurden teils Werte nahe an 20 Prozent. Das heißt, dass fast ein Fünftel des Haushalts-Netto für die Kita bezahlt wird.

Beteiligt hat sich sogar eine Erzieherin aus einer Husumer Kindertagesstätte. Sie und ihr Mann verdienen gemeinsam 3000 Euro. Davon geben sie 475 Euro aus – macht fast 16 Prozent.

Tschoppe betont, dass vor allem jene gekniffen sind, die nur knapp den Einstieg in die Sozialstaffel verpassen. So erzählt er von einem Mann, der monatlich 1600 Euro verdient, seine Frau 200. So weit, so gut. Das hätte noch klappen können. Doch der Vater erhält Urlaubs- und Weihnachtsgeld, womit diese Familie aus dem Spiel ist. Ohne Ermäßigung liegt ihr Satz jetzt bei 15 Prozent. Spitzenreiter ist ein Paar, das trotz einer Ermäßigung von 20 Prozent für ein Geschwisterkind unterm Strich 17,5 Prozent für die Kinder zahlen muss.

Oliver Tschoppe hat auch ein Beispiel dafür parat, wie Familien durch Zusatzgebühren etwa für ein Mittagessen belastet werden können. Die Familie hat ein Netto-Einkommen von 3500 Euro zur Verfügung und genießt eine Ganztagsbetreuung. Mit Mittagessen müssen 16 Prozent, ohne Mittagessen 13 Prozent für die Kita abgezweigt werden.

Tschoppe macht an dieser Stelle auf ein weiteres Problem aufmerksam, das auch in der Bertelsmann-Studie breiten Raum einnimmt: die Zusatzkosten. Das Mittagessen stelle für die Familien mit durchschnittlich 41 Euro monatlich die höchste Belastung dar, gefolgt von 13 Euro für Hygieneartikel und zehn Euro für Ausflüge. Das entspreche dem Trend, so der Elternsprecher, niedrige Betreuungkosten anzusetzen, aber zusätzliche Ausgaben draufzusatteln. So würden von Kitas im Hamburger Umland sogar für Bastelmaterial wie Ton bereits zwei Euro zusätzlich abgerechnet. So steht es auch in der Studie, die er selbstverständlich genau studiert hat. Einem Vergleich mit dem Gebaren von Billig-Fluglinien will er nicht widersprechen, die Flüge günstig anbieten, aber bei Zusatzkosten abkassieren.

Außerdem warnt der Elternsprecher davor, den Begriff Beitragsfreiheit falsch zu verstehen, wie er in der politischen Debatte benutzt werde. „Beitragsfrei heißt nicht kostenlos“, denn damit werde nur die typische Halbtagsbetreuung etwa an einem Vormittag gemeint.

Welche Schlüsse sind zu ziehen? Axel Briege hat darauf klare Antworten: Er ist Sprecher der Elternvertretungen auf Landesebene – und daher auch eng mit der Landespolitik vernetzt. Vorab betont er, dass in den Kitas längst nicht nur Basteln und Spielen betreut werde, sondern von den Teams mit hohem Engagement frühkindliche Bildung geleistet werde. Er setzt sich für eine landesweit einheitliche Deckelung der Kita-Gebühren ein, die sich am Bedarf der Eltern orientiere müsse und verlangt „volle Transparenz durch die Angabe der absoluten Beträge und der prozentualen Belastungen der Haushalte.“ Briege weist auf den Kommentar zum schleswig-holsteinischen Kita-Gesetz hin, in dem ein Deckel bei 200 Euro pro Kind empfohlen worden sei – ein Satz, der in den meisten hier genannten Beispielen aus den Husumer Kitas bei weitem übertroffen worden ist.

Die Studie zur Belastung der Familienhaushalte mit Kita-Gebühren kann im Internet unter www.bertelsmann-stiftung.de heruntergeladen werden: unter dem Menüpunkt Themen auf Frühkindliche Bildung klicken.

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