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Stammtisch der Husumer Nachrichten : „Husum ist ein Top-Ten-Standort“

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Mit gleich zwei Verbänden, die in der Bundeswehr ein Alleinstellungsmerkmal haben, ist die Storm-Stadt eine ganz besondere Garnison. Wir sprachen mit den militärischen Spitzen von FlaRak-Geschwader und Spezialpionieren.

von
erstellt am 18.Aug.2015 | 15:00 Uhr

 

In regelmäßiger Folge setzt sich die Redaktion mit Husumern zusammen, um ein bestimmtes Thema näher zu beleuchten – in lockerer Runde und ungezwungen, wie es eben am Stammtisch üblich ist.

 

Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine hochrangige Gruppe, die sich auf dem vorderen Deck des Restaurantschiffes „Nordertor“ zum ersten Stammtisch der Husumer Nachrichten eingefunden hat: Zwei Oberste – nämlich der Kommodore des Flugabwehrraketengeschwaders 1 (FlaRakG 1), Bernd Stöckmann, und sein Stellvertreter, Wolfgang Rasquin – und ein Oberstleutnant in Person von Björn Panzer, der das Spezialpionierbataillon 164 führt. Und schnell wird klar, dass man in dieser Runde bislang eher selten zusammen saß, obwohl doch beide Bundeswehr-Verbände in der Storm-Stadt stationiert sind und nur wenige hundert Meter voneinander entfernt ihr Domizil haben – die FlaRak-Soldaten in der Fliegerhorst- und die Pioniere in der Julius-Leber-Kaserne.

„Diese räumliche Trennung reicht aber schon, dass man sich aus den Augen verliert“, sagt Panzer. Zumal die FlaRak-Truppe der Luftwaffe untersteht, die Spezialpioniere aber der Streitkräftebasis. „Immerhin versuchen wir schon seit einem Jahr, übergreifende Ausbildungen gemeinsam zu machen, zum Beispiel Schießen auf der Standortschießanlage.“ Jeder sei halt „in seinem Dienstbetrieb gefangen“, ergänzt Stöckmann, der als Standortältester für alle Husumer Liegenschaften der Bundeswehr verantwortlich ist. „Da fahre ich dann manchmal herüber zur Julius-Leber-Kaserne und lade mich dort bei Oberstleutnant Panzer zu einem Tee ein, um ein paar dienstliche Angelegenheiten zu besprechen“, sagt Stöckmann lachend.

Tee trinkt der 48-Jährige auch jetzt in der Abendhitze dieses Sommertages auf der „Nordertor“, während sich die beiden anderen Offiziere mit alkoholfreiem Weizenbier erfrischen. „Das kann ich mir nicht leisten“, erläutert Stöckmann. „Ich habe gewettet, dass ich acht Kilogramm Gewicht in acht Wochen verliere.“ Da ist also Disziplin angesagt. „Diese jungen Leute“, flachst Rasquin und gönnt sich noch einen Schluck seines eiskalten Getränks. Der 56-Jährige kennt seinen Chef schon seit 20 Jahren – allerdings waren damals die Verhältnisse umgekehrt, wie sich Stöckmann erinnert: „Ich war Hauptmann und er Oberstleutnant – und er hat mich und meine Staffel überprüft.“

Damals – das war zu der Zeit, als die FlaRak-Truppe der Luftwaffe noch über sechs Geschwader verfügte. Davon ist nur noch eines übrig geblieben, nämlich das in Husum. Und weil hier jetzt alles konzentriert ist, stehen eben auch zwei Oberste statt nur einem an der Spitze des Verbandes. „Das ist wegen der weiträumigen Dislozierung der einzelnen Einheiten sowie der Dichte des Dienstbetriebs, sowohl in der Ausbildung als auch im Einsatz“, erläutert Rasquin. Da ist das Geschwader seit zweieinhalb Jahren erheblich belastet, stellt es doch die Masse des Personals der Kontingente für „Active Fence“ in der Türkei, wo die Luftwaffe mit Patriot-Raketen die türkische Stadt Kahramanmaras im Grenzgebiet zu Syrien vor Luftangriffen schützt – noch: Denn am Wochenende wurde bekannt, dass der Einsatz enden soll.

Ende Juni erst ist Rasquin aus der Türkei zurückgekommen, ein halbes Jahr hat er dort die mehr als 260 deutschen Soldatinnen und Soldaten vor Ort geführt. Und er würde sofort wieder gehen: „Ich bin seit 33 Jahren bei der FlaRak-Truppe – und jetzt mit dieser im Einsatz zu stehen, ist schon was ganz Besonderes.“

Derzeit sind nur rund 30 Husumer in der Türkei, der Großteil des derzeitigen Kontingents wird von Geschwader-Angehörigen gestellt, die in Mecklenburg-Vorpommern stationiert sind. „Ab Oktober sind aber wieder hauptsächlich Soldaten von hier für ,Active Fence‘ eingeplant“, so Stöckmann. Schon die veränderte Lage durch die Anschläge des Islamischen Staates und die militärische Reaktion der Türken sowie die Konsequenzen daraus seien genauestens beobachtet worden – und die Sicherheit der deutschen Soldatinnen und Soldaten habe dabei immer oberste Priorität gehabt. „Wir sind ja in einer türkischen Liegenschaft untergebracht. Die türkischen Soldaten nehmen ihre Schutzaufgabe gegenüber den deutschen Gästen sehr ernst.“ Neben der allgemeinen Verstärkung der Absicherung durch die Türkei seien vom deutschen Einsatzkontingent in Abstimmung mit den türkischen Streitkräften noch weitere Sicherheitsvorkehrungen ergriffen worden. „Unsere Leute haben sich vor Ort neu sortieren müssen: Das heißt, vielleicht vorerst etwas mehr Sport in der Kaserne machen und ein paar mehr Bücher lesen.“

Viele Soldaten mussten ohnehin nur noch sechs Wochen am Stück in den Einsatz gehen, dafür aber häufiger im Jahr. „Spezielles Personal ist besonders oft dran“, bedauert Stöckmann. „Ich habe schon ein Dutzend Leute, die seit Beginn von ,Active Fence‘ 365 Einsatztage gesammelt haben. Wir haben jedoch Maßnahmen ergriffen, um die individuelle Einsatzbelastung zu lindern.“ Das nun angekündigte Auslaufen des Mandats im Januar werde eine erhebliche Verringerung dieser Belastungen mit sich bringen. „Und es wird uns auch erlauben, wieder in einen ruhigeren Ausbildungs- und Übungsbetrieb überzugehen“, so Rasquin.

Da hatten es die Spezialpioniere in der letzten Zeit besser: „Dadurch, dass viele unserer Arbeiten an zivile Dienstleister in den jeweiligen Einsatzgebieten abgegeben worden sind, ist unsere Belastung momentan gering“, sagt Panzer. Im Einsatz seien derzeit nur fünf Angehörige seines Verbandes – und der zählt mehr als 1240 Köpfe. „Wenn wir Anfang 2016 vom Bataillon zum Regiment aufgestockt werden, haben wir sogar 1500 Dienstposten.“ Zusammen mit den rund 700 von insgesamt 2300 Angehörigen des FlaRakG 1, die in der Storm-Stadt stationiert sind, kommt da schon eine beachtliche Bundeswehr-Dichte in Husum zusammen. „Das hier ist ein Top-Ten-Standort, der reicht fast schon an den größten schleswig-holsteinischen Standort Kiel heran“, sagt Panzer.

Er muss es wissen, er wohnt in der Nähe von Kiel. „Da ich es jedoch nicht jeden Abend schaffe, nach Hause zu pendeln, habe ich auch noch eine kleine Wohnung in Hattstedt gemietet“, erzählt der Oberstleutnant. Er brauche nach Dienst einfach das Gefühl, „dass sich die Kasernentore hinter mir schließen – auch wenn ich nicht zu meiner Familie fahre“. Die beiden Luftwaffen-Obersten hingegen – ebenfalls beide Pendler – haben unter der Woche ihre Unterkünfte in der Fliegerhorstkaserne. „Aber nicht im selben Block, wir hocken schon im Dienst dicht genug aufeinander“, sagt Rasquin, der im niedersächsischen Wildeshausen seine Heimat hat. Stöckmann fährt nur jedes zweite Wochenende nach Hause: „Mein Wohnort Ahrweiler ist 630 Kilometer entfernt, das sind jedes Mal sieben bis acht Stunden Bahnfahrt – und mit dem Auto ist der Zeitansatz völlig unvorhersehbar.“

Zeit ist sowieso ein Problem – für alle. „Dass wir hier zusammensitzen können, ist eine Ausnahmesituation“, sind sich die drei einig. Zahlreiche Dienstreisen sorgen dafür, dass sie den Standort oft verlassen müssen. Dazu kommen noch diverse Truppenübungsplatz-Aufenthalte: „In den ersten beiden Oktoberwochen zum Beispiel beteiligt sich das Spezialpionierbataillon 164 an einer Lehrübung – da demonstrieren wir den versammelten Kursteilnehmern verschiedener Bundeswehr-Lehreinrichtungen, wie wir eine vorgeschobene Operationsbasis aufbauen“, sagt Panzer. Die beiden Luftwaffen-Offiziere werden sofort hellhörig. „So eine Lehrübung wollte ich immer schon mal sehen“, sagt Stöckmann, und Rasquin fragt: „Wo können wir uns dafür anmelden?“ Panzer freut sich über das Interesse – und bekommt sofort eine Gegeneinladung: „Mitte November machen wir eine Geschwadereinsatzübung mit drei Staffeln, da können Sie zusehen – und es ist egal, ob sie mit fünf oder 500 Leuten kommen“, sagt Stöckmann. „Da freue ich mich schon drauf“, entgegnet Panzer – denn es sei doch immer gut zu wissen, was die anderen so machen. Und so sind sich Bernd Stöckmann, Wolfgang Rasquin und Björn Panzer einig: Dass man hier zum Stammtisch der Husumer Nachrichten zusammengekommen ist, „hat uns allen etwas gebracht“. Und das freut uns auch als Gastgeber.

 

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