Nach tödlichen Polizei-Schüssen : Husum: Horror-Szenen in der Altstadt-Idylle

Nach dem tödlichen Schuss in Husum am Donnerstag: Mit einem Zelt schützt die Spurensicherung den Tatort vor der nasskalten Witterung.
Nach dem tödlichen Schuss in Husum am Donnerstag: Mit einem Zelt schützt die Spurensicherung den Tatort vor der nasskalten Witterung.

Ein Polizist erschießt einen somalischen Flüchtling, nachdem dieser zuvor mit Messern auf ihn losgegangen ist. Die Anwohner sind auch am Tag danach noch völlig entsetzt.

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06. Dezember 2014, 08:00 Uhr

Husum | Die Langenharmstraße – Altstadt-Ambiente, ein Gässchen mit Kopfsteinpflaster und Einbahnstraßenregelung, mitten im Zentrum und doch irgendwie seitab. Bis Donnerstagabend: Plötzlich rauschen mehrere Streifenwagen heran. Polizeibeamte sperren die Zufahrt von der Deichstraße und spannen rot-weißes Flatterband von einer Straßenseite zur anderen. Nicht einmal Fußgänger kommen noch durch. Ein paar Meter hinter der Stelle, wo das Westerende die Straße kreuzt, mitten auf der Fahrbahn, haben Beamte der Spurensicherung nahe der Hausnummer 12 a ein weißes Zelt aufgebaut. Die Feuerwehr sorgt mit Halogenscheinwerfern für das nötige Licht. Hinter dem Absperrband im Westerende stehen noch immer Neugierige. Trotz der Kälte harren sie aus – einige schon seit Stunden.

Schüsse seien gefallen, sagt einer. Und dass drei Somalier in diese Sache hier verstrickt seien – ein Pärchen und ein einzelner Mann, alle drei so Mitte 20. Es soll einen Streit gegeben haben, einen blutigen Streit. Ein anderer zückt sein Handy, zeigt auf verwaschene Fotos vom Tathergang. Dann spricht er von einem Mann, der mit Messern auf die Polizei losgegangen sei. Die Beamten hätten ihn mehrfach aufgefordert, stehen zu bleiben, „aber das hat er einfach nicht getan“. Dann seien Schüsse gefallen. Mehrere. Wie viele, wisse er nicht. Drei oder vier seien es wohl gewesen. Dann sei der Angreifer zusammengebrochen und regungslos liegen geblieben.

Ein anderer Augenzeuge beschreibt eine Szene wie aus einem schlechten Film: Nachdem die Warnschüsse den Mann nicht hätten stoppen können, habe einer der Polizisten, den er besonders bedrängt habe, scharf geschossen und den Angreifer offenbar auch getroffen. Doch der sei einfach weitergegangen – die Messer noch immer in der Hand. „Es ging alles so schnell. Es war dunkel“, berichten die Zeugen, „und die Straße ist eng – westliche Altstadt eben.“ Wenn die anderen Beamten eingegriffen hätten, wären sie Gefahr gelaufen, sich gegenseitig zu treffen, sagen sie noch. Inzwischen ist klar: Der Angreifer hat die Schüsse nicht überlebt.

Die Beamten am Einsatzort wollen die Ereignisse nicht kommentieren: „Der Pressesprecher ist morgen früh wieder im Dienst“, versichert einer höflich, „dann werden sie sicher Näheres erfahren.“ Es ist nach 22 Uhr. Die Tat selbst liegt schon dreieinhalb Stunden zurück, aber der Tote wurde noch immer nicht abtransportiert. Beamte öffnen den Eingang des Zeltes, gehen hinein. Andere sichern draußen Spuren und achten darauf, dass niemand durch die Absperrung kommt.

Die Szene wirkt gespenstisch. Noch in der Nacht gibt die Staatsanwaltschaft dann eine Pressemeldung heraus, die den Verlauf des Tathergangs in dürren Worten zusammenfasst: Ein Mann mit einem Messer habe ein im selben Haus lebendes Paar angegriffen und verletzt. „Beide konnten flüchten. Nach Eintreffen der Polizei stürmte der Mann dann mit Messern bewaffnet auf die Beamten zu. Ein Beamter hat mit seiner Dienstwaffe auf den Mann geschossen, der noch am Einsatzort den dadurch erlittenen Verletzungen erlag.“

Tatsächlich begann alles um 18.15 Uhr. Da bemerkte Nachbarn Silvia Zimmermann, die drei Häuser entfernt wohnt, eine lautstarke Auseinandersetzung, in deren Verlauf offenbar auch Möbel zu Bruch gingen. Der Lärm kam aus einer Wohnung, die das städtische Ordnungsamt erst vor wenigen Tagen drei somalischen Flüchtlingen zugewiesen hat – eine Ferienwohnung, in der zuvor schon Syrer, Armenier und Iraker untergebracht waren. „Wir haben noch gedacht: Mensch, drei Leute aus demselben Land, die legen wir zusammen. Dann sind sie nicht so auf sich allein gestellt“, erklärt ein Mitarbeiter des Rathauses, der – wie die Bewohner der Langenharmstraße – angesichts der plötzlichen Gewalt-Eruption noch immer unter Schock steht.

Aus welchem Grund auch immer hätten sich die Frau und der einzelne Mann dann im gemeinsamen Wohnzimmer gestritten. Der Ehemann sei ihr daraufhin zur Hilfe geeilt. Schließlich hätten beide ihr Heil in der Flucht gesucht, berichtet die Vermieterin.

Nachbarin Zimmermann hatte inzwischen die Polizei gerufen und war gerade vor der Tür angekommen, als ihr die junge Somalierin mit einer Schnittverletzung in die Arme lief. Sie habe sie getröstet und ihr eine Jacke umgelegt, so die Zeugin. Wenig später sei auch der Ehemann aus dem Haus gekommen – ebenfalls mit einer Schnittverletzung an der Hand. Inzwischen sind Polizei und Rettungsdienst vor Ort. Die Verletzten werden ins Krankenhaus gebracht. Es soll ihnen inzwischen besser gehen. Laut Ordnungsamt haben sie eine andere Wohnung bekommen.

Derweil berichtet Silvia Zimmermann, dass die Polizisten den Angreifer mehrfach aufgefordert hätten, das Haus zu verlassen. Das habe er schließlich auch getan, sei dann aber mit mehreren Messern in den Händen sofort auf die Beamten losgegangen. Sämtliche Versuche, ihn zum Einlenken zu bewegen, scheiterten. Dann fielen die Schüsse. Nachbarin Ursula Kahl spricht von dreien. Und eine andere Zeugin vermutet, dass der erste wahrscheinlich ein Warnschuss war. Nach Informationen des Ordnungsamtes habe der Angreifer nur Englisch gesprochen, „aber wenn mich ein Uniformierter mit vorgehaltener Dienstwaffe anbrüllt, gibt es da eigentlich nichts misszuverstehen“, spricht einer der Zeugen aus, was alle denken. Überhaupt herrscht in der Langenharmstraße am Tag danach noch immer Schockstarre, wandern die Gedanken vor allem zu dem Polizisten und seiner Familie.

„Das ist nun schon das zweite Mal, dass in Husum Schüsse fallen“, bemerkt eine weitere Nachbarin und verweist auf das tödliche Ende eines Beziehungsdramas in der Süderstraße 2012. „Mir tut der Polizist leid“ sagt sie. „Der hat bestimmt nicht damit gerechnet, dass die Situation so eskaliert.“ Verständnis für den Polizeibeamten zeigt auch Janina Brandt, die vor zwei Jahren von Hamburg in die Langenharmstraße gezogen ist. „In der Großstadt gewöhnt man sich an derartige Ereignisse, aber hier in Husum macht mich das schon betroffen.“ Für den Polizeibeamten hofft sie, dass er dieses „fürchterliche Geschehnis gut verarbeiten kann“.

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