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Prozess im Landgericht Flensburg : Hohe Haftstrafen für versuchten Auftragsmord in Rantrum

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Die Verteidiger hatten die Mordabsicht an dem Immobilienmakler bestritten. Das Gericht sieht das anders.

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2015 | 11:20 Uhr

Flensburg/Rantrum | Zwei Männer und eine Frau sind am Donnerstag vom Landgericht Flensburg wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung am Ehemann der Frau zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Der Schütze muss lebenslang ins Gefängnis. Der Mittelsmann wurde zu einer Haftstrafe von zehn Jahren verurteilt, die Frau als Initiatorin der Tat zu einer Strafe von zwölf Jahren. Das damals 58 Jahre alte Opfer, ein Immobilienmakler aus Husum, war Mitte September 2014 nach Rantrum in Nordfriesland zu einem Besichtigungstermin in ein zum Verkauf stehendes Haus gelockt und von hinten niedergeschossen worden. Er überlebte schwer verletzt.

Die Verteidiger bestritten Mordabsichten. Der Anwalt der Ehefrau sagte, es käme für seine Mandantin allenfalls eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags in Betracht.

shz.de mit einer Chronologie der Ereignisse:

18. September 2014: Die Tat

Die Spurensicherung am Tatort in Rantrum.
Die Spurensicherung am Tatort in Rantrum. Foto: hjm

In den späten Nachmittagsstunden wird der bekannte Husumer Immobilienmakler in der Karl-Pohns-Straße in Rantrum (Kreis Nordfriesland) durch mehrere Schüsse lebensgefährlich verletzt. Das damals 58 Jahre alte Opfer war am 18. September nach Rantrum zu einem Besichtigungstermin in ein zum Verkauf stehendes Haus gelockt worden. Der 25-Jährige habe sich als Kaufinteressent ausgegeben und sei mit dem Makler ins Haus gegangen, sagte der Staatsanwalt.

Als dieser sich auf einer Treppe befand, habe der Angeklagte einen Revolver gezogen und fünf Schüsse auf den 58-Jährigen abgegeben. Er traf ihn zweimal in den Rücken.

Anschließend habe der Angeklagte das Haus fluchtartig verlassen und den Tod seines Opfers zumindest in Kauf genommen. Der 25-Jährige flüchtete auf einem Motorrad.

Die zwei herbeigerufenen Notärzte versuchen nach Angaben von Nachbarn über längere Zeit, den Mann zu reanimieren. Schließlich wurde er mit lebensgefährlichen Verletzungen mit einem Rettungshubschrauber abtransportiert. Der 58-Jährige wurde notoperiert. Er überlebt, hat aber keine Erinnerung an die Tat.

Anfänglich bekommt die Nachbarschaft nichts von der Bluttat mit. Erst als nach und nach Polizeifahrzeuge eintreffen und die Spurensicherung mit ihren hellen Schutzanzügen ihre Arbeit aufnimmt, wird vielen Anliegern bewusst, dass sich in dem Haus ein Verbrechen ereignet haben muss.

20. September 2014: Die Polizei sucht den Motorradfahrer

Entsetzen herrscht über die Tat in der Gemeinde Rantrum. Zum Tatmotiv gibt es noch keinerlei Hinweise. Laut Polizeiangaben ist jedes Motiv möglich, von Eifersucht bis hin zu Geldangelegenheiten. Allerdings hat die Polizei mittlerweile einige Details zum Täter ermitteln können.

Anfang Dezember 2014: Die Festnahmen

Der 25 Jahre alte Tatverdächtige wird am 2. Dezember festgenommen. Ein weiterer Mann, der den Schützen angeworben haben soll, wird drei Tage später geschnappt. Am 6. Dezember wird auch die Ehefrau verhaftet. Die Fahnder greifen sie nach einem Besuch in Bulgarien am Hamburger Flughafen auf.

17. Dezember 2014 : Die Ehefrau gesteht

Endlich ist klar: Hinter den beinahe tödlichen Schüssen auf einen Immobilienmakler steckt ein versuchter Mord im Auftrag der Ehefrau des Opfers. Das gaben Polizei und Staatsanwaltschaft bekannt. Die Ehefrau, der Todesschütze und ein der Anstiftung mitverdächtiger Mittelsmann sitzen in U-Haft. Die Ehefrau und der mutmaßliche Schütze haben den Angaben zufolge Geständnisse abgelegt.

Den Haupttäter hat die 43-jährige Ehefrau des Maklers offenbar über einen in Bremen lebenden 36 Jahre alten Mittelsmann gefunden. 30.000 Euro versprach die Auftraggeberin dem Schützen laut Staatsanwaltschaft für einen Mord.

Das Motiv der Ehefrau liege nach bisherigen Erkenntnissen in ihrer unglücklichen Ehe. „Vermutlich hatte sie die Befürchtung, im Falle einer Scheidung leer auszugehen“, sagt Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt. Auch häusliche Gewalt soll es gegeben haben - der Ehemann, der zum Tatzeitpunkt mit der 43-Jährigen in Husum wohnte, bestreite dies allerdings. Bei der Frau habe sich dann „der Entschluss gebildet, ihren Ehemann loszuwerden“.

Auf die Schliche kam eine achtköpfige, extra für diesen Fall eingerichtete Mordkommission dem Schützen durch digitale Spuren: Der 25-Jährige war in dem Rantrumer Wohngebiet von einer Videokamera aufgezeichnet worden. Zudem hatte er von dort vor der Tat mehrere Telefonate mit seinem Handy geführt. In diesen und später entstandenen Verbindungsdaten sieht der Flensburger Staatsanwalt Axel Schmidt den Schlüssel zum Fahndungserfolg. Die Polizei stimmt zu: „Ich habe kein anderes Verfahren in Erinnerung, wo so intensiv Telekommunikationsdaten ausgewertet wurden“, sagte damals Michael Raasch, Leiter der Kriminalpolizei Husum.

29. Mai 2015: Der Prozess beginnt

Die beiden Männer gestehen vor dem Landgericht Flensburg, dass sie an dem geplanten Auftragsmord beteiligt waren. Initiatorin der Tat sei aber die mitangeklagte Ehefrau des Opfers gewesen, hieß es in Erklärungen, die die Anwälte der beiden Männer am Freitag verlasen. Die 43 Jahre alte Frau schwieg zu Prozessbeginn.

Der mitangeklagte 36 Jahre alte mutmaßliche Geliebte soll laut Anklage unter anderem die Tatwaffe besorgt und den 25 Jahre alten Schützen angeheuert haben. Diesem sollen 30.000 Euro für den Mord versprochen worden sein.

Der 25-jährige Angeklagte gab in seiner Erklärung zu, die Schüsse abgefeuert zu haben. Er habe im Sommer mehrere Anrufe des 36-Jährigen erhalten. Zunächst habe dieser gefragt, ob er Geld verdienen wolle. Später kam der Auftrag, er solle den tyrannischen Mann einer Frau umbringen. Da er unter chronischem Geldmangel litt, habe er zugesagt. Die Frau habe er nie kennengelernt.

Am Tattag habe er zunächst fliehen wollen, als eine Zeugin ihn vor dem Haus ansprach. Den Rat, die Tat abzubrechen, habe er telefonisch auch von dem 36-Jährigen erhalten. Dann sei aber das Auto des Maklers vorgefahren und er habe gedacht „jetzt oder nie“. Er habe an das Geld gedacht. Er schäme sich sehr für seine Tat und sei froh, dass der Angeschossene überlebt habe. „Ich möchte mich ausdrücklich entschuldigen.“

Der 36 Jahre alte Mittelsmann gab zu, für die Frau die Waffe besorgt und den Schützen angeheuert zu haben. Geplant und initiiert habe aber sie allein die Tat. „Ich habe kein eigenes Interesse an seiner Beseitigung.“ Er bestritt, ein Verhältnis mit der Frau gehabt zu haben. Er habe das Ehepaar 2012 kennengelernt. Die Frau habe unter der Gewalttätigkeit ihres Mannes gelitten, sich ihm öfter anvertraut. „Mir ist bewusst, dass er das Opfer ist.“ Aber seine Gewalt und Verachtung gegenüber seiner Frau waren Ausgangspunkte für die Tat.

Er habe sich auf ihr Bitten umgehört, ob es jemanden gebe, der die Tat ausführen wolle. Er habe auch die Waffe besorgt. Der Tatplan und der Zeitpunkt seien aber von der Angeklagten bestimmt worden. Am Tattag habe er dem aufgeregten Schützen am Telefon gesagt, er solle abhauen und die Tat abblasen. Er bedauere die Geschehnisse zutiefst.

19. Juni 2015: Der Prozess muss neu beginnen

Der zweite Verhandlungstag ist zugleich der vorerst letzte: Der Prozess muss wieder von vorne beginnen. Ein Richter sei erkrankt, sagt eine Sprecherin des Landgerichts Flensburg.

6. Juli 2015: Angeklagte legen Teilgeständnisse ab

Mit schriftlichen Teilgeständnissen von zwei Angeklagten begann der Prozess erneut. Der 36-Jährige Angeklagte gab zu, die Waffe besorgt und sie dem Jüngeren ausgehändigt zu haben. Als dieser jedoch am Tag der Tat vor dem Haus wartend von einer Frau angesprochen worden sei und ihn angerufen habe, habe er ihn aufgefordert, die Tat nicht auszuführen. Er sei froh, dass das Opfer lebt. Ähnlich äußerte sich der 25-Jährige. Er schäme sich für die Tat und „bereue sehr und zutiefst“.

26. November 2015: Die Verteidiger bestreiten Mordabsicht

Die Verteidiger bestreiten im Prozess die Anklage der Staatsanwaltschaft: Eine Mordabsicht hätten ihre Mandanten nicht gehabt. Der Verteidiger der Ehefrau sagte, es käme für seine Mandantin allenfalls eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags in Betracht. Der Anwalt des Schützen forderte eine Verurteilung auf Bewährung wegen Körperverletzung. Die Verteidigung des als Mittelsmann geltenden Angeklagten hatte bereits auf Freispruch plädiert.

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