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Auftakt zum Meisterkurs der Liedgestaltung : Hochgenuss mit Popstars des 19. Jahrhunderts

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

17. Meisterkurs der Liedgestaltung begann mit Werken von Karl Gottfried Ritter von Leitner, Emanuel Geibel und Theodor Storm.

Liedgesang und Liedgestaltung – schon die Begriffe erwecken in manchen Menschen Schwellenängste. Ist das was für mich? Nun, so viel ist sicher: Die Popmusik wurde später erfunden. Aber Popstars gab es auch schon im 19. Jahrhundert – in der Hochzeit der Liedkunst. Und wenn man dann auch noch von einem Mann durch den Abend geführt wird, dessen Fähigkeiten als Conferencier denen als Sänger in nichts nachstehen, dann wird auch scheinbar Rückwärtsgewandtes zum Hochgenuss.

„Und deine lieblichsten Gedanken, ich tauchte sie in Melodie“ hatten Charles Spencer (Klavier) und Ulf Bästlein (Bassbariton) ihr Auftaktkonzert zum 17. Meisterkurs für Liedgestaltung betitelt – und dafür einmal mehr die Form eines musikalischen Zwiegesprächs gewählt. Im Wechsel mit Friedolin Obersteiner (Countertenor) und Maren Donner (Klavier) brachten sie Vertonungen von Karl Gottfried Ritter von Leitner (1800-1890), Emanuel Geibel (1815-1885) und Theodor Storm (1817-1888) zu Gehör. Und schnell wurde deutlich, dass diese drei Herren mehr verbindet als die gemeinsame Lebensepoche und dass ihr Werk in vielem bis heute aktuell ist. „Alle drei lebten in Grenzregionen, und alle drei haben sich nachdrücklich zur Politik ihrer Zeit geäußert“, stimmte Bästlein die Zuhörer auf diesen besonderen Abend ein.

Es folgte eine ebenso kurzweilige wie informative Lehrstunde, die er immer wieder mit unterhaltsamen Anekdoten aus dem Leben der Dichter würzte. Geibels Werk, sagte der Husumer sichtlich bedauernd, sei mittlerweile in der Mottenkiste der Vergangenheit verschwunden. „Dabei war der Lübecker zu Lebzeiten ein Popstar, von dem mehr Texte vertont wurden als von Heinrich Heine.“ Das sei natürlich auch Theodor Fontane nicht entgangen und habe ihn zu dem Begriff „Geibelei“ hingerissen. Hier spätestens ging ein Raunen durchs Publikum. In Husum kennt man seinen Storm, dessen Liebe zu einer „prosaischen Landschaft mit komischen Bodenwellen“ (Bästlein) Fontane später als „Husumerei“ bezeichnen sollte.

So ging es hochamüsant und zeitgemäß durch eine nur scheinbar angestaubte Ära der Dicht- und Liedkunst, deren letztes Kapitel natürlich Theodor Storm gehörte. Dass dessen Texte – anders als die von Leitner und Geibel – zumeist erst im 20. Jahrhundert vertont worden seien, liege vor allem daran, dass Storm ein „Formkünstler“ gewesen sei und seine Lyrik einen eigenen Klang erzeuge. „Das macht ihn so unendlich modern“, sagte Bästlein und räsonierte trefflich darüber, wie ein Dichter und „notorischer Chorgründer“ in der „waldlosen Ödnis“ Nordfrieslands überhaupt Texte verfassen konnte.

Im Mittelpunkt des Abends aber stand die Musik. Für Bästlein war es nach eigenem Bekunden das erste Mal, dass er mit einem Countertenor auf der Bühne stand. Aber es war hoffentlich nicht das letzte Mal. Besonders beeindruckend: Als die beiden nacheinander Storms Poem „Schließe mir die Augen beide“ sangen.

Den Schlusspunkt aber setzte – und wie könnte es auch anders sein – „Am grauen Strand, am grauen Meer“.


In den kommenden Tagen werden Teilnehmer aus China, Deutschland, der Türkei, Österreich, dem Iran und Japan an Spencers und Bästleins Meisterkurs mitwirken. Die Ergebnisse ihrer Arbeit sind am Sonnabend, 12. August, ab 18 Uhr im Schloss vor Husum zu hören.

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erstellt am 09.Aug.2017 | 09:00 Uhr

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