Verdienst der Unabhängigen Frauengruppe : Hier wird keine Frau im Stich gelassen

Austausch: Beraterinnen und  Unterstützerinnen sitzen regelmäßig an einem Tisch.
Austausch: Beraterinnen und Unterstützerinnen sitzen regelmäßig an einem Tisch.

Seit fast 30 Jahren können sich Frauen in Not an Beratungsstellen in Husum und Niebüll wenden. Häusliche Gewalt hat nicht abgenommen.

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16. Juli 2014, 16:00 Uhr

Die Macherinnen der ersten Stunde wollten Frauen in Notsituationen aus eigener Kraft helfen: 1979 war das Geburtsjahr der Unabhängigen Frauengruppe Husum. Ehrenamtlich standen zunächst rund zehn Frauen ihren Geschlechtsgenossinnen in verschiedensten Krisensituationen zur Seite und organisierten sogar in den Nachtstunden Hilfe. Insbesondere Gewalt gegen Frauen machte der engagierten Gruppe aber deutlich, dass eine solche Aufgabe ohne Fachkräfte nicht adäquat zu leisten ist. Dieser Erkenntnis folgten 1985 zusammen mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband Taten – der Weg für die unabhängige Frauenberatungsstelle Nordfriesland mit Notruf wurde bereitet.

Am 1. Oktober 2015 besteht die Einrichtung seit 30 Jahren; einige der Initiatorinnen von damals sind immer noch mit von der Partie und wirken in dem rund 30 Mitglieder starken Trägerverein mit, der auch dafür sorgt, dass Frauen-Problematiken eine Öffentlichkeit finden: Informationsmaterialien müssen erstellt und Veranstaltungen organisiert werden. Aktuell steht bei den Unterstützerinnen das Thema „Gewalt gegen ältere Frauen“ auf der Agenda. Ria Sohrt und Marketta Weßler, die zum Vorstand des Trägervereins gehören, nennen im Gespräch auch die Gruppe der Migrantinnen, die oft in Kulturen zu Hause seien, in denen familiäre Gewalt verschwiegen werde. „Für sie wollen wir niedrigschwellige Angebote schaffen.“ Einen Flyer in sechs Sprachen für ausländische Mitbürgerinnen gibt es bereits.

Petra Stadtländer, die Leiterin der Beratungsstelle, ist von Anfang an dabei: zuerst als Kraft im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM). Heute gibt es öffentliche Gelder vom schleswig-holsteinischen Ministerium für Frauen und Bildung (2013: 50 000 Euro), dem Kreis Nordfriesland (36. 550) und den Städten Husum (35 300) und Niebüll (7800). Für Marketta Weßler ein Indiz dafür, dass Gewalt gegen Frauen „aus der Tabu-Zone heraus“ ist. Ein Wermutstropfen bleibt: „Es ist eine freiwillige Leistung, die jederzeit gekürzt oder gestrichen werden könnte. Wir wünschen uns, dass die Fördermittel abgesichert sind. Zurzeit sind wir kostendeckend finanziert – allerdings ohne Dynamisierung der Gehälter“, erklärt Petra Stadtländer. Fest steht: Ohne Spenden, um die sich der eigene Förderverein bemüht, würde es nicht gehen.

Zum Team um Stadtländer gehören die ebenfalls pädagogisch und psychotherapeutisch ausgebildeten Fachfrauen Kathrin Schipper und Maren Leder – alle werden von Assistentin Kerstin Schippmann unterstützt. Doch auf eine volle Stelle kommt keine Mitarbeiterin – insgesamt stehen 62,5 Wochenstunden zur Verfügung. Die Einrichtung ist zudem die einzige in Nordfriesland anerkannte Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt: Die Beraterinnen unterstützen Betroffene und deren Familien sowie Fachkräfte.

Der Bedarf ist da. So fragten im vergangenen Jahr 2400 Frauen und Mädchen ab 16 Jahren um Beratung und/oder therapeutische Begleitung nach in den beiden Einrichtungen in Husums Norderstraße 22 und Niebülls Friedrich-Paulsen-Straße 6a. Petra Stadtländer: „Bei uns wird sofort für Hilfe gesorgt. Therapieangebote waren ursprünglich nicht vorgesehen. Aber in der Region gibt es zu wenige Therapeutinnen und Therapeuten, so dass die Wartezeiten sehr lang sind.“

Die Themen, die die Betroffenen zu Petra Stadtländer und ihren Kolleginnen führten und führen, sind vielfältig: angefangen bei psychischen Krisen, sozialen und finanziellen Notlagen, Trennungs- und Scheidungsabsichten bis zu körperlicher und/oder seelischer sowie sexueller Gewalt, sexuellem Missbrauch, Vergewaltigung und Stalking.

Petra Stadtländer verweist auf einen neuen Bericht der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA), nach dem 33 Prozent der befragten Europäerinnen seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren haben. Dies entspricht etwa 62 Millionen Frauen. Für die Erhebung waren mehr als 42 000 Frauen in den 28 EU-Mitgliedstaaten kontaktiert worden. „Gewalt gegen Frauen ist nicht weniger geworden – heute kommen noch Cyber-Mobbing und K.O.-Tropfen dazu“, erklärt die Leiterin der Einrichtung. Sie wisse von vielen Frauen, die Opfer von „Vergewaltigungsdrogen“ geworden sind, die hilflos machen und die Erinnerung rauben. Bundesweit warnen alle Frauennotrufe vor diesen „Knock-out“-Tropfen, die in der Vielzahl der Fälle nach Wissensstand der Beraterinnen nicht von dem Unbekannten in der Disko, sondern im privaten Umfeld ins Glas getan werden.

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