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Nordfriesland : Heute den Weg für morgen bereiten

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Wie kann der ländliche Raum auch in Zukunft attraktiv für ältere Menschen bleiben? In Nordfriesland läuft dazu ein Feldversuch.

von
erstellt am 10.Nov.2017 | 10:00 Uhr

Das Ganze klingt irgendwie nach Feldversuch: Der Kreis Nordfriesland ist eine von zwei sogenannten Labor-Regionen, in denen zurzeit massiv der Frage nachgegangen wird, wie wohl das Leben in 20 bis 30 Jahren so aussieht. „Zukunftsszenario Altenhilfe Schleswig-Holstein 2030/45“ (kurz: ZASH) nennt sich das Projekt, an dem das Institut für Sozialökologie (ISÖ) – eine Forschungseinrichtung mit Sitz im nordrhein-westfälischen Siegburg – im Auftrag der Diakonie Schleswig-Holstein gerade schraubt. Auch im Kreis Segeberg.

Nachdem im September 2016 die Frage nach einem attraktiven Leben im Alter – vor allem auch im ländlichen Raum – im Rahmen dieser auf 18 Monate angelegten Studie erstmals gezielt in den Fokus genommen wurde, sind nunmehr zwei Drittel der geplanten Wegstrecke zurückgelegt. Zeit für die Protagonisten, im Arbeits- und Sozialausschuss des nordfriesischen Kreistags eine Zwischenbilanz zu ziehen. Zu Gast im Husumer Kreishaus waren dazu Landespastor Heiko Naß, Vorsitzender des Diakonischen Werkes, und Sophie Peter, Junior Researcher im ISÖ. „Wir fühlen uns auch der gesellschaftlichen Entwicklung in Schleswig-Holstein verpflichtet“, unterstrich Naß zunächst die Verantwortung des Diakonie-Landesverbandes der Inneren Mission mit seinen 14.000 Einrichtungen und jeweils 28 000 haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern.

Und die besagte Entwicklung ist eindeutig: Im Zuge des demografischen Wandels steht „der echte Norden“ als ländlich geprägtes Bundesland vor neuen Herausforderungen. Um künftig den Bedürfnissen der alternden Gesellschaft gerecht werden zu können, müssen Sozialräume neu gestaltet werden. In diesem Sinne hat das Projekt ZASH den Anspruch, über den Tellerrand hinauszublicken.

In einem, wie es heißt, „partizipativ angelegten Dialog“ mit der interessierten Öffentlichkeit sollen Horizonte und Korridore eröffnet werden, um später Akteuren in der Altenhilfe hinreichend Handlungssicherheit zu geben. Wichtig sei, so Naß: „Heute lassen sich schon Pfade legen, damit Szenarien sich erfüllen.“ Eine Art Strukturplan zur Daseinsvorsorge, entwickelt von zentralen Beteiligten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft sowie Familien, Freiwilligen und Fachkräften. Zentrale Frage: „Wie können wir überall alt werden?“ Am Anfang stand die Analyse von Zukunftstrends, die die Altenhilfe prägen, mit einer Reihe von Experten-Interviews. Mittlerweile fanden in beiden Kreisen jeweils zwei Zukunftswerkstätten statt: Dabei entwickelte die erste im März in Garding zunächst einmal Zukunftsbilder. Im zweiten Workshop ging es im September in Tönning darum, diese imaginären Kulissen in eine mögliche Realität zu transferieren. „Unser nächster Schritt wird sein, herauszufinden, wie die wünschenswerten Szenarien als wahrscheinlich eingeordnet werden“, kündigte ISÖ-Mitarbeiterin Peter an.

Als Grundlage für die Werkstätten wurden Analysen zu sieben Zukunftstrends der Altenhilfe herausgearbeitet – auf der einen Seite die drei gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Demografie, Wertewandel und soziale Veränderungen, auf die man indirekt einwirken kann; auf der anderen Seite die vier Elemente der Zukunftsgestaltung, die sich unmittelbar beeinflussen lassen: Pflege, Technologie, Mobilität und Sozialsysteme.

In Nordfriesland bieten sich drei Projekte zum Mitmachen an. In der Gruppe „Generationenübergreifendes Wohnen und familienähnliche Netzwerke“ entstand die Idee, Verbündete zu suchen, Vereine zu involvieren und Events zu organisieren. In einem ersten Schritt ließen sich Referenzprojekte finden und
ein generationenübergreifender Austausch etwa durch Tauschbörsen schaffen. Die dienten unter anderem dazu, unterschiedliche Bedürfnisse zu artikulieren und transparent zu machen, um eine Basis und Ideen für wechselseitige Hilfeleistungen zu haben. Damit hänge die Entwicklung von familienähnlichen Netzwerken eng zusammen. Ziel sei eine reale Begegnung und der Abbau von Scheu – dafür müssten Orte gefunden werden.

Die zweite Gruppe nennt sich „Rufbus plus“ und setzt auf Investitionen in die Zukunft – und dabei besonders in die Infrastruktur. Das auf Eiderstedt bereits in Teilen bestehende Rufbus-Projekt (wir berichteten) soll – dafür steht das „plus“ – in den Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) eingebettet werden, vor allem durch eine digitale Vernetzung via App. Hinter der Idee eines sozialen Gemeinschaftsnetzes steht die Gretchenfrage „Was kann ich tun?“. Auch ein Info-Lotse entsprang den Überlegungen der Gruppe, die sich zudem einen Austausch von Best-Practice-Beispielen wünscht.

Wie auch die Gruppe „Das Miteinander im Sozialraum stärken“, die sehr systematisch vorging und erstmal erkannte, dass Bewusstsein in der Öffentlichkeit geschaffen werden muss. Bedarfe müssten erfasst sowie Ziele und Maßnahmen abgesteckt werden. Netzwerk-Akteure sind zu identifizieren und zu motivieren, um danach den Kontakt zu den Bürgern aufzunehmen. Wichtig sei, die Themen auf Gemeindeebene festzulegen. Die Mitglieder brachten einen Bürgerverein ins Spiel und verabredeten konkret eine Kümmerer-Konferenz (KüKo) – ein erstes solches Treffen fand im Oktober in Mildstedt statt.

Apropos: Die Werkstatt-Arbeit in Sachen ZASH findet ihren krönenden Abschluss mit einer Zukunftskonferenz am 14. Februar kommenden Jahres in Rendsburg. In diesem Modul soll es dann auf der Grundlage der Studienergebnisse aus den Kreisen Nordfriesland und Segeberg darum gehen, konkrete Schritte in Richtung des Zukunftsszenarios umzusetzen. „Eines der Ziele ist, eine positive Aussicht zu kreieren“, sagte Naß.


Weitere Informationen zu dem Projekt im Internet unter www.zash2045.de.

 

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