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Arbeiten auf Sylt: Pendler-Umfrage : Hetzjagd im Urlaubsparadies

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Zeitdruck, Stress und wenig Anerkennung: Die Liste der Kritik von Sylt-Pendlern an ihren Jobs ist lang. Das ergab eine Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Sie fühlen sich gehetzt, ihre Arbeit wird nur gering geschätzt und sie versinken in immer mehr Arbeit – die Liste der Kritik von Sylter Pendlern an ihren Jobs ist lang. 472 haben sich an einer anonymen Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) beteiligt – und deren Ergebnisse überraschen selbst die Gewerkschafter.

Sylt ist beliebt – bei Urlaubern und bei Prominenten. Doch das hat auch seine Schattenseiten. Der Wohnraum ist knapp. Auf der Insel arbeiten mehr als 10.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, dazu kommen knapp 2500 Minijobber. Allein in der Sommersaison pendeln täglich bis zu 4000 Menschen zu ihren Arbeitsplätzen auf die Insel. Die Arbeitnehmer beklagen zunehmend Stress und Druck. Der DGB wollte es genauer wissen und befragte Sylt-Pendler nach ihrer Situation am Arbeitsplatz. Eine ähnliche Befragung hatte die Gewerkschaft bereits 2012 vorgenommen und konnte damals schon erhebliche Probleme auf der Insel dokumentieren.

Vom 17. bis zum 20. August standen frühmorgens Interviewer des DGB mit einem kurzen Fragebogen an den Bahnhöfen in Niebüll, Klanxbüll, Keitum und Westerland, um die an- und abreisenden Arbeitnehmer und Auszubildenden nach ihrer Situation, ihren Sorgen und ihren Wünschen zu befragen. Viele von ihnen arbeiten im Hotel- und Gaststättengewerbe, im Handel und im Baugewerbe. Am Donnerstag, 27. August, stellte der DGB-Nord in Niebüll die Ergebnisse vor.

Besonders alarmierend für die Gewerkschaft: Die Hälfte der befragten Arbeitnehmer leidet nach eigenen Angaben unter geringer Wertschätzung durch den Arbeitgeber. Demnach verhielten sich die Arbeitgeber auf Sylt „deutlich schlechter als im Bundesdurchschnitt“, wie der DGB-Nord mitteilte. Hetze und Zeitdruck machen den meisten zu schaffen – zwei Drittel beklagen sich darüber. In der Gastronomie der Touristenhochburg waren es sogar 85 Prozent. 70 Prozent der Befragten kritisierten, immer mehr in der gleichen Zeit schaffen zu müssen. Für Überstunden bekam mehr als die Hälfte selten oder nie Geld. Immerhin ist im Vergleich zur Umfrage von 2012 die Anzahl der Überstunden etwas gesunken. Vor drei Jahren gaben 23 Prozent der Befragten an, dass sie mehr als zehn Überstunden die Woche leisten, aktuell sind es mit acht Prozent deutlich weniger.

Die gute Nachricht: Inzwischen verdiene nur noch jeder Zwölfte weniger als 8,50 Euro die Stunde. Vor drei Jahren sei das noch jeder Vierte gewesen. „Ein Anzeichen dafür, dass der Mindestlohn wirkt“, ist DGB-Regionalgeschäftsführerin Susanne Uhl überzeugt. Die Mehrheit der Befragten bekommt zwischen zehn und 15 Euro die Stunde. Und noch eine Überraschung haben die Umfrage-Ergebnisse zutage gefördert: Nur knapp ein Viertel aller Befragten würde überhaupt noch auf Sylt wohnen wollen – auch wenn es bezahlbaren Wohnraum gäbe. Tourismus und Immobilienhaie haben laut DGB die Arbeitnehmer von der Insel vertrieben.

Annelie Buntenbach, Mitglied des DGB-Bundesvorstands, zeigte sich nach der Präsentation der Studie überrascht, „wie groß doch bei der Befragung im Gastgewerbe das Empfinden von Arbeitsstress ist“. Das Ausmaß sei auf Sylt größer als im Bundesdurchschnitt. „Es zeigt sich, dass sich da dringend etwas ändern muss.“

Nach Darstellung von Susanne Uhl müssen besonders Frauen, die im Reinigungsgewerbe arbeiten, mit hoher „Arbeitsverdichtung“ fertig werden. Es gäbe Beispiele, dass in Hotels mehr Zimmer zum gleichen Preis zu putzen seien. Auch der Mangel an Wertschätzung müsse behoben werden, forderte Buntenbach. Oft würden Arbeitszeiten kurzfristig geändert oder zusätzliche Arbeit werde viel zu spät angekündigt.

Einen repräsentativen Anspruch erhebe die Umfrage allerdings nicht, dem DGB sei jedoch vor allem die Erfassung eines allgemeinen Stimmungsbildes wichtig.

„Unsere Umfrage ist ein Alarmsignal für alle, die gute Arbeit nicht nur in Sonntagsreden im Mund führen. Gerade für Arbeitgeber, die auf Sylt den Mangel an Fachkräften und Auszubildenden beklagen, gibt es einiges zu tun. Sylt ist ein schönes Ziel für Urlauber, aber immer noch eine Stress-Insel für die Beschäftigten“, erklärt Uhl. Buntenbach ist davon überzeugt, dass auch die Landesregierung in die Pflicht genommen werden sollte. „Es wird höchste Zeit, dass das Land aus dem Schlaglicht Sylt ein Fluglicht macht und alle Menschen im Land nach ihren Arbeitsbedingungen befragt.“

Wie geht der DGB jetzt mit den Umfrage-Ergebnissen um? „Wir haben nun Greifbares, was wir den demnächst Arbeitgebern vorlegen können“, sagt Uhl. Sie wünsche sich mehr Kommunikation zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Nachdem die Umfrage-Ergebnisse von 2012 vorgestellt wurden, habe es bereits Gespräche zwischen dem DGB und dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) gegeben. „Leider ist es aber noch nicht in das gemündet, was wir uns erhofft haben. Aber der Gesprächsfaden wurde aufgenommen“, so Uhl.

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erstellt am 28.Aug.2015 | 07:00 Uhr

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