Unter Druck : Hebammen vor Rauswurf auf Raten

Ina Nissen betreut  die schwangere Mona Jensen.
Ina Nissen betreut die schwangere Mona Jensen.

Ina Nissen aus Bohmstedt betreut die schwangere Mona Jensen. Doch wie lange sie ihren geliebten Beruf als Hebamme noch ausüben kann, weiß die 29-Jährige nicht. Grund: Die Prämien für Hebammen-Haftpflichtversicherungen sind immens hoch, sodass sich letztlich die Arbeit nicht mehr lohnt.

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12. März 2014, 17:30 Uhr

Freiberufliche Hebammen sind für Versicherer zum Risiko geworden. Nur noch drei von mehr als 150 Unternehmen dieser Branche im Land bieten diesem Berufsstand Haftpflichtversicherungen an. Nun plant noch eine Versicherung zum 15. Juli 2015 auszusteigen, was zur Folge haben wird, dass die beiden übrig gebliebenen Versicherer nicht allein die Last tragen wollen. Auch sie drohen mit Rückzug. Der Deutsche Hebammenverband hatte sich sogar europaweit auf dem Versicherungsmarkt umgehört, ob es nicht doch noch ein Unternehmen gibt, welches bereit ist, aus dem Duo wieder ein Trio zu machen: Fehlanzeige. Für die Hebammen gleicht diese Entwicklung einem Rauswurf auf Raten, denn ohne Berufshaftpflichtversicherung dürfen sie nicht arbeiten.

Zahlten die Geburtshelferinnen 1992 noch 178,93 Euro jährlich an Versicherungsprämie, waren es 2009 bereits 2370,48 Euro. Der Betrag stieg kontinuierlich weiter, inzwischen ist er bei 4480 Euro angekommen und könnte im Jahr 2015 die 5000 Euro-Marke erreichen. Für Hebammen wie Ina Nissen (29) aus Bohmstedt gibt es aus finanzieller Sicht daher keine Diskussion, ob sie ihren Beruf weiter ausübt oder nicht. „Ich würde größtenteils nur für die Versicherungsprämie arbeiten, und das kann nicht Sinn der Sache sein.“ Noch ist sie im Mutterschutz und widmet sich ihren eigenen zwei Kindern. Was nach dieser Zeit kommt, weiß sie nicht. „Außer Abwarten kann ich nicht viel tun. Ich hoffe, dass sich die Politik einschaltet, damit wir Hebammen eine Zukunft haben.“

Gegenwärtig sieht es jedoch düster aus. Die Zahl der von Hebammen verursachten Schadensfälle ist zwar nicht gestiegen, allerdings die Zahl der Eltern, die nach den Geburten auf Schadensersatz klagen. „Doch nicht nur sie, sondern auch die Sozialversicherungsträger, die beispielsweise für Therapien nach Geburtsschäden zur Kasse gebeten werden, ziehen vermehrt vor Gericht“, erklärt Ina Nissen. Einige erstreiten Ansprüche in Millionenhöhe gegen Hebammen, wenn etwas schief gelaufen ist und können im Rahmen von Regressforderungen für Geburtsfehler noch bis zu 30 Jahre nach der Entbindung Klage einreichen. Für die Versicherer bedeutet das eine finanzielle Belastung, die kaum mehr tragbar ist, zumal es immer weniger Hebammen und damit immer weniger Beitragszahler gibt. Bis maximal sechs Millionen Euro zahlen die Versicherungen derzeit im Schadensfall für Hebammen. Liegt der Schaden höher als diese Summe, haftet die Hebamme mit ihrem Privatvermögen und das bedeutet Privatinsolvenz.

Ina Nissen ist sich der Konsequenzen im Falle eines Falles zwar bewusst. Aber sie liebt ihren Beruf und möchte ihn nicht missen. „Eine Geburt ist ein einzigartiger Augenblick.“ Vorher und nachher betreut sie die Mütter und wird für die Frauen zu einer Freundin auf Zeit. Keine Fragen bleiben offen und sind sie auch noch so intim – Hebammen geben auf alles eine Antwort, sind da, wenn sie gebraucht werden: rund um die Uhr. Mona Jensen aus Drelsdorf ist zum dritten Mal schwanger. „Beim ersten Kind war es für mich ganz wichtig, dass ich eine Hebamme an der Seite hatte. Ich war unsicher, speziell die Zeit nach der Geburt hätte ich ohne sie emotional nicht geschafft“, ist die Nordfriesin überzeugt.

Der Großteil der werdenden Eltern in Nordfriesland möchte in dieser ganz besonderen Lebenssituation nicht auf die Rundum-Betreuung durch Hebammen verzichten, weiß Ina Nissen. Sie setzt deshalb auch auf die Solidarität der künftigen Mütter und Väter und hofft, dass viele am Sonnabend, 15. März, in der Landeshauptstadt mit auf die Straße gehen, um für die Sache der Hebammen zu demonstrieren. „Nordfriesland ist dabei“. Zu dem landesweiten Protest geht es mit der Bahn von Husum nach Kiel: Treffpunkt ist dort um 11.30 Uhr der Asmus-Bremer-Platz. Die Bahn fährt ab Husum um 9.35 Uhr. „Damit wir Ticket-Gemeinschaften bilden können, sollten alle bereits um 9.20 Uhr am Bahnsteig sein“, bittet Ina Nissen.

Ihre Kollegin, die Grünen-Kreistagsabgeordnete Martje Seemann, und die gesundheitspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion, Marret Bohn, fordern bereits einen Krisengipfel auf Bundesebene, um „zu retten, was zu retten ist“. Für Seemann und Bohn steht fest: „Die Geburtshilfe auf Sylt war nur die Spitze des Eisberges – inzwischen geht es schon längst um die Geburtshilfe im Ganzen. Aber Mütter und junge Familien brauchen Hebammen vor Ort. Der aktuelle Zustand ist für alle Beteiligten eine Zumutung.“

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