Seltener Sport : Hattstedt ist Cricket-Hochburg

Cricket: Durch Einwanderung von Dänemark nach Hattstedt gekommen.
Cricket: Durch Einwanderung von Dänemark nach Hattstedt gekommen.

Die Gemeinde Hattstedt ist das Zuhause vieler Landwirte, Gewerbetreibenden – und Cricketspieler.

von
17. Mai 2018, 14:00 Uhr

„Cane, aufpassen!“ ruft Trainer Jörg Krüger einem seiner Schützlinge zu. Ein kleiner roter Ball surrt durch die Luft, Füße trappeln über den Rasen – und zack! Sicher holt sich der Zwölf-Jährige den Schlagball aus der Luft. Seine Mannschaftskollegen klatschen, die Positionen werden gewechselt. Auf dem Spielfeld: eine bunte Mischung aus Nationalitäten, die sich jeden Mittwochnachmittag zum Training treffen. Nicht zum Handball, nicht zum Fußball, nein: Weit verborgen hinter einem kleinen Wäldchen am Ortsausgang der Gemeinde wird seit 1991 Cricket gespielt.

Landwirtschaft, Gewerbe, eine Tankstelle, ein Supermarkt– auf den drei Kilometern zwischen Ortsschild und Ortsschild könnten Passanten auf den Gedanken kommen, Hattstedt sei schön und gut, aber vor allem ein gewöhnlicher Durchfahrtsort. Nichts deutet daraufhin, dass ausgerechnet in der 2500-Seelen-Gemeinde kurz vor Husum ein Berg existiert, auf dem eine ganz andere (Sport-)Welt zu Hause ist.

Cane Peper ist einer von 18 Jugendlichen der U13-Mannschaft, die sich jede Woche am Mikkelberg (deutsch: „der hohe Berg“) zum Training des dänischen Cricketverbandes treffen. Alle Auswärtsspiele des Clubs finden in Dänemark statt und auch die Trainingsanweisungen ruft Krüger auf Dänisch über den Platz. „Kein Problem“, sagt Cane. „Die meisten von uns gehen ja auf die dänische Schule.“ Die Gemeinde Hattstedt ist Teil des ehemaligen dänischen Herzogtums Schleswig und damit auch des heutigen Südschleswigs („Sydslesvig“).

Schlussendlich kam der Cricket-Sport nach Hattstedt, wie er auch einst in andere Länder kam: durch Einwanderung. In den 50-er Jahren wanderte Henry Buhl aus Dänemark nach Deutschland aus und übernahm die Leitung des dänischen Freizeitheims in Husum. Mehrere Versuche sowohl eine Fußballmannschaft als auch eine Handballmannschaft zu etablieren, scheiterten, weil gute Spieler von anderen Vereinen abgeworben wurden. Schließlich war es seine Frau, Anne-Kjestine, die den Einfall hatte, eine Cricket-Mannschaft zu gründen. „Da war zumindest die Wahrscheinlichkeit gering, dass Spieler abgeworben werden konnten“, erzählt Jörg Krüger und lächelt. Der Trainer verbrachte selbst als Kind seine Nachmittage zunächst im Freizeitheim und später auch bei Henry Buhl auf dem Cricketfeld. Als der Club nach Hattstedt umzog, war deshalb auch schnell klar, wer den Trainerposten übernehmen würde.

Am Mikkelberg sind nach einer halben Stunde Aufwärmprogramm die ersten Wurfübungen vorbei. Nun geht das richtige Spiel los. „Easy peasy Jungs“, ruft der Trainer über den Platz. Mit „Jungs“ meint er auch die elfjährige Lilly. Sie ist das einzige Mädchen in der U13-Mannschaft. „Mir bringt das trotzdem Spaß“, sagt die Schülerin selbstbewusst. Mit gestrecktem Arm wirft sie den Ball in Richtung „Batsmann“, der bereits darauf wartet, den Ball wegzuschlagen. Klock! Getroffen – der kleine rote Ball schießt quer über das Feld, es kommt Bewegung ins Spiel. Der Schlagmann läuft über eine markierte Bahn, am Kreis laufen andere, der Ball wird zurückgeworfen – Jubel.

Welches Team jetzt für welche Aktion einen Punkt erhalten hat, ist für einen Cricket-Neuling schwer zu verstehen. Trotz des schwierigen Regelwerks wird Niedrigschwelligkeit im Mikkelberg-Club groß geschrieben.

„Wir wollen, dass jeder mitspielen kann. Es soll nicht am Finanziellen scheitern“, sagt Jörg Krüger. Der Club stellt für die Jugendlichen die Ausrüstung und auch sonst „ist die Unterstützung und Hilfsbereitschaft der Eltern hier einmalig“, ist der Trainer stolz. 75 Jugendmitglieder spielen derzeit im Verein, darunter auch viele mit pakistanischen und indischen Wurzeln. Bei ihnen ist Cricket in der Heimat ein Nationalsport.

Doch insgesamt sind die Zahlen seit Jahren rückläufig. Das Freizeitverhalten der Kinder habe sich verändert, es sei zunehmend schwieriger geworden, für Mannschaftssportarten neue Mitglieder zu bekommen. „In den 80-er Jahren hatte der dänische Verband noch 5000 Mitglieder, jetzt sind wir bei knapp 2500“, sagt Jörg Krüger mit Bedauern in der Stimme. Zurück auf dem Spielfeld geht das Treiben in der Nachmittagssonne weiter. In der Ferne rauschen Durchfahrende auf der B5 vorbei – womöglich immer noch ungeahnt dessen, was sich hinter dem kleinen Wäldchen am Ortsrand abspielt.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen