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Erstmals Frau an der Spitze des Handwerkervereins : Handwerk ist die Basis aller Innovation

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Sie ist die erste Frau an der Spitze des vor 157 Jahren gegründeten Husumer Handwerkervereins: Birgit Szyszka, 45-jährige Goldschmiedin, stand für ein Interview zur Verfügung.

In der 157-jährigen Geschichte des Husumer Handwerkervereins von 1857 ist Birgit Szyszka die erste Frau an der Spitze. Die 45-Jährige wurde bei der jüngsten Hauptversammlung von den Mitgliedern zur Nachfolgerin des langjährigen Vorsitzenden Udo Gutbier gewählt (wir berichteten). Nach dem Fachabitur, das sie 1987 in ihrer Geburtsstadt Kassel gebaut hat, begann Szyszka in der Meldorfer Domgoldschmiede ihre Lehre. Die durfte sie auf eigenen Wunsch in der damaligen Husumer Zweigstelle absolvieren – bis zur Gesellenprüfung, die übrigens im hiesigen Handwerkerhaus stattfand. Nach den vorgeschriebenen drei Gesellenjahren legte sie die Meisterprüfung ab und eröffnete im März 1995 im Osterende ihre Goldschmiede. Szyszka ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Als Frau an der Spitze und Vertreterin eines Berufszweigs, der bisher im Handwerkerverein noch nicht vertreten war, brechen Sie alte Traditionen. Für Sie ein Paradigmenwechsel?

Szyszka: Wenn wir bedenken, dass Golddraht bereits 3000 vor Christus in Ägypten Verwendung fand, finde ich eher, dass nunmehr wieder ein traditionsreiches Handwerk im Verein vertreten ist. Einen Bruch alter Traditionen sehe ich hier überhaupt nicht, eher eine Korrektur. Zum Handwerk gehören bereits heute eine Vielzahl an überaus kompetenten und motivierten Frauen. Seit drei Jahren bin ich Mitglied im Vorstand – und nachdem Udo Gutbier, der sich um den Verein verdient gemacht hat, auf eine weitere Kandidatur verzichtete, habe ich meine Bereitschaft erklärt, dieses Amt zu übernehmen. Dies sehe ich eher als konsequente Fortsetzung meines persönlichen Engagements in dem Verein, der mir sehr am Herzen liegt.

Apropos: Warum sind Sie überhaupt dem Handwerkerverein beigetreten?

Tradition ist mir sehr wichtig! Aus vielerlei Gründen muss sie gepflegt und auch stets für die nachwachsenden Generationen glaubhaft vertreten und verständlich kommuniziert werden. Gerade der Husumer Handwerkerverein hat sich dies zur Aufgabe gemacht, daran möchte ich gerne mitwirken. So gehen zum Beispiel Techniken gerade im Handwerk verloren, weil sie vermeintlich dem Zeitgeist nicht mehr entsprechen und die Erkenntnis verloren geht, dass genau sie die Basis aller innovativen Weiterentwicklungen darstellen.

Nicht nur im Vorstand sind Sie die einzige Frau, auch unter den Mitgliedern sind Sie allein auf weiter Flur. Wie fühlen Sie sich in der von Männern beherrschten Vereinswelt?

Was den Vorstand angeht, so ist das korrekt. Zu den Mitgliedern zählt seit kurzem auch Frau Kluth, und dass hinter manchen Firmen-Mitgliedschaften durchaus Frauen eine führende Rolle spielen, sehen wir beispielhaft an der Firma Dircks und Carstensen. Ansonsten fühle ich mich im Vorstand sehr wohl, weil ich weiß, dass wir nicht nur am gleichen Strang ziehen, sondern auch in die gleiche Richtung. Die gemeinsame Zielsetzung verbunden mit gegenseitiger Akzeptanz ist wesentlich wichtiger als die Frage des Geschlechts.

Sie sprechen die Zielsetzung an: Was haben Sie sich vorgenommen? Wollen Sie mit ganz neuen Ideen aufwarten?

Zuerst einmal gilt es, die erfolgreiche Arbeit meines Vorgängers fortzusetzen, um das Vertrauen, das die Mitglieder in meine Wahl gesetzt haben, zu rechtfertigen. Dann geht es darum, die laufende Imagekampagne des Handwerks bestmöglich zu unterstützen. Dies kann sowohl in den Gremien, in denen der Verein vertreten ist, als auch zum Beispiel durch zweckdienliche Informationsabende geschehen. Vieles wird heute dank unserer technologischen Entwicklung maschinell gefertigt. Dass einem Großteil davon aber immer noch grundsolide Handarbeit vorausgeht, sollte nur nicht vergessen werden. Handwerk ist wertvoll und werterhaltend; das Bewusstsein hierfür darf gerne weiter gestärkt werden.

Und was noch?

Nun, da wäre das Vorhaben, verstärkt heute durchaus übliche Informationssysteme in die internen Organisationsabläufe des Vereins zu integrieren. Dabei geht es auch darum, aktuelle, sinnvolle und notwendige Daten von Mitgliedern für Mitglieder zur Verfügung zu stellen. Stichworte wie „Netzwerk“, „Informationsfilter“ und „Internetpräsenz“ seien hier genannt. Es ist mir und dem Vorstand nicht daran gelegen, das Rad neu zu erfinden. Die Gemeinschaft des Handwerkervereins zu stärken und auf eine noch breitere Basis zu stellen, ist für den Anfang Aufgabe genug.

Wie schätzen Sie die Ausbildungsmöglichkeiten im Handwerk ein – und in welchen Berufszweigen sehen Sie Handlungsbedarf?

Die Ausbildungsmöglichkeiten im Handwerk sind so vielfältig wie in keinem anderen Wirtschaftszweig. Die Tatsache, dass in einzelnen Berufen die Meisterpflicht bei Selbstständigkeit entfallen ist und dadurch möglicherweise weniger ausgebildet werden kann, führt mich zu der Überlegung, dass – neben Gründen der Qualitätssicherung – gerade diese Entscheidungen noch einmal auf den Prüfstand gehören. Zu dem gesamten Angebot gibt es übrigens interessante Infoveranstaltungen der Kreishandwerkerschaft.

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