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Krankenhaus Tönning : Großer Frust wegen Klinikschließung

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Eiderstedter wollen ihr Tönninger Krankenhaus behalten. Große Sorgen machen sie sich um die Notfallversorgung.

Tönning | Viel Kritik war in der Stadthalle Tönning zu hören, viel Kritik an den Plänen des Kreises Nordfriesland, die stationäre Abteilung des Krankenhauses in Tönning zu schließen und ein Medzinisches Versorgungszentrum einzurichten. Der Kreis ist Träger des Klinikums Nordfriesland, zu dem das Haus in Tönning gehört. Landrat Dieter Harrsen und Kreispräsident Heinz Maurus hatte zu diesem Infoabend eingeladen, um den Bürgern das Ergebnis eines zweiten Gutachtens zur wirtschaftlichen Situation vorzustellen und Fragen zu beantworten.

Bald müssen die Eiderstedter weiterfahren, um ins Krankenhaus zu kommen. Mit der Schließung des Krankenhauses in Tönning bricht die zentrale Anlaufstelle weg. Es wird sich zeigen, ob ein fehlendes Krankenhaus auch zu Einwohnerschwund führt.

Am 23. März wird der Kreistag über die Zukunft des Klinikums entscheiden. Aber weder die Hinweise auf die angespannte wirtschaftliche Situation des Klinikums Nordfriesland noch auf die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen überzeugten die große Mehrheit der 300 Zuhörer in der Tönninger Stadthalle, unter denen auch etliche Kreistagsabgeordnete waren.

Immer wieder wurden kritische Fragen gestellt und Antworten verlangt. Wiederholt waren ungläubiges, manchmal höhnisches Gelächter, Protestrufe und einmal so gar ein wiederholtes Pfui zu hören. Andere Protestaktionen gab es jedoch nicht, abgesehen von einem einsamen Schild, das ein Zuhörer in die Höhe hielt: Auf der einen Seite stand „Leben retten kostet nun mal Geld“, auf der anderen „Das Krankenhaus muss bleiben“.

Staatssekretärin Anette Langer aus dem Gesundheitsministerium, Kreispräsident Heinz Maurus, Landrat Dieter Harrsen, Klinikum-Geschäftsführer Frank Pietrowski, Frank Jantzen und Daniela Derscheid von der Wirtschaftsprüfungs-Firma BDO aus Köln, die das Gutachten erstellt hatte, und Dr. Martin Böhm aus Husum, als Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), standen Rede und Antwort.

Zunächst stellten Jantzen und Derscheid die Ergebnisse des Gutachtens vor und gingen auf die für das Klinikum äußerst ungünstigen wirtschaftlichen und gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen ein. Diese haben zu einem Defizit des Hauses von einer Million Euro jährlich geführt, zusätzlich musste das Klinikum selbst investieren, was zu einer weiteren Belastung von zwei Millionen Euro geführt hat. Tönning selbst schreibt ein Minus von 750.000 Euro pro Jahr, am Standort Niebüll fehlen 1,2 Millionen Euro jährlich.

Wäre der Landesbasisfallwert nur um gut einen Prozent höher und hätte das Land, wie vorgeschrieben, die zwei Millionen Euro an Investitionen übernommen, würde das Klinikum eine Million Euro Gewinn erzielen, so Jantzen. Das Klinikum sei vergleichsweise klein – das führe zu Nachteilen wie Fachkräftemangel, Marktdruck, niedrige Fördermittel, eine auseinander klaffende Erlös-Kostenschere. Kreispräsident Maurus betonte, dass es jetzt darum gehe für Nordfriesland eine gute Krankenhaus-Versorung sicherzustellen. Es drohe Ende 2017 die Insolvenz, so Harrsen.

Doch die Eiderstedter haben Angst vor den negativen Folgen einer Schließung. Immer wieder kreiste die Diskussion um das Thema Rettungsdienst. Für diesen ist der Kreis in Abstimmung mit der KV zuständig. Mehrfach wurde nachgefragt, mehrfach versicherte der Landrat, dass die Notarztversorgung nicht gefährdet sei. Dieser bleibe in der Rettungsstation in Tönning an der B  5. Es solle der Rettungsdienst im Sommer in St. Peter-Ording verstärkt. Denn wiederholt kam der Hinweis auf die zigtausend Urlauber, die sich in der Hochsaison im Badeort und auf Eiderstedt aufhalten.

Bezweifelt wurde auch, dass die Wegezeiten eingehalten werden könnten. Vor allen Dingen im Sommer beim starken Urlaubsverkehr auf den Bundesstraßen und im Winter bei Glatteis und Nebel. Auch das Eidersperrwerk wurde als Nadelöhr angeführt. Jantzen erklärte, dass der Rettungsdienst dies kompensieren werde. Verständnisloses Gelächter erntete Dr. Martin Böhm für seinen Hinweis, dass, wer den Notfall fürchte, lieber rechtzeitig zum Hausarzt gehen solle, der würde die Warnsignale für einen Herzinfarkt erkennen. „Eine Notfallversorung rund um die Uhr ist Wunschdenken.“

Wie sehr die Eiderstedter an ihrer Klinik hängen, machte Hans Jacob Peters deutlich, er ist Vorsitzender des Fördervereins der Einrichtung. „Wir haben 7000 Unterschriften für den Erhalt gesammelt. Muss ich denn erst ein Seehund oder eine Gans werden, damit für mich Steuergelder ausbezahlt werden?“ Dafür erhielt er Beifall. Der Förderverein habe mittlerweile doppelt so viele Mitglieder und würde der Klinik Tönning gern jedes Jahr finanziell unter die Arme greifen.

Auf Nachfrage von Gerhard Bittner versicherte Pietrowski, dass für Schul-, Wege- und Arbeitsunfälle auch weiter ein Durchgangsarzt in Tönning stationiert werden. Aber Bittner wandte sich auch kritisch an die Eiderstedter: „Wir müssen uns vorwerfen lassen, dass wir nicht aufgepasst haben, dass still und leise aus 55 Betten 29 in Tönning geworden sind. Dabei hatten diese teilweise eine Auslastung von 90 Prozent.“ Er schnitt damit ein Thema an, dass ebenfalls auf den Nägel brannte: der Abbau von Kapazitäten und Angebot.

Tönning habe nur noch die einfachen Fälle bekommen, die wenig Geld bringen, sagte Egon Kring vom Förderverein. Warum werde in Tönning seit 2015 nicht mehr nach 16 Uhr operiert? Das seien Maßnahmen gewesen, um nicht noch mehr Defizit einzufahren, entgegnete Pietrowski. Pastorin Gisela Mester-Römmer erinnerte an den Masterplan Daseinsvorsorge und dass ein Krankenhaus auch ein wichtiges Argument für neue Einwohner sei. „Ich finde es negativ, dass auf der einen Seite von der Krankenhaus-Schließung und auf der anderen Seite von einem Neubau gesprochen wird.“

Es wird derzeit bereits über ein neues Zentralkrankenhaus für Nordfriesland in Bredstedt nachgedacht. Erste Schätzungen gehen von Kosten von 65 Millionen aus. Anette Langner wies auf die geringe Auslastung von 60 Prozent in Tönning hin. Die Menschen gingen nun mal in größere Kliniken. „Wir wollen alle zu einer zukunftsgerechten Lösung beitragen.“ Das Land werde das Klinikum NF weiter unterstützen.

In den vergangenen Jahren flossen 30 Millionen Euro, weitere 17,4 Millionen Euro sollen in Husum und 4,6 Millionen in Niebüll investiert werden. Zur Nachfrage von Amtsvorsteher Christian Marwig, ob bessere Lebensbedingungen nicht Ziel einer regionalen Entwicklung sein müssen, erklärte der Landrat: „Wir haben regional nicht zu bestimmen, was wir für Geld für unser Krankenhaus bekommen. In Deutschland ist die klare Zielsetzung: Es sollen Klinikbetten abgebaut werden. Schon vor 20 Jahren wurde über eine Schließung diskutiert, wir können nicht mehr dagegen an arbeiten.“ Die Vorgaben in der Gesundheitspolitik könne der Kreis nicht beeinflussen.

Was viele am Ende der knapp dreistündigen Veranstaltung erbitterte, hatte Stadtvertreter Hauke Schmidt formuliert: „Es wurde gar nicht geprüft, wie Tönning erhalten werden könnte.“

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erstellt am 16.Mär.2016 | 07:00 Uhr

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