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Husumer Nachrichten

23. Oktober 2017 | 23:28 Uhr

Haus Peters : Große Kunst in kleinen Räumen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

„Bilder aus dem prallen Leben“ des Malers, Grafikers und Buchillustrators Erhard Göttlicher sind noch bis zum 5. Juni im Tetenbüller Haus Peters zu bewundern.

Reglos sitzt sie auf einem Stuhl. Mitten im Raum. Nackt. Eine junge Frau, hüllenlos den Blicken der Besucher ausgeliefert, versunken in ihre eigene Gedankenwelt. Dass ihre Blöße für Verblüffung und Irritationen sorgt, weiß Erhard Göttlicher nur zu genau: „Der Schornsteinfeger wäre fast vom Dach gefallen, als er sie durch das Fenster in meinem Haus sah“, erzählt der Kunstprofessor mit verschmitztem Lächeln. Er hat eine ganze Reihe von Anekdoten parat, die sich um seinen „Weiblichen Akt, sitzend“ ranken.

Die 1996 aus GFK (Glasfaserverstärktem Kunststoff), Acryl und Grafit geschaffene, lebensechte Figur hat schon wiederholt Aufsehen erregt. Nun auch im Haus Peters in Tetenbüll, das einen der bedeutendsten Künstler der Gegenwart mit einer Werkschau ehrt: Erhard Göttlichers „Bilder aus dem prallen Leben“ sind in der Galerie des historischen Kaufmannsladens bis Sonntag, 5. Juni, zu sehen. Sie bilden den spektakulären Auftakt zum 25-jährigen Bestehen des Hauses: „Wir wollen in diesem besonderen Jahr mit großen Namen locken“, sagt Geschäftsführerin Dr. Katrin Schäfer und freut sich, dass Heinz-Peter Schultz, ehemals Vorstandsmitglied im Förderverein, durch seine Kontakte zu Göttlicher die aktuelle Ausstellung ermöglicht hat.

Gezeigt wird ein Querschnitt durch das Schaffen des österreichisch-deutschen Malers, Grafikers und Buchillustrators, der mit kritischem Blick und hintersinnigem Humor ein Themenspektrum bedient, das von Porträts, Akten und Interieurs über außergewöhnliche Landschafts- und Tierstudien bis hin zu urbanen Ansichten reicht, die gespenstisch leer und verlassen wirken. Schonungslos spürt Göttlicher dem Menschen nach, hinterfragt dessen Handeln, entblößt Charaktere, entlarvt hohle Gesten und Eitelkeiten, seziert Machtstrukturen. „Göttlicher schärft hervor, was er sieht“, stellt Dr. Thomas Gädeke von Schloss Gottorf in seinem Vortrag zur Ausstellungseröffnung fest. Dabei ist der Künstler nicht zimperlich: Bewusst legt er den Finger in die Wunde. Provoziert. „Kunst darf wehtun“, findet der Alfred-Hrdlicka-Schüler: „Bilder, die abschrecken, bleiben meist viel länger haften.“ Göttlicher will den Blick auf Dinge lenken, die oft nicht gesehen werden, will sensibilisieren für unbequeme Themen. So wie mit seinen Illustrationen zu „Schindlers Liste“, die zurzeit im Jüdischen Museum Rendsburg die Besucher aufwühlen. „Aber auch die Freud- und Liebesthemen sind mir sehr nah“, gesteht der Künstler. Das belegen nicht zuletzt die vielen, großartigen Akte im Haus Peters.

„Seine Kunst ist eine ganz moderne Kunst“, stellt Gädeke mit Blick auf Göttlichers unverwechselbaren Stil fest, der von hohem zeichnerischen Können geprägt ist, mutig Formen reduziert, ungewöhnliche Bildausschnitte wählt und oft waghalsige Perspektiven einnimmt. Gern greift Göttlicher auch zum Mittel der Ironie, um ein Thema auf den Punkt zu bringen. Davon zeugen vier Illustrationen zu „Erich Kästner – Die 13 Monate“, die der Künstler im Haus Peters zeigt: Da flüchtet im „April“ ein Hase in Todesangst vor einem heranrasenden Biker, tanzt im „Mai“ ein junger Mann mit großen Sprüngen nackt durch den Wald, wird im „Juni“ das Baden am Strand zur Fleischschau eitler Selbstdarsteller, oder baumeln im „August“ zarte Dessous vor stramm stehenden Sonnenblumen an der Wäscheleine. Göttlichers jüngste Werke sind dem „regionalen Federvieh“ gewidmet: Und auch hier bleibt er sich treu, zeichnet Gänse mit Gänsekiel. Von Haus Peters und der Hängung seiner Bilder zeigt sich der 69-Jährige, der sonst große Kunsthallen und Museen gewohnt ist, übrigens sehr angetan: „Dass es hier eng und gemütlich zugeht, gefällt mir und ist mal etwas anderes.“


(Öffnungszeiten: Ostermontag sowie dienstags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr, ab Juni von 11 bis 18 Uhr; Künstlergespräch mit Erhard Göttlicher am Sonntag, 22. Mai, ab 15 Uhr).


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