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Stapelholm-Kaserne : Große Flüchtlings-Unterkunft in Seeth?

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Bundeswehr-Gebäude sind als zentrale Erstaufnahmestelle im Gespräch. Viel Verständnis, aber auch Besorgnis gibt es in der strukturschwachen Region.

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erstellt am 11.Apr.2015 | 13:00 Uhr

Am 30. Juni gehen in Seeth die Lichter aus. Nicht in der 600-Seelen-Gemeinde, aber in der Kaserne, die dem Ort überregionale Bekanntheit verleiht. So jedenfalls plant es die Bundeswehr, und das ist auch Grundlage der Nachnutzungspläne, die die Wirtschaftsförderer aus den Kreisen Schleswig-Flensburg und Nordfriesland mit Hochdruck vorantreiben. Diese Pläne könnten in Kürze eine andere Richtung bekommen, denn neben einem Investor hat auch das Land ein Auge auf das Areal geworfen. Teile der Kaserne sind als Standort für eine weitere zentrale Flüchtlings-Erstaufnahmestelle im Gespräch. Offiziell gibt es niemanden, der sich diesem aus moralischer Sicht verschließen möchte. Dennoch sorgen die Kieler Überlegungen für Unruhe in der strukturschwachen Region zwischen Treene und Eider.

Seit Anfang des Monats, als das Innenministerium Vertreter aus der Region über seine Notlage und die Abwägung einer möglichen Inanspruchnahme der Kaserne als Flüchtlingsunterkunft informierte, hat Peter-Wilhelm Dircks nichts mehr aus Kiel gehört. Ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist, weiß der langjährige ehrenamtliche Bürgermeister Seeths nicht. Er sei als Ehrenamtler mit der vorgesehenen Kasernenschließung ohnehin über beide Ohren belastet, da könne er eine Wendung in den laufenden Planungen überhaupt nicht gebrauchen, macht er deutlich. Dabei ist es weniger die eigene Arbeitsbelastung, die ihn umtreibt, vielmehr macht er sich Sorgen, dass alles, was durch die Wirtschaftsförderer bisher erreicht wurde, hinfällig sein könnte, sollte das Land in seiner Not auf die Kaserne zurückgreifen.

Tatsächlich hat mindestens ein Investor bereits großes Interesse an dem Konversions-Gelände (42 Hektar) hinterlegt. Produzierendes Gewerbe, Bildung, Gesundheit und Kultur – das seien die Schwerpunkte des möglichen Nachnutzungskonzeptes, bestätigt Stephan Jung, Konversionsmanager bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises Schleswig-Flensburg (Wireg). Sein Kollege Bernd Franke von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Nordfriesland (WfG NF) hatte noch im Februar anlässlich der Übergabe eines Förderbescheides über 352  000 Euro an die beiden Konversionsmanager durch das Land deutlich gemacht, dass im Sommer bereits die ersten Nachnutzer einziehen könnten. Er sprach gar von zwei Interessenten, einem aus Schleswig-Holstein, der andere sei ein Verbund, dem auch Skandinavier und Chinesen angehörten.

Eine Realisierung der Pläne wäre für die extrem abgelegenen Gemeinden, auf deren Gebiet sich die Kaserne befindet – neben Seeth auch Süderstapel – , wie ein Sechser im Lotto. „Das beste wäre: Bundeswehr raus, Investor rein“, sagt Dircks. Und er sieht die Verhandlungen auf einem guten Weg. „Der Elfmeter muss nur noch reingeschossen werden!“ Die Pläne des Landes indes schüren in der Region die Befürchtung, der oder die potenziellen Investoren könnten abspringen.

Natürlich erkenne er den Druck an, der auf dem Land angesichts des Zustroms von Flüchtlingen lastet, so Dircks. „Aber 250 bis 500 Flüchtlinge in unserem 600-Seelen-Dorf ohne jede Infrastruktur – wie soll da die Versorgung laufen? Wir haben nicht einmal einen Kaufmann.“

Sollte es konkrete Verhandlungen mit einem Investor für die extrem schwer zu vermarktende Kaserne geben, sollte das Land dies berücksichtigen, betont Schleswig-Flensburgs Landrat Wolfgang Buschmann, der aber auch hervorhebt, dass die Kreise keinerlei Mitsprache haben. Allerdings sehe er die Not des Innenministeriums und die Vorteile einer Kaserne, deren Gebäude in einem guten Zustand sind. „Wenn man eine Liegenschaft hat, in der man eine Erstanlaufstelle unterbringen kann, ohne Zeltstädte oder Containerdörfer errichten zu müssen, dann muss man das nutzen, betont Buschmann mit Blick auf eine möglicherweise unumgängliche Flüchtlingsbetreuung auch über den nächsten Winter hinweg. Und wenn Flüchtlinge nur einige Wochen dort untergebracht würden, bis sie im Land verteilt werden, dann relativiere sich auch die schlechte Lage. Auch aus dem Kreishaus in Husum wird Verständnis für die Entscheidung des Landes signalisiert, die Stapelholm-Kaserne ins Kalkül zu ziehen.

Neben der Abgeschiedenheit gibt es weitere Gründe, die aus Sicht regionaler Vertreter gegen die Kaserne sprechen. So sind die Verhandlungen zwischen den Standortgemeinden über einen Gebietstausch weit fortgeschritten. Ziel ist es, das Konversions-Areal formal in das Gebiet des Kreises Nordfriesland zu bekommen, damit Investoren nicht parallel mit mehreren Behörden zu tun haben. Damit einher ginge eine Verschiebung der Kreisgrenzen.

Das Innenministerium bestätigt, dass die Stapelholm-Kaserne als eine von mehreren Optionen als Standort für eine Flüchtlings-Erstaufnahmestelle geprüft wird. Im Gespräch sind auch der Kieler Uni-Campus und das Gelände des ehemaligen Marinefliegergeschwaders in Kiel Holtenau. Allerdings gebe es bisher weder eine Tendenz noch einen Zeitpunkt, wann eine Entscheidung fällt, so Ministeriumssprecher Thomas Giebeler. 

 

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