Grieche in Husum : Griechenland-Referendum: Die Menschen werden vergessen

Vermissen ihr Athen, sind aber dankbar, dass ihnen der Neustart gelungen ist: Anja Retzlaff und Apostolos Papagiannis. In Griechenlands Hauptstadt fallen ihnen heute als Besucher immer mehr Schilder mit den Hinweisen „Zu verkaufen“ und „Geschlossen“ auf.
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Vermissen ihr Athen, sind aber dankbar, dass ihnen der Neustart gelungen ist: Anja Retzlaff und Apostolos Papagiannis. In Griechenlands Hauptstadt fallen ihnen heute als Besucher immer mehr Schilder mit den Hinweisen „Zu verkaufen“ und „Geschlossen“ auf.

Apostolos Papagiannis ist aus Not mit seiner Familie nach Husum gezogen. Er freut sich über den Neuanfang, aber die Sorge um die Menschen in Griechenland begleitet ihn.

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04. Juli 2015, 12:00 Uhr

Husum | Apostolos Papagiannis ist ein ruhiger Mann. Und er bleibt es, wenn es um sein Griechenland geht. Der 50-Jährige mag keine Schwarz-Weiß-Malerei und zeichnet ein differenziertes Bild von der Krise – wohl wissend, dass er dadurch in seiner ersten und auch der zweiten Heimat eher für Minderheitenmeinungen steht. Seit vier Jahren lebt der gebürtige Athener mit Ehefrau Anja Retzlaff und den beiden Söhnen in Nordfriesland: am Anfang für kurze Zeit in Friedrichstadt – von dort stammt Ehefrau Anja – dann zog die Familie nach Husum. Davor liegen 20 gemeinsame Jahre in Athen, das sie aus wirtschaftlicher Not verlassen mussten. Im Norden haben beide Arbeit gefunden.

Den Griechen wünscht Papagiannis, dass sie „weiser“ werden: „Wir müssen unsere Schuld sehen und unsere Art ändern“, hält er nichts davon, die Ursache für die Misere der Europäischen Kommission, dem Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank anzulasten. Doch in deren Verantwortung sieht er, ob das gebeutelte Land eine Chance bekommt. Apostolos Papagiannis denkt vor allem an sein Volk, wenn er davor warnt, dass das Spar-Diktat der drei Institutionen noch mehr der etwa elf Millionen Griechen ins Elend treiben wird. Die Arbeitslosigkeit liegt bei etwa 25 Prozent, etwa jeder zweite Jugendliche hat keinen Job. Die Löhne sind niedrig, sodass Ärzte in staatlichen Krankenhäusern mit den Patienten um Extra-Vergütungen verhandeln. Seine Eltern leben im Norden des Landes von 680 Euro Rente und kommen klar, weil sie durch ihren Garten größtenteils Selbstversorger sind.

Apostolos Papagiannis war selbstständiger Taxifahrer, indem er eine der in Athen limitierten Lizenzen erstand und sich einen Wagen mit einem Kollegen teilte. Anja Retzlaff gab privat Deutschunterricht – überwiegend in reichen Familien. „Englisch, Französisch und Deutsch sind sehr beliebt.“ Und dann kamen die bitteren Momente: „Wenn jemand zwölf Stunden arbeitet und der Lohn von acht benötigt wird, um die Ausgaben abzudecken, dann geht es nicht mehr“, erzählt sie. Ihr Mann habe immer weniger verdient, sodass es von Monat zu Monat schwieriger wurde, nur die Lebensmittel zu bezahlen. „Die sind in Griechenland bis zu 30 Prozent teurer. Wir haben im Supermarkt immer nur das Billigste gekauft und trotzdem mehr ausgegeben als in Deutschland.“ In griechischen Familien werde jeden Tag diskutiert, was als nächstes bezahlt werden könne: ob Strom, Telefon oder... „Da nie Geld für alles da ist, wird das Meiste bar abgewickelt. Deshalb kommen Versicherungsvertreter persönlich vorbei.“

Das Steuerwesen hat keine richtige Struktur, es werden Posten aufgrund von Beziehungen und nicht nach Qualifikation vergeben und die überbordende Bürokratie sorgt für viele Hindernisse – dies sind nicht nur aus Sicht von Apostolos Papagiannis Hauptübel in Griechenland. „Der Staat ist mein Feind“, so empfinde die Mehrheit seiner Landsleute. „Doch wenn das System nicht funktioniert, was sollen die Menschen dann machen? Wer überleben möchte, fängt auch an zu mogeln.“ Für ihn ist dies eine Erklärung – keine Entschuldigung. Anja Retzlaff: „Die Griechen sind selbst nicht mit der Politik der vergangenen Jahrzehnte zufrieden – und schon gar nicht damit, dass einige wenige Familien das meiste Vermögen des Landes besitzen. Das Volk fühlt sich im Stich gelassen. Unsere Freunde wollten es nicht glauben, dass in Deutschland Miete und das Geld fürs Leben vom Staat mit übernommen werden. In Griechenland gibt es nur für ein Jahr Arbeitslosengeld.“ Doch eines ist dem Ehepaar aufgefallen: „Die Griechen sind zufriedener als die Deutschen.“ Apostolos Papagiannis: „Werte wie Respekt und Gastfreundschaft werden hochgehalten. Der Zusammenhalt in den Familien und die Hilfsbereitschaft sind sehr groß.“

Doch auch diese Haltung kann die Verarmung bei weiteren Rentenkürzungen und einer Erhöhung der Mehrwertsteuer – zwei zentrale Forderungen der Gläubiger – sicherlich nicht auffangen. „Vor fünf Jahren hat es mit den Sparauflagen angefangen und für die einfachen Leute ist es immer härter und härter geworden. Es war doch kein Erfolg. Wir haben in Griechenland einen Spruch, der besagt, dass es falsch ist, zu glauben, mit den gleichen Methoden ein anderes Resultat zu bekommen. Wir haben Hunger, Obdachlosigkeit und Selbstmord aus Not und Verzweiflung. Und es gibt viele, die kurz davor sind, abzurutschen.“ Anja Retzlaff: „Wie soll denn die Wirtschaft angekurbelt werden, wenn die Kaufkraft nicht da ist?“

Deshalb hat das deutsch-griechische Paar Verständnis für die Verweigerungshaltung von Premier Alexis Tsipras. Beim Referendum, das für morgen geplant ist, geht es um ein Ja oder Nein zu den Auflagen der Gläubiger – das Land hat 340 Milliarden Euro Schulden – und nicht um ein Bekenntnis zur Europäischen Union und den Verbleib in der Euro-Zone – beides wünscht sich Papagiannis. Er weiß, dass es Griechen gibt, die nur aus Angst davor, was passieren wird, überlegen, mit Ja zu stimmen. „Sie können sich vielleicht nicht vorstellen, dass es dann für sie noch schlimmer wird.“ Der Löwenanteil der „Rettungskredite“ würde ohnehin wie gehabt nicht bei den Menschen ankommen, sondern bei Banken und Gläubigern.

Und wie steht es mit Reisen nach Griechenland? Jens Jesse vom gleichnamigen Husumer Reisebüro hat für Griechenland-Urlauber vor allem einen Tipp parat: „Ausreichend Geld mitnehmen.“ Denn ob die Bankautomaten im Land noch Bares ausspucken, ist ungewiss.

Ansonsten haben er und sein Team bisher keine negativen Rückmeldungen von Griechenland-Reisenden erhalten. „Im Gegenteil. Die Leute sind durchweg begeistert, wenn sie von dort zurückkommen und loben vor allem die Gastfreundschaft.“ Außerdem seien alle, die auf dem Peloponnes und den griechischen Inseln im Tourismus tätig sind, äußerst bemüht, einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen, weiß Jesse. „Angesichts der Gesamtlage wird um die Kunden geradezu gebuhlt.“ Und selbst auf Inseln wie Kreta, wo die meisten Hotels bislang nur in den Sommermonaten geöffnet waren, wird jetzt über einen Ganzjahresbetrieb nachgedacht, „Das überließ man bislang der türkischen Konkurrenz.“

Dass Leute wegen der Krise ihre Griechenland-Reise storniert haben, hat er bislang nicht erlebt. Im Gegenteil: „Gerade hatten wir noch eine neue Buchung.“ Und dass wundert Jesse nicht. „Griechenland ist touristisch wirklich ein Juwel.“

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