Nach 189 Jahren : Gilde öffnet sich für Amazonen

Auch die Amazonen sitzen in Husum fest im Sattel.
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Auch die Amazonen sitzen in Husum fest im Sattel.

Historischer Schritt: Mit der Husumer Ringreitergilde von 1826 hat sich nun auch der letzte der fünf Ringreitervereine in Husum für Frauen geöffnet.

shz.de von
14. Januar 2015, 12:30 Uhr

„Das war eine historische Versammlung“ – Uwe Schmidt, erster Ältermann der Husumer Ringreitergilde von 1826, war am Ende der jüngsten Jahreshauptversammlung sichtlich erleichtert. Den Mitgliedern war es gelungen, Reiterinnen den Weg in die Gilde zu ebnen. Der geradezu revolutionär anmutende Beschluss der Männerrunde fiel fast einstimmig aus.

Die Diskussion um die Öffnung der Gilde hatte 2011 begonnen, ganz harmlos – und zwar mit einer Anfrage der Zeitung „Der Nordschleswiger“. Eine Reporterin wollte es wissen: „Da soll es bei Ihnen in Schleswig-Holstein noch Ringreitergilden geben, bei denen keine Frauen aufgenommen werden. Können sie das bestätigen?“ Der damalige General, Dr. Hansjörg Andresen, und der zweite Ältermann, Dr. Jens-Peter Greve, konnten es.

Damit war der Stein ins Rollen gebracht. In einem Grußwort zum 200. Bestehen der Friedrichtstädter Ringreitergilde nahm der zweite Ältermann den Gedanken auf und kam bei seinen recht lockeren Ausführungen auf Plattdeutsch zu dem Schluss, dass es eigentlich überhaupt keinen Grund mehr gäbe, im 21. Jahrhundert an dieser Tradition festzuhalten.

Greve hatte damals zwar vermutet, dass seine Kameraden sich über seine „revolutionären“ Gedanken wundern würden, nicht aber erwartet, dass es so lange dauern werde, sich dieser Sichtweise zu nähern.

Nun allerdings fiel die Zustimmung umso klarer und eindrucksvoller aus. Die Männer von der Gilde hoffen, dass schon in diesem Jahr die ersten Reiterinnen aktiv am Fest teilnehmen werden, und sind entschlossen, nicht von den traditionellen Festabläufen abzuweichen. Dazu gehören der Empfang durch den Bürgermeister am Freitag vor dem neuen Rathaus mit anschließendem Probereiten, der Umzug durch die Stadt am Sonnabend mit dem Empfang vor dem alten Rathaus durch den Bürgervorsteher und die Mitglieder des Hauptausschusses, das Gildefrühstück mit geladenen Gästen und schließlich das Reiten auf der alten Freiheit am Schlosspark, das am Sonntag seinen Abschluss mit dem Königsreiten findet. An allen drei Tagen werden die Umzüge, wie bisher, mit Musik begleitet.

Zum Festhalten an Traditionen gehört auch, dass sich das äußere Erscheinungsbild der Gilde kaum ändern werde, so Greve: „Es wird nur neue Gesichter geben, die sich allen Aufgaben in der Gilde stellen müssen, die die gleichen Rechte und Pflichten haben wie alle anderen Mitglieder.“

Bei den anderen vier Ringreitervereinen in der Stadt schwingen sich Frauen längst in den Sattel. Und bei allen hatte die Öffnung für Amazonen mit der allgemeinen Sorge um den eigenen Fortbestand zu tun. Bei der Rödemisser Ringreiter- und Schützengilde 1919/1959 macht die holde Weiblichkeit seit elf Jahren mit. Damals, so Vorsitzender und General Hans-Heinrich Schröder, zählte man rund 30 Aktive – „heute sind es 35“.

Beim 1927 gegründeten Ringreiterverein Kielsburg durften schon in den 90er-Jahren Frauen mitreiten. Im Feld der rund 25 Aktiven, die zu Wettkämpfen antreten, befindet sich nach Angaben des ersten Vorsitzenden Sönke Hansen regelmäßig ein Dutzend Amazonen.

Der Ringreiterverein Dreimühlen von 1953 konnte seinen Schwund durch die Aufnahme von Reiterinnen Ende der 90er-Jahre aufhalten: Unter den knapp 20 Mitgliedern befinden sich nun fünf Frauen. „Dieser Entwicklung kann sich niemand verschließen“, sagt General Michael Westphal auf Anfrage unserer Zeitung. „Wir haben nie ganz verstanden, dass die Gilde so lange standhaft geblieben ist.“

Fast zeitgleich mit den Kameraden aus Dreimühlen ließ sich auch der Ringreiterverein „Jung Husum von 1911“ nicht lumpen: Heute sind neun von 36 Mitgliedern Amazonen. „Wir sind der Verein in Husum mit den meisten weiblichen Nachkommen“, erklärt Ehrengeneral Sönke Pilz: „Die Töchter, die früher schon immer mit ihren Vätern zum Ringreiten gegangen sind, reiten jetzt selbst bei uns mit!“

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