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Aufregung in Tönning : „Gesundheit ist keine Ware“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Bei einer Umfrage unserer Zeitung sprachen sich alle Befragten für den Erhalt des Tönninger Krankenhauses aus und kritisierten das reine Wirtschaftlichkeits-Denken.

Die drohende Schließung des Klinikums in Tönning ist derzeit das Topthema in der Bevölkerung der Eider-Stadt. „Geht gar nicht“, ist von allen Seiten zu hören. Viele sind sich darin einig, dass das Krankenhaus erhalten werden muss. Die Pläne des Kreises Nordfriesland stoßen auf Unverständnis. Dieser hat große Umstrukturierungen für das Klinikum Nordfriesland ankündigt, dessen Träger er ist und zudem auch die Einrichtung in Tönning gehört. Hier soll der stationäre Teil des Hauses mit 29 Betten geschlossen werden. Es ist eine Umwandlung in ein Medzinisches Versorgungszentrum angedacht. Die Entscheidung über das Krankenhaus wird der Kreistag am 11. Dezember treffen.

Bei einer Umfrage in Tönning machten die Befragten ihrem Unmut und ihren Sorgen Luft. „Die ärztliche Versorgung in der Stadt ist nicht gerade überwältigend“, meint die Tönningerin Brigitte Wozniak-Schulz. Dabei stellt sie der Klinik ein ausgezeichnetes Zeugnis aus. Schon mehrmals sei sie als Patientin dort behandelt worden. „Ich bin immer sehr zufrieden mit der medizinischen Versorgung und Pflege gewesen. Was sich die Politiker in den Kopf gesetzt haben, hat mit der Wirklichkeit vor Ort nichts zu tun“, schimpft sie.

Auch Ingo Holst, der zusammen mit ihr gemütlich am Tisch in einer Bäckerei am Marktplatz sitzt, schließt sich der Kritik an. „Die Schließung betrifft ja nicht nur die Tönninger, sondern auch die Bewohner in den Nachbargemeinden“, sagt er. Gerade für ältere Leute hätte eine Schließung fatale Folgen. „Sollen die älteren Menschen mit dem Bus nach Heide oder Husum fahren, oder wie stellen sich die Politiker das vor?“ Für das Krankenhaus als Unfallklinik und Rettungsstation gebe es keine Alternative. „Ich kann nur hoffen, dass die Entscheidungsträger zur Vernunft kommen und nicht nur den Geldbeutel, sondern die Menschen in erster Linie im Blick haben.“

Jutta Stankewitz könnte bei einer Schließung direkt betroffen sein. Sie hat in den kommenden Wochen einige Termine im Krankenhaus. „Wir hatten schon immer die Befürchtung und die innere Angst, dass dieser Kahlschlag mal kommen wird.“ Als Spezialklinik für Handchirurgie und Venen sei das Haus auf dem Land unverzichtbar. „Es kann nicht sein, dass die Wirtschaftlichkeit über die Gesundheit des Menschen steht.“ Auch ihr Ehemann Hans-Joachim Stankewitz unterstützt sie dabei. „Auf dem Boden der Wirtschaftlichkeit wird das wichtigste Gut, die Gesundheit des Menschen geopfert, das kann nicht gut gehen.“ Es sei schon schlimm genug, dass der Patient inzwischen als finanzielle Einnahmequelle bewertet werde.

Auch Manfred Helbig will die Schließung des Klinikums nicht hinnehmen. Er ist Dauerpatient und muss somit regelmäßig zur ärztlichen Versorgung das Haus aufsuchen. „In Zukunft soll ich also nach Heide oder Husum fahren, um dort weiter behandelt zu werden, das kann doch nicht war sein.“ An einen Taxischein sei gar nicht zu denken. Auch er kritisiert den wirtschaftlichen Aspekt. „In erster Linie fragt sich der Betreiber des Krankenhauses: Wie kann ich mit den Patienten so viel wie möglich rausholen.“ Der gesundheitliche Aspekt sei, so seine Meinung zweitrangig. „Ich finde, hier muss eine grundsätzliche Veränderung der Bewertung des Menschen und seinen gesundheitlichen Bedürfnissen eintreten.“

Zu Wort meldet sich auch die Grünen-Kreistagsabgeordnete Martje Seemann aus Tetenbüll, die an unserer Umfrage unter den Eiderstedter Abgeordneten in der Freitags-Ausgabe nicht teilnehmen konnte. Sie sieht das Problem auch ganz klar in den Rahmenbedingungen. Sie fürchtet, dass das Krankenhausstrukturgesetz, das derzeit vom Bundestag beraten wird, dafür sorgen wird, dass kleine Standorte geschlossen werden. Das Gesetz soll zum 1. Januar 2016 in Kraft treten. „Die Bevölkerung muss protestieren und der Bund handeln. Es muss allen klar sein, dass Gesundheit keine Ware und dass das System falsch ist.“ Sie finde die Entwicklung bedenklich. Für Tönning selbst hat sie keine Hoffnung mehr. „Es ist eher fünf nach zwölf, als dass wir noch Handlungsspielraum haben.“ In Sachen Klinikum müsse jetzt gehandelt werden, so werde es an den Meistbietenden verkauft. Ein Weg könnte die Einrichtung von Geriatrie und Palliativstation sein, aber andererseits gebe es im Operationssaal Sanierungsbedarf. „Wir müssen sehen, dass wir Husum jetzt als Standort stärken.“

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