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Windkraft-Wildwuchs in der Kritik : Gemeinsam gegen neue Windräder

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Nicht nur die Bürgerinitiative „Lebenswertes Goldelund“ kämpft für die Streichung neuer Eignungsflächen. Unter anderem werden die Wertverluste von Immobilien in der Nähe der Anlagen als Argument angeführt.

Er ist Landwirt. Sein Vater war es auch und irgendwann soll eines seiner Kinder den Hof übernehmen. Nur weiß Günther Thomsen derzeit keinen Rat. Er fühlt sich unwohl in seiner Haut. Seit 2002 werde der Acker- und Milchvieh-Bauer von den Windmühlen um sein Grundstück förmlich bedrängt, die sich im Abstand von 700 Metern um ihn scharen, sagt er. Es sei gar nicht die Lautstärke. „Das Brummen und die Vibration in der Luft sind unerträglich.“ Seine Frau stört es übrigens nicht – daraus macht er keinen Hehl. Auch die zehn-, zwölf- und 14-jährigen Kinder beklagen sich nicht. Derzeit genießt der 48-Jährige einen Urlaub mit seinem Nachwuchs in Südeuropa – zum Entspannen. Seine Frau kümmert sich derweil um den Hof.

Er sei grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber erneuerbaren Energien wie Solar – halte dies für eine Alternative, die weder den Nachbarn noch die Natur störe. Solange es im Rahmen bleibe. „Wir machen Öko-Landbau aus Überzeugung“, betont Thomsen, für den die Windkraft Landschaft und Natur zerstöre. Wenn Windmühlen sein müssten, dann nur mit einem generellen Abstand von 1500 Metern zu Wohnbebauung. Oder zumindest auf Höhe der Grenzen, die für Fledermäuse gelten: 1200 Meter. Er will Natur- und Anwohnerschutz auf einen Nenner bringen.

Ein Ansatz, den Rainer Kleinlosen, Sprecher der Bürgerinitiative (BI) „Lebenswertes Goldelund“, teilt. Der 55-Jährige setzt sich seit geraumer Zeit gegen „Windkraft-Wildwuchs“ in seiner Wahl-Heimat ein. Für ihn ist auch Landschaft eine Ressource. Doch werde im Vergleich zu Goldelund in Angeln „das Herz noch frei, man kann dort atmen“, sagt er. Dort gäbe es kaum Windmühlen. Der gebürtige Emsländer wohnt mit seiner Familie bereits 25 Jahre in der nordfriesischen Gemeinde. Für den selbstständigen Musiklehrer gehe nun jedoch eine Rechnung nicht mehr auf: „Wenn die Anzahl der Windkraftanlagen verdoppelt wird, ist die Landschaft kaputt.“ Die Familie Kleinlosen plant mittlerweile, wegzuziehen. Ihr Makler habe aber prognostiziert, dass der Wertverlust ihres Reetdach-Hofs bei derzeit 50 Prozent liege: 100  000 bis 200  000 Euro.

Für Klaus Rohweder, Kleinlosens Nachbar von der gegenüberliegenden Seite der Hauptstraße, sei es moralisch keine Frage, wessen Fraktion vertreten wird – ob die der gebeutelten Landwirte, oder die der Anwohner, die sich gegen Windkraft positionieren: „Das will ich den Bauern nicht vorwerfen“, betont der 75-jährige Rohweder. Für ihn würden die Landespolitiker nun die schlechte Behandlung der Landwirte der vergangenen Jahrzehnte kompensieren. Den Bauern die Chance geben, in die Windkraft zu investieren, um für das Alter vorzusorgen. Doch auch das Ehepaar Rohweder hat nun Angst, seine Immobilie nicht verkaufen zu können, um eine Rücklage für beispielsweise eine Seniorenwohnanlage zu bilden. „Goldelund steht vor dem Ausverkauf“, befürchten die Nachbarn.

Rohweder selbst ist allerdings auch Gesellschafter eines Bürgerwindparks in Goldelund. Er habe Anteile gezeichnet, weil er für die Energiewende sei, sagt er. „Aber ich bin konsequent gegen die momentane Abstandsregelung von 400 Metern.“ Für die Bürgerinitiative müssten auch für Außen- und Splittersiedlungen wie Goldelundfeld ein Abstand von mindestens 800 Metern gelten. Mit Kleinlosens und Rohweders leben dort insgesamt 22 Bürger.

Denn auch die BI will die Energiewende. Doch nicht so, wie die Landesregierung sie sich vorstellt – eher frei nach Hubert Weinzierls Motto: „Es gibt keine schlechten Windräder, es gibt nur unpassende Standorte“, sagte der Ehrenpräsident des Deutschen Naturschutzrings einst. „Noch zählt der Mensch nicht“, fürchtet Kleinlosen. „Wir sind schlechter gestellt als die Fledermäuse.“ Nach dem Willen von „Lebenswertes Goldelund“ sollten zunächst alle Bauvorhaben gestoppt werden, bis die letzten Gutachten vorliegen. „Wir sind eine kleine Minderheit, haben keine Lobby und benötigen eine eigene Partei, damit wir unterstützt werden.“ Daher geht es für die Natur- und Landschaftsschützer der BI jetzt darum, sich zu positionieren und Argumente für die Streichung der Windeignungsflächen zu finden.

Goldelunds Bürgermeisterin Waltraut Schnoewitz sieht klar die Notwendigkeit, die Sorgen der Anwohner ernst zu nehmen. „Als Privatperson möchte ich auch keine weiteren Windmühlen“, sagt sie. Aber jeder Bürger habe nun die Möglichkeit, sich mit seiner Meinung zu positionieren. In ihrer Gemeinde hatte 2008 eine Befragung stattgefunden, um ein Meinungsbild zur Windkraft zu erhalten. Sie habe dagegen gestimmt. Dennoch könne sie auch die Windmüller verstehen. Weil Schnoewitz – wie viele Gemeindevertreter – befangen ist, organisiert Ira Rössel als Beauftragte der Gemeinde die Interessen der Bürger. Für Windmüller und für Windkraftgegner. Ende April oder Anfang Mai wird daher in einer weiteren Gemeindeversammlung dezidiert Stellung genommen, wo geeignete Flächen für die Windkraft und in ausreichendem Abstand für die Bürger in der Gemeinde vorhanden sind. Derzeit arbeitet ein Planungsbüro alle notwendigen Wünsche und Zweifel ab. Vor diesem Hintergrund können Bürger, Gemeinden und andere Betroffene nach dem ersten Kabinettsbeschluss im Juli 2016 in einem viermonatigen Anhörungsverfahren zum dann vorliegenden Entwurf Stellung beziehen (wir berichteten).

Dadurch können sich auch die Bewohner eines Bauernhauses in Högel Gehör verschaffen. Julian Haertl beschwerte sich jüngst, dass seine Familie kurz vor einer Zwangsenteignung stehe. Ihm zufolge wurden sie innerhalb von vier Jahren von 64 Windrädern umzingelt. „Meine Frau hat klare Symptome einer Infraschall-Belastung“, beklagt er – „vom psychischen Stress ganz abgesehen.“ Damit muss sich auch Günther Thomsen aus Goldebek täglich auseinander setzen.

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erstellt am 04.Apr.2016 | 09:00 Uhr

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