Stolperstein-Flyer Friedrichstadt : Gegen das Vergessen

shz.de von
09. November 2010, 09:07 Uhr

Friedrichstadt | Heute jährt sich die Reichspogromnacht zum 72. Mal. Zur Erinnerung an die Ereignisse hat die Gesellschaft für Stadt geschichte gemeinsam mit dem Stadtarchiv und dem Museum einen schriftlichen Rundgang zum Thema Stolpersteine herausgegegeben. Mittlerweile gibt es in über 500 Orten Deutschlands so genannte Stolpersteine, die auf eine Initiative des Kölner Künstlers Gunter Demnig zurückzuführen sind. Vor dem letzten selbst gewählten Wohnort der NS-Opfer wurden Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir eingelassen. Das Motto: "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist." Im Herbst 2003 wurde in Friedrichstadt der erste Stolperstein verlegt, mehr als 20 folgten bislang.

32 Menschen jüdischen Glaubens lebten 1933 in Friedrichstadt. Sechs Jahre später waren es noch 14 und 1941 zogen die letzten Friedrichstädter Juden nach Hamburg. Das Zusammenleben änderte sich nach der Machtergreifung der Nazis. Am 10. April 1933 wurde zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen. Bereits einige Tage später erließ der Turnverein einen so genannten "Arierparagrafen" in seiner Satzung. Zwei Jahre später wurde dann ein Infokasten der NS-Zeitung "Stürmer" am Marktplatz aufgehängt. Darin sollte über die Judenfrage aufgeklärt werden. Auch in der Lokalzeitung erschienen immer häufiger Veranstaltungshinweise mit dem Hinweis "Juden unerwünscht". Laut dem Flyer wurden jüdische Kinder in der Schule gequält. Besonders hervor tat sich dabei der Lehrer Heinrich Kraft, der nach dem Krieg in Friedrichstadt allerdings als Schulleiter wieder eine Tätigkeit aufnehmen konnte.

Doch es gab auch ein anderes Beispiel. Der Kaufmann Peter Haulsen etwa weigerte sich, in seinem Schaufenster ein Schild mit der Aufschrift "Ich habe mich dem Judenboykott angeschlossen" aufzustellen. Daraufhin musste er unter Trommelwirbel und SA-Begleitung durch die Stadt gehen. Dabei wurde ihm ein Schild mit den Worten "Ich bin ein Lump" um den Hals gehängt.

Es gab sicher mehrere Friedrichstädter, die der Meinung von Haulsen waren, doch Proteste regten sich so gut wie keine in der Stadt. Die jüdischen Häuser und Grundstücke wurden "arisiert", der alte jüdische Friedhof auf Kosten der jüdischen Gemeinde aufgelassen. Dort am Treenefeld wurden später sogar Schrebergärten eingerichtet.

In dem Flyer werden beispielhaft die Schicksale von Elsa Hirsch, Westerhafenstraße 10, Adolf und Ricka Heymann, Prinzenstraße 23, Mirjam Cohen, Westermarktstraße 24, der Familie Wolf, Westermarktstraße 17, der Familie Meier, Am Markt 6, Henny Behrend, Gartenstraße 2, und Kurt und Heinz Heymann, Kirchenstraße 2, aufgezeigt.

Der Friedrichstädter Stadtführer Stolpersteine ist ab sofort im Stadtarchiv, dem Museum und bei Veranstaltungen in der Gedenk- und Kulturstätte Ehemalige Synagoge erhältlich und kostet 50 Eurocent.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen