zur Navigation springen

LammZeit in Nordfriesland : Geburten im Minutentakt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Rund 1000 Schafe von Ellen und Wilhelm Hecker sind in froher Erwartung. Auf deren Hof in den Reußenkögen ist von März bis Mai die Haupt-Lammzeit. Drei Studentinnen der Uni Hannover unterstützen das Ehepaar bei ihren Arbeit.

von
erstellt am 13.Apr.2014 | 11:00 Uhr

Reußenköge | Das Schaf ist unruhig. Es atmet anders, sucht einen geeigneten Platz. Wilhelm Hecker hat einen Blick dafür. „Bald ist es soweit“, sagt der 50-Jährige, während er das trächtige Muttertier in Augenschein nimmt. Lammzeit auf Hof Kolmannskuppe in den Reußenkögen. Drei Monate lang herrscht Hochkonjunktur im Stall – bei rund 1000 Schafen stehen Geburten im Minutentakt auf der Tagesordnung.

Wilhelm Hecker ist Schafzüchter in der vierten Generation. Gemeinsam mit seiner Frau Ellen ist er rund um die Uhr in der riesigen Blechhalle im Einsatz – die Nachtschicht teilen sich die beiden. Mit offenen Augen und Ohren durchschreitet er die hohe Scheune. In allen Ecken und Winkeln blökt und mäht es. Es riecht nach Grassilage und Stroh. In zahlreichen unterschiedlich großen Boxen tummeln sich Schafe, die in froher Erwartung sind. Bis zu 30 werdende Mütter sind dort jeweils unter sich. Hecker lässt sie nicht aus den Augen. Er spürt es förmlich, wenn sich ein Lamm ankündigt. Um den Überblick zu behalten, zupft er den Muttertieren, die kurz vor der Niederkunft stehen, ein wenig Wolle aus dem Pelz – damit erleichtert er auch Silke Zimmermann, Tatjana Prigge und Katharina Kaiser die Arbeit. Die drei jungen Frauen kommen von der Universität Hannover und absolvieren ein Ablamm-Praktikum. Silke Zimmermann hat ihr Studium der Tiermedizin zwar im März abgeschlossen, kommt aber immer wieder gerne für vier Wochen auf den Hof der Familie Hecker, um dort zu helfen. „Es ist ein Wahnsinn, was man in dieser Zeit hier lernt“, sagt die Würzburgerin, während ihr Kollegin Tatjana Prigge im Vorbeigehen ein paar Handschuhe reicht – die nächste Lammgeburt kündigt sich an.

Im Handumdrehen – und das im wahrsten Wortsinne – legt die 26-jährige Tierärztin ein Schaf auf die Seite. Zwei Pfoten eines Lamms sind bereits zu sehen. Die Geburt geht schnell: Es ist ein großes Lamm. Ein zweites, wesentlich kleineres Lämmchen folgt. Lieber ein männliches oder ein weibliches Lamm? „Das ist mir egal“, erklärt Wilhelm Hecker. „Hauptsache, es ist gesund und munter – und bestenfalls sind es zwei Lämmer.“

Mehrlingsgeburten bekommen eine Nummer auf ihr flauschig-krauses Fell, „Einzelkinder“ bleiben nummernlos. Der Grund: „Ich möchte die Fruchtbarkeit in der Herde behalten“, betont der Schäfer. Einzelgeburten werden nicht für die Nachzucht eingesetzt und gehen daher in den Verkauf. Im besten Fall wäre das nach sechs Monaten. Dann haben die Lämmer ein Gewicht von 45 Kilogramm erreicht. Allerdings können auch schon mal acht Monate ins Land ziehen, bevor sie an Händler oder den Husumer Schlachthof verkauft werden. Dann nämlich, wenn das Frühjahr nass und kalt ist – und wenig Grasfutter auf den Feldern und Vorländereien zur Verfügung steht.

Rooming-in wird nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch bei den Heckers praktiziert. Gleich nach der Geburt kommt das Muttertier mit seinem Nachwuchs in eine separate Box, um deren Bindung zu fördern. In dieser Zeit besteht auch die Möglichkeit, den Müttern mit nur einem Lamm ein zweites „unterzujubeln“, beschreibt Hecker das in der Schäferei übliche Prozedere, Mehrlingsgeburten „gerecht“ aufzuteilen, um Mütter mit drei und mehr Lämmern zu entlasten.

Nach ein paar Tagen folgt der Kindergarten – ein größeres Gatter, das sich mehrere Mutterschafe und Lämmer teilen. „Dort lernen die Tiere, sich in einer Gruppe zu finden. Lernen, die für jedes Tier individuelle Stimme und die unterschiedlichen Gerüche zu unterscheiden“, erklärt Hecker. Anschließend geht es für die Tiere für ein bis zwei Tage nach draußen auf bis zu einen Hektar große Parzellen und danach in die große weite Welt: auf die Deiche Nordstrands oder der Hamburger Hallig. An 30 verschiedenen Stellen – verteilt in Nordfriesland bis in den Kreis Schleswig-Flensburg – laufen die Schafe der Familie Hecker. „Wir kontrollieren jeden Tag“, betont der 52-Jährige. Was den Schäfer besonders wurmt, sind Hundebesitzer, die ihre Vierbeiner achtlos an den Deichen ohne Leine laufen lassen. „Hunde gehören nicht an den Außendeich“, sagt Hecker mit Nachdruck. Immer wieder komme es vor, dass Schafe und Lämmer gehetzt und auseinandergetrieben würden. Einige Tiere würden in Panik sogar ins Watt laufen, beschreibt der Schäfer unfassbare Szenarien, die für seine Tiere nicht selten mit dem Tod enden.

Er selbst hat vier Hunde, die ihm bei seiner täglichen Arbeit eine große Hilfe sind. Bis zu anderthalb Jahre Ausbildung stecken in den Border-Collies, „die mit Geld nicht zu bezahlen sind“, sagt Hecker. Mit Geld zu bezahlen ist auch nicht der Erfahrungsschatz über den Wilhelm Hecker erfügt. Den hat der Schäfer von seinem Großvater und Vater übernommen. Und er gibt ihn weiter – an die fünfte Generation. Sohn Henning (24) studiert Landwirtschaft und wird den Hof Kolmannskuppe in ein paar Jahren übernehmen.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen