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Zweite Amtsperiode : Für Streitkultur zum Wohle der Nordfriesen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Am Freitag ist Landrat Dieter Harrsen im Schloss vor Husum vereidigt worden. Er hatte sich per Losentscheid durchgesetzt. Der Start in die zweite Amtsperiode gelang mit viel Wertschätzung von Wegbegleitern und Kollegen.

Es war ein sichtlich entspannter und entschlossener Landrat Dieter Harrsen, der gestern ans Mikrofon trat. Nicht wie sonst bei einem Kreistag im Sitzungssaal des Kreishauses in Husum, sondern im Rittersaal des Schlosses. Der einzige Tagesordnungspunkt lag in diesem Moment bereits hinter ihm: seine Vereidigung für eine zweite Amtsperiode als oberster Verwaltungschef des Kreises, die Harrsens Stellvertreter, Jörg-F. von Sobbe, und Kreispräsident Heinz Maurus vorgenommen hatten. Nicht zu vergessen sieben von Anerkennung und Respekt geprägte Gratulationen.

„Ich kann es verarbeiten“, sprach Dieter Harrsen gleich zu Beginn den Wahl-Krimi vom 23. August an. An diesem Tag ist Harrsen per Losentscheid, nachdem er im dritten Wahlgang die gleiche Stimmenzahl wie der Gegenkandidat von CDU, Grünen und FDP erhalten hatte, zum zweiten Mal Landrat geworden. „Politik heißt, sich zu streiten, danach die Sache zu sehen und eine Entscheidung zu treffen“, unterstrich er bereits im nächsten Satz – ganz der Pragmatiker, als der er geschätzt wird –, dass jetzt alle gemeinsam für den Kreis weiterarbeiten sollten – denn: „Wir sind der Allgemeinheit verpflichtet.“ Persönlich versucht Dieter Harrsen noch einen weiteren Anspruch zu erfüllen, der auf Voltaire zurückgeht. „Auch wenn ich nicht Deiner Meinung bin, werde ich alles dafür geben, dass Du Deine Meinung frei äußern darfst“, zitierte der Landrat. „Das große Los habe ich mit meiner Frau und der Kreisverwaltung gezogen“, schloss er das Kapitel für sich ab.

Nordfrieslands Stärke sieht er in den Menschen – „Partizipation wird hier gelebt“ – und kündigte an: „Wir werden neue Bürgerbeteiligungen einbringen.“ Für die Zukunft wünscht sich Harrsen, dass es gelingt, erfahrene Frauen und Männer für Kommunalpolitik zu begeistern: „Damit Demokratie von unten gestaltet werden kann. Denn ohne qualifizierte Abgeordnete im Kreistag hätte der Kreis keine Existenzberechtigung.“ Dann war der Verwaltungsfachmann auch schon bei einem aktuellen Problem, das auf seinem Schreibtisch liegt. Harrsen kritisierte, dass das Land über eine geplante Reform des Finanzausgleichs (FAG) dem ländlichen Raum Mittel entziehen würde. „Wir brauchen starke Kreise.“ Denn gerade die Herausforderungen durch den demografischen Wandel könnten nicht nur den Gemeinden überlassen werden. Ein weiteres Thema, das Harrsen am Herzen liegt, ist die Westküsten-Initiative der Landesregierung, für die er mehr Taten einfordert.

Von Vertrauen und Glück war zuvor öfter die Rede gewesen. So wünschte Kreispräsident Heinz Maurus dem Landrat eine „vertrauensvolle Zusammenarbeit mit vielen Diskussionen“ sowohl mit Verwaltung als auch Kreistag und eine „glückliche Hand bei allen Entscheidungen“. Maurus: „Ein solches Amt ist kein Zuckerschlecken, sondern ein Fulltime-Job, der viel Zeit und Kraft kostet und Freude braucht an Teamarbeit, an der Lösung von Problemen und am Umgang mit Menschen.“ An Harrsens Ehefrau Marina gewandt, meinte der Kreispräsident: „Sie haben es nicht immer leicht gehabt mit uns.“

Dass er selbst mehr als zufrieden mit der vergangenen sechsjährigen Amtszeit des Landrats ist, kleidete der Kreispräsident in das „höchste nordfriesische Lob“: Dieter Harrsen habe „einen ganz ordentlichen Job“ gemacht. „Nordfriesland kann sich sehen lassen. Wir sind nicht auf Rosen gebettet, stehen aber gut da.“ Chancen für die Region sieht Maurus im Tourismus, den erneuerbaren Energien und dem Strukturwandel in der Landwirtschaft, um sich neue Felder zu erobern.

Personalratsvorsitzende Angela Jensen hielt ihre Rede auf Plattdeutsch und lobte, dass es in den vergangenen sechs Jahren immer um die Sache gegangen sei. Persönliche Angriffe habe es nie gegeben – „und das wird auch nicht passieren“. Vertrauensvolle Zusammenarbeit im Sinne des Mitbestimmungsgesetzes wünscht sie sich für die nächste Amtsperiode – dafür gab es ein sportliches T-Shirt mit der Eins auf dem Rücken für den Chef. Auch die Landesregierung hatte einen der ihren, den Staatssekretär im Kabinett, Bernd Küpperbusch, nach Husum entsandt. Er wünschte „Erfolg und eine glückliche Hand“. Mit Verweis auf die FAG-Reform sprach er von einer „vertrauensvollen und konstruktiven Zusammenarbeit“ mit Kreisen und Kommunen, mit denen der Innenminister bereits den Dialog suche.

Ostholsteins Landrat Reinhard Sager überbrachte Grüße des Landkreistages und der Landräte. Sager schätzt die Kollegialität Harrsens und hob dessen Engagement „mit großer Kraft“ auf vielen Ebenen (EU, Bund, Land) für Nordfriesland hervor. Dann war auch für ihn die Novellierung des Finanzausgleichs das Thema. Sager sprach von „hohen Ansprüchen“ von Bund, Land und Gesellschaft gegenüber den Kreisen – ob bei Eingliederungshilfe, Kindeswohl, Lebensmittelkontrolle, Betreuungsplätzen, Breitband, Energiewende oder Nahverkehr. „Uns Kreisen traut man eine Menge zu, und die Zuständigkeiten werden weiter zunehmen. Nur enthält man uns von Bund und Land die dafür erforderlichen Mittel vor.“ Über den geplanten FAG wären es von 2015 an 74 Millionen Euro, die den Kreisen verloren gingen, erklärte Sager. „Die Kommunen dürfen über eine höhere Kreisumlage nicht das Opfer werden“, forderte Reinhard Sager dazu auf, den Gesetzentwurf „dringend“ zu ändern.

Dithmarschens Landrat Jörn Klimant bezeichnete seinen Kollegen aus dem Nachbarkreis als „wortgewaltigen Interessenvertreter“ und Menschen, mit dem es sich als „Lobbyisten für die Westküste“ unbürokratisch zusammenarbeiten lässt. „Reibungsverluste können wir uns nicht leisten.“ Vom Tourismus über Meeres-Windparks bis zur Westküsten-Höchstspannungsleitung – „ wir haben viel auf dem Zettel“. Hans Philip Tietje, Vorsitzender der Region Sønderjylland-Schleswig: „Die Freunde nördlich der Grenze freuen sich, dass der neue der alte Landrat ist.“ Harrsen sei ein „verlässlicher Partner“ für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. „Mit Deinem Wissen und Deiner Art hast Du zu Lösungen und einer positiven Entwicklung beigetragen.“

Niebülls Bürgermeister Wilfried Bockholt sprach als Vertreter der nordfriesischen Kommunen. Ein Zusammenwirken von Kreis und Kommunen „auf Augenhöhe“ ist für Bockholt entscheidend für die Zukunft. Und dies sei nicht immer so gewesen, spielte er auf den ausgetragenen Rechtsstreit mit dem Kreis über die Trägerschaft für die Schulsozialarbeit an.

Mit Blick auf den demografischen Wandel stellte der Bürgermeister den Trend vor, dass 40 Prozent der rund 160 000 Nordfriesen in Mittel- und Unterzentren leben wollten. Sorge bereitet ihm, dass 80 Prozent der Mittel im Kreishaushalt für „weisungsgebundene Aufgaben“ verwendet werden müssen. Nach der Politik etwas Persönliches: „Ein gutes Gespür für das wirklich Wichtige und hier und da das notwendige Quentchen Glück“ lauteten seine guten Wünsche für Dieter Harrsen. „Es liegt keine einfache Zeit hinter euch. So eine Wahl zerrt an den Nerven“, sagte Bockholt und blickte zu Marina Harrsen.

Für einen gelungenen jazzigen Rahmen sorgten die Kreismusikschullehrer Wolfgang Philipp (Flügelhorn), Matthias Schmidt (E-Gitarre), Niels Lorenzen (E-Bass) und Helmut Winkler (Schlagzeug).

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erstellt am 12.Okt.2013 | 07:00 Uhr

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