Zu Besuch bei der Ururoma : Fünf Frauen aus fünf Generationen

Gruppenbild mit Ururoma: Ingeborg Petersen (vorne) mit der kleinen Marla, (v.l.) Roswitha Wilke, Mareike Linke und Gisela Pusch.
Gruppenbild mit Ururoma: Ingeborg Petersen (vorne) mit der kleinen Marla, (v.l.) Roswitha Wilke, Mareike Linke und Gisela Pusch.

Ein besonderes Familientreffen gab es im Altersheim der Stadt Husum: Bei Ururoma Ingeborg Petersen (105) trafen sich fünf Frauengenerationen.

shz.de von
30. Juli 2015, 13:00 Uhr

Mit sicherem Griff hält die alte Frau das Baby in ihren Händen. „So ein kleiner kleiner Mensch“, sagt sie, drückt ihre Ururenkelin an sich und schenkt ihr ein Küsschen. „Was für einen modernen Namen Du hast“, findet sie. Marla, erst zwei Wochen auf der Welt, verschläft die Liebkosungen von Ingeborg Petersen. Die 105-Jährige und das Kind sind ein rührender Anblick. „Es ist schön, dass wir das noch erleben dürfen“, freut sich Enkelin Roswitha Wilke (53). Insgesamt sind es fünf Frauengenerationen, die sich bei Ingeborg Petersen in einem Zimmer des städtischen Altersheims eingefunden haben. Komplett machen die Runde Stieftochter Gisela Pusch (76) und Urenkelin Mareike Linke (30).

Die Fünf sind gebürtige Husumerinnen und leben alle in der Storm-Stadt – und das nicht allzu weit voneinander entfernt. Für Mareike Linke ist somit die Suche nach einer Babysitterin mit kurzen Wegen verbunden. Und zum Glück sind ihre Mutter und die Großmutter ganz vernarrt in Marla. Ja, nicken alle, der Zusammenhalt in der Familie ist ihnen wichtig. Große Zuneigung wird dem ältesten Familienmitglied Ingeborg Petersen entgegengebracht. Zumindest jeden Donnerstag schauen Gisela Pusch und Roswitha Wilke bei ihr vorbei.

Ingeborg Petersen hat acht Kinder großgezogen, sieben davon stammen aus der ersten Ehe ihres Mannes. „Nicht jede hätte einen Witwer mit so viel Nachwuchs geheiratet“, sagt Gisela Pusch. Enkelin Roswitha Wilke war als Kind öfter bei ihrer Großmutter. „Dann gab es sofort Schokolade aus dem schönen Wohnzimmerschrank. Und zur Karnevalszeit hat Oma immer Bonbons geworfen.“ Diese Rituale wusste auch Urenkelin Mareike zu schätzen. Die Spargelsuppe, die Ingeborg Petersen zu Geburtstagen in einem großen Topf gekocht hat, bleibt ebenfalls unvergessen. „Sehr lecker“, heißt es unisono. Auch ihre Kuchen fanden immer dankbare Abnehmer. Wie für Frauen ihrer Generation die Regel gehört zur Biografie von Ingeborg Petersen die Rolle als Hausfrau und Mutter. Ehrenamtlich engagierte sie sich für das Rote Kreuz. Ehemann Willy, der 2009 im hohen Alter von 100 Jahren gestorben ist, verdiente nach dem Krieg als Kraftfahrer das Geld für seine große Familie. „Um über die Runden zu kommen, haben wir Krabben gepult“, erinnert sich Gisela Pusch.

Fast 70 Jahre hatte Ingeborg Petersen im Birkenweg in einer der sogenannten Nissenhütten ein Zuhause. Seit September 2014 lebt die alte Dame, die im Rollstuhl sitzt, im Heim.

1948 war die Hütte für 3200 Reichsmark (etwa 3500 Euro) Eigentum der Petersens geworden. Zwei Räume und ein Kinderzimmer – mehr Platz gab es nicht in dem vier Meter breiten und elf Meter langen Haus. Dafür konnte sich das Paar dank des 800 Quadratmeter großen Grundstücks mit vielem selbst versorgen: Es gab einen Stall für Hühner und Schweine sowie einen Gemüse- und Blumengarten.

Der Name „Nissenhütte“ geht auf ihren Erfinder, den kanadischen Ingenieur und Offizier Peter Norman Nissen, zurück. Die Unterkünfte aus Wellblech-Fertigteilen mit halbrundem Dach waren 1916 für das Militär entwickelt worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten Briten und Amerikaner die Hütten nach Deutschland gebracht, damit vor allem Flüchtlinge und Ausgebombte erst einmal ein Dach über dem Kopf hatten. Interesse an der Original-„Nissenhütte“ von Ingeborg Petersen mit einer Wärmedämmung aus Sägespänen und Torf hatte das Freilichtmuseum Molfsee angemeldet – doch dann fehlte das Geld für den Ab- und Aufbau des Denkmals.

Im Gegensatz zur Urgroßmutter stehen Mareike Linke – ohne mit gesellschaftlichen Konventionen brechen zu müssen – mehr Möglichkeiten offen. Die Bürokauffrau hat Betriebswirtschaftslehre studiert und teilt sich mit ihrem Mann die Kinderbetreuung. „Im Oktober gehe ich wieder arbeiten.“ Was Ingeborg Petersen gerade noch mehr interessiert: „Kriegt sie die Brust?“ Als die Urenkelin dies bejaht, wendet sie sich zufrieden der kleinen Marla zu.

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