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Die Jagd als letztes Mittel : Fuchs, Marder & Co. im Visier

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Vierbeinige Räuber haben sich zu einer großen Gefahr für Küstenvögel entwickelt: besonders auf Nordstrandischmoor, Oland und Langeneß. Nun greift die Nationalparkverwaltung zum letzten Mittel: Das ist die Jagd.

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erstellt am 01.Feb.2015 | 16:00 Uhr

Die Lage ist ernst – die Zeit drängt. Denn die nächste Brutsaison steht vor der Tür – und bis dahin sollen Oland, Langeneß und Nordstrandischmoor fuchs-, marder- und rattenfrei sein. Denn vor allem diese „Räuber“ sind es, die die Bestände von Küstenvögeln in Nordfriesland gefährden. Seit 2013 hat sich die Situation verschärft, da die Halligen keine sichere Zuflucht mehr vor diesen Räubern bieten. Und dabei sind gerade die kleinen Eilande zu einem wichtigen Rückzugsgebiet für Möwen, Seeschwalben, Watvögel, Entenvögel & Co. geworden. Dort profitieren die Bodenbrüter von einer eher extensiven Landwirtschaft. Oland, Langeneß und Nordstrandischmoor stehen im Fokus, da ihre Lorendämme das „Einfallstor“ für die hungrigen Vierbeiner sind.

Wanderratten, die auch mit dem Faschinenmaterial auf die Halligen gelangen, waren die Ursache, dass es 2013 und 2014 keinen Nachwuchs bei Rotschenkel, Kiebitz sowie verschiedenen Möwen- und Seeschwalbenarten auf Nordstrandischmoor gab; und auf Oland sorgte der Marder für hohe Verlustraten beim Austernfischer, dazu raffte der Fuchs die dortige Brut von Löfflern hinweg. Da 2013 und 2014 die sogenannten Prädatoren auf Inseln, Halligen und dem Festland über die gesamte Brutzeit von Mitte März bis Ende Juli nachgewiesen werden konnten, kommen inzwischen selbst Naturschützer um das Thema „Jagd“ nicht herum. So geht es auch Bernd Hälterlein.

Er hat die Aufgabe „Prädations-Management zum Schutz von Küstenvogel-Brutbeständen“ in der Nationalparkverwaltung in Tönning übernommen. Hälterlein muss herausfinden, wie stark der Vogelnachwuchs von Fuchs, Marder & Co. gefährdet wird. Und in der Tat ist die Bilanz eines fast 20-jährigen Brutvogel-Monitorings „nicht ganz günstig“, erfuhren die Mitglieder des nordfriesischen Nationalpark-Kuratoriums im Kreishaus in Husum: „Der Trend von abnehmenden Beständen hat sich verstärkt und scheint sich bei vielen Arten zu beschleunigen. Für den Zeitraum 1991 bis 2009 wurden bei 16 von 26 Brutvogelarten Rückgänge festgestellt – in Schleswig-Holstein waren es neun. Alpenstrandläufer, Kampfläufer und Bekassine sind als Brutvogel fast verschwunden.“

Auch wenn es kein „abgesichertes Monitoring“ zu Füchsen gibt, steht laut Hälterlein fest, dass ihr Bestand stark zugenommen hat. Dies belegen zumindest die vergangenen Jagdstrecken – also die Zahlen der in Jagdjahren (1. April bis 31. März des Folgejahres) erlegten Füchse. Als Erklärung nannte der Fachmann auf Anfrage unserer Zeitung unter anderem die erfolgreiche Tollwut-Immunisierung von Meister Reineke. „Seuchenzüge“ sorgten ansonsten in der Natur dafür, dass ein Bestand „alle zehn bis zwanzig Jahre zusammenbricht und sich dann wieder aufbaut“. Dazu kommt ein reichlich gedeckter Tisch für den Allesfresser, der auch im Zivilisationsmüll nach Nahrung sucht. Doch eigentlich stehen Mäuse ganz oben auf dem Speisezettel des Einzelgängers. Als Aasfresser ist der Fuchs ein wichtiger Gesundheitspolizist. Die Vogelbestände dezimiert er, da ihm Eier – er braucht den Kalk aus der Schale – und Küken „schmecken“.

Bernd Hälterlein verwies vor dem Kuratorium aber nicht nur auf die Prädation, sondern auf das „Zusammenwirken“ aller Räuber mit Überflutungen, Nahrungsverknappung, Landnutzung und Störungen. Außerdem ist der Klimawandel in diesem Kontext ein Thema. Denn wärmere Temperaturen – auch im Nordseewasser – führen zu Diskrepanzen zwischen dem Brutbeginn und der Zeit, in der ausreichend Nahrung zur Verfügung steht.

Größere Möwen- und Seeschwalbenkolonien existieren in Nordfriesland nur noch auf Inseln und Halligen. Ausnahmen sind das Eidersperrwerk und im Nachbarkreis Dithmarschen vor allem der Neufelderkoog, wo das letzte Brutvorkommen der Lachseeschwalben Mitteleuropas zu finden ist. Im vergangenen Sommer konnten dort 34 Lachseeschwalbenpaare immerhin 38 Junge großziehen. Bernd Hälterlein: „Vor 60 bis 80 Jahren gab es noch 500 bis 600 Paare.“ Dieser Erfolg ist letztlich einem Elektrozaun und einer gezielten Bejagung zu verdanken. „Doch dies kann kein Dauerzustand sein.“ Der Fachmann hofft, dass die Vögel eines Tages auch an andere Standorte ziehen und dort Bruterfolge haben.

Laut Nationalparkgesetz ist die Jagd im Schutzgebiet zwar grundsätzlich verboten, Ausnahmen sind jedoch aus Küsten- und Jagdschutzgründen sowie laut Bundesnaturschutzgesetz für den Artenschutz zulässig. Deshalb soll das Problem gemeinsam mit den Jägern in konzertierten Aktionen behoben werden. Auf Oland und Langeneß wird bereits seit 2013 mit Fallen gegen Füchse und Marder vorgegangen. Ein weiteres Vorhaben zur Bekämpfung von Prädatoren läuft unter Federführung des Landesjagdverbandes auf Eiderstedt und wird von der Landesregierung gefördert. Insgesamt 290 Füchse und 80 Steinmarder wurden im Jagdjahr gefangen oder sofort erlegt.

Um die Küstenvögel zu retten, sollen außerdem die Hallig-Bewohner für das Thema sensibilisiert werden, um sie verstärkt zur Rattenbekämpfung anzuhalten.

Bauliche Maßnahmen an den Dämmen zu den Halligen und im Vorland sind ebenfalls im Gespräch; für Oland läuft eine Prüfung auf Machbarkeit. Doch auch das gehört zur Wahrheit: Oland ist trotz „Fuchssperre“ am Lorendamm nicht sicherer – „denn der Fuchs kommt durchs Watt“, weiß Bernd Hälterlein. Er betonte, dass der Einsatz der Jäger für „gut begründete Einzelfälle und eine besondere Situation“ gedacht ist. Denn, so warnte Hälterlein, eine zu starke Reduzierung eines Tierbestandes durch Jagd führt am Ende nur dazu, dass die Reproduktionsrate ansteigt. Für ihn ist deshalb die Wiederherstellung des natürlichen Wasserhaushaltes (Vernässung) und von Insellagen in Salzwiesen ebenso wichtig.

 

Zuhause für mehr als 30 Arten

Insgesamt brüten knapp 100.000 Paare Küstenvögel von mehr als 30 Arten im Wattenmeer-Schutzgebiet Schleswig-Holstein. Nach der Eiablage dauert es etwa drei Wochen, bis die Küken schlüpfen und anschließend bis zu vier Wochen, bis sie flügge sind. Bei Gefahr verlassen die Eltern das Nest, um sich in Sicherheit zu bringen oder den Feind vom Nachwuchs wegzulocken. Bis sie zurückkehren, sind Eier und Küken ohne Schutz vor Kälte, Hitze oder Nesträubern.

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