„Früher war mehr Zeit zum Proben“

Vielseitiger Schauspieler: Gerhard Olschewski (Mitte), hier als Hinnerk Hinnerksen in der Erfolgsserie „Der Landarzt“.
Vielseitiger Schauspieler: Gerhard Olschewski (Mitte), hier als Hinnerk Hinnerksen in der Erfolgsserie „Der Landarzt“.

Der Schauspieler Gerhard Olschewski ist Ehrengast der 32. Husumer Filmtage / Im Interview spricht er auch über die Kehrseiten seines Berufes

ove2.jpg von
26. September 2017, 16:40 Uhr

Sein Gesicht kennt nahezu jeder. Sein Name ist dagegen weniger geläufig als der seines Alter-Egos Hinnerk Hinnerksen in der Erfolgsserie „Der Landarzt“. Der Schauspieler Gerhard Olschewski (75) ist Ehrengast der 32. Husumer Filmtage vom 28. September bis zum 4. Oktober. Unter anderen zeigt das Festival den Film „Verlorenes Leben“ von Ottokar Runze mit ihm in einer Hauptrolle. Und nicht nur an diesem Abend wird Olschewski dem Publikum Rede und Antwort stehen. Mit unserer Zeitung sprach er schon vorher.

Sie sind als Flüchtlingskind nach Schleswig-Holstein verschlagen worden. Was bedeutet Ihnen Heimat?

Wenn die Leute sagen, „Sie klingen wie ein Hamburger“, sage ich immer gern: Mein Geburtsort ist Magrabowa im Kreis Oleskow in Masuren (Lacht). Heimat – das ist die Zeit, das Land, der Ort, an den man denkt, wenn man sich glücklich fühlt. Ein Zuhause für die Erinnerung  .  .  .

.  .  . an was denken Sie dabei?

An Dithmarschen, den Ort meiner Kindheit. Ich weiß, mit Dithmarschen habt ihr es nicht so. Ach nee, das sind ja die Eiderstedter, die immer „von denen da drüben“ reden. Ich hatte das große Glück, dass unsere Nachbarn Bauern waren, zu deren Familienfeiern ich noch heute eingeladen werde. Davor hatte man uns prophezeit, dass die Dithmarscher uns nicht akzeptieren werden. Aber am Ende war es ganz anders. Mein Vater kam auch aus einer Bauernfamilie und hat sofort mit angepackt. Das hat seine Wirkung nicht verfehlt.

Als Schauspieler haben Sie das ganze Spektrum Ihres Berufes bedient – von der Rolle in Ottokar Runzes „Verlorenes Leben“ bis hin zu Vorabend-Serien wie „Der Landarzt“ oder „Hallo Robbie“. Was liegt Ihnen mehr?

Ach, wissen Sie, natürlich ist es großartig in Film wie „Verlorenes Leben“ mitgespielt zu haben. Und es gab in Teheran mal eine Begebenheit, die mich sehr gerührt hat. Nach der Vorstellung kam ein Mann, offenkundig Iraner, auf mich zu und rief ständig: „Selbst erlebt, selbst erlebt.“ Wie sich herausstellte, hatte der Mann eine Zahnarztpraxis in Düsseldorf, und in seiner Familie gab es einen ähnlich gelagerten Fall von Selbstmord durch falsches Geständnis und rechtskräftige Verurteilung.

   Aber wenn sich die Leute freuen, etwas zu lachen haben, dann ist das auch okay. Das sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Ich habe mal erlebt, wie mich eine junge Kollegin, die mich offenbar für einen Laienschauspieler hielt, unter ihre Fittiche nahm und mir Tipps gab, wie ich am besten in den Text reinkomme. „Bevor Sie loslegen, zählen Sie einfach 21, 22  .  .  .“, riet sie. Als ich schließlich dran war, habe ich tatsächlich „21, 22“ gezählt. Das ganze Team hat gelacht. Für mich war das das größte Kompliment überhaupt.

Wie viele Landärzte beziehungsweise deren Darsteller haben Sie eigentlich überlebt?

Es gab ja nur drei. Und mit allen Dreien habe ich gearbeitet. Walter Plathe, der nun wirklich alles andere als eitel ist, habe ich übrigens mal mit der Behauptung aufgezogen, dass er im Landarzt mitnichten die Hauptrolle spiele: „Erst kommt das Rapsfeld (das im Landarzt von Januar bis Dezember blühte)“, hab’ ich gesagt, „dann meine (sprich Hinnerksens) Mütze, und dann erst kommst Du.“

Und, hat er es eingesehen?

Er hat zumindest gelacht.

Sie sind nun schon so lange Schauspieler. Hat sich der Beruf in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Wenn ich gläubig und ein Bayer wäre, müsste ich aus Dankbarkeit ein Marterl (Bildstock oder Kreuz) aufstellen. Ich bin ehrlich froh, Schluss gemacht zu haben, bevor es so richtig grausam wurde. Früher hatte man noch mal Zeit zum Proben. Heute wird der Aufwand immer größer, die Gage immer kleiner und der Zeitplan immer enger. Und die Fernsehzuschauer werden immer älter. Junge Leute gucken doch kaum noch in die Röhre. Und trotzdem wird eine Sendung wie „Der Landarzt“, die 3,5 bis vier Millionen Zuschauer hat, abgesetzt, weil einer sagt: „Wir müssen das Fernsehen verjüngen.“ Alles, was war, ist plötzlich Scheiße (Tschuldigung!), und wenn einer geht und ein anderer kommt, muss alles neu gemacht werden. Im Theater ist es genauso. Da wird der letzte Akt zum ersten erklärt, und alle spielen nackt. Da muss ich nicht mehr mitmachen.

Welche Interessen hat der  Privatmann Gerhard Olschewski?

Also, ich hätte meine Karriere sicher noch ausbauen können. Angebote gab es genug – auch aus dem Ausland. Aber ich habe auch eine Familie, und das ist das Größte überhaupt, weil ich darauf berufsbedingt oft habe verzichten müssen. Das hole ich jetzt nach. Aber ich lese auch gern und gehe manchmal ins Theater. Aber meistens ärgere ich mich dann, weil man sich dort zu wenig auf die Inhalte konzentriert. Theater ist das Manövergelände mit den größten Tarnungsmöglichkeiten. Da lobe ich mir Peter Zadek, diesen zauberhaften Betrüger, der sich bei seinen eigenen Produktionen immer in den höchsten Rang verdrückte und dann nach der Vorstellung lauthals Buh-Rufe hören ließ, um damit die Debatte im Publikum anzufeuern.

Sie gelten als pointenreicher Geschichtenerzähler. Angenommen, Sie hätten einen Schwank aus Ihrem Leben frei. Welcher wäre das?

Irgendwann war ich mit meiner Frau mal bei einer Preisverleihung in Köln. Da war auch Fritz Walter (Fußballweltmeister 1954); und ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht, wie ich an den rankomme, ohne dass es peinlich wirkt. Dann trafen sich eher zufällig unsere Blicke, und plötzlich kam Walter freudestrahlend auf mich zu und rief: „Du hier? Wenn wir das gewusst hätten, wäre meine Frau sicher auch mitgekommen“, meinte er. Beide kannten mich nur als Hinnerk Alfred Hinnerksen aus dem „Landarzt“. Ich finde, wenn man durch eine Rolle so etwas bewirken kann, das ist schon großartig.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen