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St. Peter-Ording : „Früher vermietete man an der Haustür“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der St. Peteraner Wilhelm Bahrenfuß bietet schon seit Jahrzehnten Ferienwohnungen an und hat in der Zeit einiges an Veränderungen erlebt.

shz.de von
erstellt am 06.Sep.2017 | 11:00 Uhr

Im Jahr 1838 soll der erste Gast für eine Übernachtung in St. Peter-Ording bezahlt haben. Seitdem hat sich das Nordseeheilbad zu einer Touristenhochburg entwickelt. Mittlerweile gibt es dort laut Tourismuskonzept des Ortes knapp 17.000 Ferienbetten, allein 9532 davon in Wohnungen und Appartements. Einer der die Entwicklung seit fast 60 Jahren hautnah miterlebt, ist Wilhelm Bahrenfuß. Seit 1960 vermietet er Urlaubsquartiere und ist wohl der älteste noch aktive Anbieter im Badeort und zudem der älteste Gemeindevertreter.

Primär ging es bei ihm und seiner ersten Frau damals ums Geld verdienen. Denn beide zogen zu Weihnachten 1959 in ihr Haus im Fasanenweg 40. „Wir kamen hier an und hatten keine Möbel“, erinnert sich der heute 85-Jährige. „Das Haus inklusive Grundstück und Waschmaschine kostete damals 40.800 Mark“, erzählt Bahrenfuß. Um die Kaufsumme abzuzahlen, vermietete die junge Familie Zimmer an Feriengäste. „So haben sich viele ihre Häuser in St. Peter-Ording finanziert“, erinnert er sich. Wie viele andere Vermieterfamilien auch mussten die Bahrenfuß’ und ihre beiden Kinder auf einigen Komfort verzichten. Sie boten den Urlaubern die drei Zimmer im Obergeschoss an. Die Familie selbst schlief anfangs irgendwo im Haus auf dem Boden, später dann in zwei Etagenbetten im Anbau. Das Wohnzimmer wurde als Frühstücksraum für die Gäste genutzt. „Wir saßen hingegen im Flur beim Frühstück, wenn die Leute morgens die Treppe runterkamen.“ Der kleine Tisch mit Bank und drei Hockern steht heute noch in der Diele, allerdings wird dort nicht mehr gefrühstückt.

Erst zehn Jahre nach dem Einzug in den Fasanenweg hatte die Familie das Haus dann wieder für sich. Sie richtete zwei Ferienwohnungen im Nachbargebäude ein, wo sie sich heute noch befinden. Dort war zuvor das Steuerberater-Büro von Bahrenfuß untergebracht. Mit diesem zog er in die Dorfstraße über die heutige Sparkasse, wo es sich immer noch befindet.

„Früher vermietete man direkt an der Haustür“, erinnert sich Bahrenfuß. „Wir hängten ein Schild raus: Zimmer/Wohnung frei. Das passiert heute fast gar nicht mehr. Ein Großteil läuft über die Kurverwaltung.“ Zudem hat er im Laufe der Jahrzehnte etliche Stammgäste gewonnen. „Die machen etwa 60 bis 70 Prozent aus“, bestätigt Christa Bahrenfuß, seine zweite Ehefrau, die erste verstarb 1980. So können sie über mangelnde Nachfrage nicht klagen.

Vom Wandel im Gastgewerbe weiß auch Gisela Herth, Inhaberin des Eulenhofs im Bad, ein Lied zu singen. Früher wussten die Leute genau, wo sie hinfahren wollen. „Jetzt nehmen sie erst Urlaub und schauen dann mehr oder weniger spontan, wo sie den verbringen“, sagt sie. „Früher konnte man nach den Stammgästen den Wecker stellen. Heute hat man höchstens wiederkehrende Gäste, die zwar nicht regelmäßig vorbeischauen, aber doch wiederkommen, weil sie sich an das Haus erinnern.“ 1986 erwarben die Herths den Eulenhof, der bereits vor ihrer Zeit diesen Namen trug. Angefangen haben sie mit 20 Zimmer, bis heute hat sich die Bettenzahl fast verdreifacht. Neben Zimmern bietet der Eulenhof auf seinem Gelände auch Appartements und Ferienhäuser an. Auch die Saisonzeiten haben sich verändert. „Mitte der 1980er Jahre fing die Saison Ostern an, dann kam ein Loch, schließlich der Sommer, und im Oktober war Schluss“, sagt Gisela Herth. „Wenn über Weihnachten drei Häuser in St. Peter-Ording Übernachtungen anboten, war das viel.“ Heute gehört diese Zeit zur Hochsaison.

Als Bahrenfuß mit dem Vermieten anfing, blieben die Gäste oft mehrere Wochen, heute geht die Tendenz eher zu kurzen Aufenthalten. „In diesem Jahr haben wir dennoch außergewöhnlich oft zwei bis drei Wochen vermietet“, hat Christa Bahrenfuß beobachtet. Die Besucher kommen zum Großteil aus Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen, manche aus der Schweiz und Dänemark.

Die Erlebnisse mit den Gästen sind überwiegend gut. „Wir haben Besucher, die seit über 30 Jahren zu uns kommen. Zum Beispiel ein Ehepaar aus dem Schwarzwald. Die passten einfach hier zu uns“, sagt Wilhelm Bahrenfuß. Es gibt aber auch schlechte Erfahrungen. „Ein angehender Anwalt hat mal einen Sandhaufen ins Bad gelegt und behauptet, der sei schon dort gewesen. Er hat das gemacht, um eine Mietminderung zu erzielen“, erinnert sich Christa Bahrenfuß.

Vor dem Ehepaar Bahrenfuß liegt das Gästebuch. Der erste Eintrag wurde 1975 gemacht, der letzte 2003. „Irgendwann haben die Leute aufgehört hineinzuschreiben. Stattdessen kommen nun Danksagungen und Grüße per E-Mail“, hat er beobachtet. Mit den Jahren ist der Abstand zwischen Gästen und Vermietern größer geworden. Der jetzige Zustand gefällt dem 85-Jährigen aber deutlich besser. Dies bestätigt auch seine Frau: „Wir haben viele nette Gäste. Aber mittlerweile sind wir auch froh, wenn die Saison zu Ende ist“, gesteht Christa Bahrenfuß.

Wie lange die beiden noch vermieten werden, können sie nicht sagen. „Wir haben schon ein paar Mal überlegt, aufzuhören. Aber dann doch weitergemacht“, so Bahrenfuß. Gisela Herth hat eine etwas präzisere Antwort: „Solange es noch Spaß macht.“

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