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ATR-Frachtschiff wird grundüberholt : Frischzellenkur für die „Maike“

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Das Küstenmotorschiff “Maike“ wird derzeit im Husumer Hafen grundüberholt. Der Zeitplan ist eng. Schon Mittwoch soll das Frachtschiff wieder auf Reise gehen. Bis zu 50 Arbeiter und die Crew geben deshalb fast rund um die Uhr alles, um “Maike“ startklar zu machen.

Ein intensiver Geruch liegt über dem Trockendock im Husumer Hafen. Es ist ein eigenartiges Gemisch aus Stahl, Diesel, Farbe und Schweißdämpfen – für Michael Hinz der unverwechselbare Werftgeruch. Er kommt dabei ins Schwärmen. Der 47-Jährige ist Kapitän und Leiter der Schifffahrtsabteilung bei der Firma ATR Landhandel. In diesen Tagen koordiniert er die Arbeiten am Küstenmotorschiff „Maike“. Seit dem 9. Mai wird das 82 Meter lange Frachtschiff auf dem Gelände der Husumer Dock und Reparatur GmbH und Co KG (HDR) grundüberholt. Alle fünf Jahre ist dies notwendig. Im Schifffahrtsdeutsch spricht man von einer Erneuerung der Klasse. In gewisser Weise kann man es mit einem TÜV-Besuch vergleichen – nur der Aufwand, der ist keinesfalls vergleichbar.

„Ich rechne mit Kosten von bis zu 350 000 Euro“, erzählt Hinz. Die Forderungsliste des Klassifikationsunternehmens DNV GL Group und der Kapitäne war dieses Mal besonders lang: Erneuerung der Hydraulikpumpen und der Lukendichtungen, Überholen der Generatoren, Wartung elektronischer Geräte, Austausch Hunderter Stahlelemente und etlicher Zinkioden sowie der Anstrich des kompletten Schiffs mit Spezialfarbe – insgesamt rund 100 Punkte müssen für die Klassenerneuerung erfüllt werden. Der Zeitplan aber ist eng. Denn eine wichtige Fahrt steht an: Sechs Turbinen und Naben für Windkraftanlagen müssen für die Firma Senvion in die Bretagne gebracht werden. Bereits am kommenden Dienstag soll „Maike“ das Dock verlassen, Mittwoch wird beladen. „Einen Teil der Arbeiten werden wir danach fertigstellen, aber bis Anfang nächster Woche wollen wir das Schiff soweit klar haben“, sagt Hinz. Prüfend geht er um einen der frischlackierten Lukendeckel herum, die vor dem Bug auf riesigen Stützen aufgebaut sind.

Fast rund um die Uhr wird deshalb an Deck, im Laderaum, in den Ballasttanks sowie im und neben dem Dock gehämmert, geschweißt, geflext und gestrahlt. Von sechs bis 22 Uhr sind die Arbeiter im Einsatz. Zu Spitzenzeiten bis zu 50 zeitgleich – darunter Schiff- und Maschinenbauer, Schweißer, Rohrschlosser, Elektriker, Tischler, Elektroniker und die sogenannte Schietgang, die fürs Reinigen und für Malarbeiten auf dem Schiff zuständig ist. Nicht nur der Geruch ist intensiv, auch der Lärmpegel ist enorm. Von Zeit zu Zeit mischt sich unter das stete Getöse von Maschinen und Werkzeugen ein Piepen. Zwei riesige Kräne bewegen sich entlang des Docks. Zur Warnung stoßen sie diesen Ton aus. Es klingt als würde irgendwo ein altes, sehr lautes Telefon klingeln – aber keiner geht ran.

Immer mittendrin: die fünfköpfige Crew um Kapitän Hermann Hagenah und die Nautische Offizierin Dorothee Gaedeke. Gekonnt schwingt die 26-Jährige den Schlaghammer, nicht zu stark, nicht zu schwach und vor allem gezielt. Gemeinsam mit den zwei Decksleuten erneuert sie gerade die Lukengummis. Ein Gemisch aus Hafenschlick und Strahlsand schmatzt unter den Schuhen. Über den Köpfen der drei wird schon ein weiterer tonnenschwerer Lukendeckel zum Farbspritzen in das Dock hinabgelassen. „Innerhalb der Crew ist ein großes Know-how vorhanden“, lobt Hinz. Viele Arbeiten können sie selbst ausführen. „Dadurch sparen wir Geld.“ Den Großteil der Aufgaben aber erledigen Mitarbeiter der HDR sowie dutzender Fremdfirmen.

„Wir sind in erster Linie für die Sicherheit an Bord sowie für die Maschinen zuständig“, erklärt Gaedeke. Ein Vollzeitjob. Während der gesamten Zeit wohnt die Crew an Bord. „Überstunden zähle ich nicht“, sagt die angehende Kapitänin lachend. Seit einem halben Jahr ist sie bei ATR beschäftigt. „Mir macht die Arbeit unheimlich Spaß. Wenn es abends mal laut ist, habe ich Ohropax.“ Gut acht Quadratmeter Wohnraum stehen ihr zur Verfügung. Es ist eng unter Deck. Zwei kräftige Leute können in den schmalen Gängen nicht aneinander vorbeigehen. Aber vom Proviantraum über die Waschküche bis hin zum Hospital ist alles vorhanden. Für die Verpflegung an Bord sorgt Schiffskoch Paulo Vincente. Heute steht Schnitzel mit Erbsen auf der Speisekarte. Die Kollegen sind begeistert von Paulos Kochkünsten. „Sonnabends gibt’s Eintopf, freitags Fisch und jeden Sonntag und Donnerstag ist Seemanns-Sonntag“, schwärmt Hinz – das heißt in diesem Fall: Zum Frühstück gibt es Ei nach Wahl.

Und gutes Essen scheint besonders wichtig, schließlich sind die Arbeiten an dem Küstenmotorschiff oft kräftezehrend. „Derart aufwändige Reparaturen habe ich tatsächlich noch nicht begleitet“, betont auch Hinz, der seit 17 Jahren bei ATR beschäftigt ist. Damit meint er vor allem den großen Umfang. „Das liegt daran, dass man einige Arbeiten bisher aufgeschoben hatte.“ Andere Herausforderungen ergaben sich aber auch ein wenig unerwartet und erfordern hohen logistischen Aufwand. So musste die Außenhaut am Boden der 25 Jahre alten „Maike“ auf einer Fläche von 60 Quadratmetern ausgetauscht werden. Hohe Kosten habe zudem das Reinigen der Ballasttanks verursacht. 28 zusätzliche Löcher wurden in die Außenhaut gebrannt, um den Hafenschlick zu entfernen. „Etwa 30 Tonnen davon sind dabei zusammengekommen“, so Hinz, der darüber hinaus 100 Meter Ankerkette bestellen musste. Salzwasser und Witterung setzen den Schiffsteilen zu. Ganz normaler Verschleiß. „Die Ketten waren etwas zu dünn“, erzählt der Fachmann. Zwei Zehntel Millimeter unter dem Mindestmaß, um genau zu sein.

Trotz des großen Reparaturaufwands ist „Maike“ für ATR unglaublich wichtig. Noch bis vor drei Jahren hat sie ausschließlich Futtermittel transportiert. Mittlerweile fährt sie hauptsächlich Turbinen – um die 80 Reisen im Jahr. „Sie hat dafür die ideale Größe“, sagt Hinz. Mit einer Tragfähigkeit von 2100 Tonnen und einem Tiefgang von 4,20 Metern ist „Maike“ eines der größten Schiffe, die den Husumer Hafen anfahren. Von dort aus geht es ins niedersächsische Brake zum Weitertransport oder direkt bis nach England oder eben Frankreich. So wie am Mittwoch.

Michael Hinz wird dann nicht mit an Bord gehen. Er ist derzeit „nur“ organisierender Kapitän. „Leider“, sagt er, „ich vermisse die See.“ Und beim Gang über die Brücke beschreibt er dann noch einen anderen Lieblingsduft von ihm. „Nach Wochen auf dem Meer kann man das Festland schon Tage vor dem Erreichen riechen. Eine faszinierende Erfahrung.“

 

 

 

 

 

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erstellt am 31.Mai.2014 | 12:00 Uhr

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