Seefahrerin als Filmprojekt : Freundin mit Meerwasser im Blut

Lokaltermin im Trockendock: Dorothee Gaedeke im Gespräch mit den Studentinnen der Werkkunstschule Lübeck, Marie-Charlott Augsten, Lisa Jäschke und Lena Steinke, sowie ihrem Dozenten Stephan Schlippe. Im Hintergrund: die „Ilka“.
Lokaltermin im Trockendock: Dorothee Gaedeke im Gespräch mit den Studentinnen der Werkkunstschule Lübeck, Marie-Charlott Augsten, Lisa Jäschke und Lena Steinke, sowie ihrem Dozenten Stephan Schlippe. Im Hintergrund: die „Ilka“.

Studenten der Werkkunstschule Lübeck stellen die angehende Husumer Kapitänin Dorothee Gaedecke in den Mittelpunkt einer filmischen Semesterarbeit. Sie fährt derzeit als Erste Offizierin auf der „Ilka“.

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26. Mai 2015, 15:00 Uhr

Ein bisschen mulmig ist den Gästen schon, als sie unter den riesigen Schiffskörper klettern müssen, um einen Blick in den aufgeschweißten Tank zu werfen. Aber wer die Geschichte einer angehenden Kapitänin erzählen will, der darf sich durch Tausende Tonnen Stahl nicht schrecken lassen, auch wenn sie – in Gestalt des Küstenmotorschiffs „Ilka“ – aufgebockt im Trockendock liegen. Aber genau wegen dieser Geschichte sind Lena Steinke, Lisa Jäschke und Marie-Charlott Augsten hergekommen.

Die drei Frauen studieren Design an der Lübecker Werkkunstschule und beschäftigen sich in diesem Semester mit dem Thema Film. „Dazu müssen wir einen etwa zehnminütigen Spot abliefern“, berichtet Lisa, während der wuchtige Rumpf des Schiffes den Himmel zu verschlucken scheint. Da hatte Marie-Charlott Augsten eine Idee: „Warum machen wir nicht ein filmisches Interview mit Dorothee Gaedeke“, fragte sie ihre Mitstreiterinnen, und die waren sofort Feuer und Flamme.

Maries Freundin ist zwar erst 27 Jahre alt, hat aber schon so einiges erlebt. Und dann ist da noch etwas: Mit ihrem Traum, zur See zu fahren, Kapitänin zu werden, ist sie tief in eine Männerdomäne eingebrochen (wir berichteten). Unter den rund 1200 Kapitänen, die der Verband deutscher Reeder (VdR) in seiner Statistik führt, sind nur neun Frauen. Diese Quote will Gaedeke zugunsten des weiblichen Geschlechts ändern.

Dass sie dafür allerbeste Voraussetzungen mitbringt, zeigt ein Blick auf ihr Leben. Schon als Kind empfand Gaedeke eine tiefe Liebe zum Meer. Ihr Vater habe sie immer in den Schlaf gesegelt“, berichtet die junge Frau. Das habe wie ein Virus gewirkt. Mit zwölf Jahren machte Gaedeke ihren ersten Segelschein. Und da Dorothee aus einer Lübecker Kaufmannsfamilie kommt, rechnete sie sich schon früh aus, dass es wenig Sinn macht, „mein Taschengeld für einen Funkschein aufzusparen, wenn ich sowieso Nautik studiere.“ Also machte sie stattdessen das große Patent und fuhr als erste Offizierin zur See – unter anderem auf einem russischen Küstenmotorschiff im Schwarzen Meer.

Im vergangenen Jahr kam Dorothee Gaedeke dann nach Husum, wo sie bei der Schifffahrtsabteilung von ATR Landhandel anheuerte und seither mit der „Ilka“ Futtermittel, Getreide und Komponenten von Windkraftanlagen transportiert. Als Erste Offizierin ist sie neben dem Ladeplan auch für die Sicherheit an Bord verantwortlich und dafür, dass der Zeitplan eingehalten wird. Das gilt übrigens auch dann, wenn die „Ilka“ – wie derzeit – gar nicht fährt, sondern im Trockendock überholt wird. Viel Zeit, um auf der faulen Haut zu liegen, bleibt jedenfalls auch dann nicht. Aber das wäre auch gar nichts für die quirlige junge Frau.

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“, zitiert Dorothee Gaedeke Goethes Faust, nachdem alle wieder unter dem Rumpf des Schiffes hervorgekrochen sind und meint damit nicht nur die Seefahrt, sondern auch ihren Arbeitgeber ATR. Ein strahlendes Lächeln unterstreicht die Aussage, und so glauben ihr die Gäste aus Lübeck aufs Wort. Allen voran Marie-Charlott, der schon lange klar ist, dass sie eine Freundin „mit Meerwasser im Blut“ hat.

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