Forderung nach Ausgleichszahlungen : Fraßschäden: Streit um wilde Gänse in SH geht weiter

Die Nonnengans oder auch Weißwangengans hat ihren Namen ihrem Aussehen zu verdanken. Sie ist eine dem Meer verbundene wilde Gänseart und meistens in Deichnähe zu finden, wo sie im Grasland nach Futter sucht. Ihre Brutgebiete liegen an der Eismeerküste Sibiriens sowie auf einigen Ostseeinseln wie Gotland und Öland in Schweden.
Die Nonnengans oder auch Weißwangengans hat ihren Namen ihrem Aussehen zu verdanken. Sie ist eine dem Meer verbundene wilde Gänseart und meistens in Deichnähe zu finden, wo sie im Grasland nach Futter sucht. Ihre Brutgebiete liegen an der Eismeerküste Sibiriens sowie auf einigen Ostseeinseln wie Gotland und Öland in Schweden.

Landwirte forderten bei einem Symposium in Neukirchen Ausgleichszahlungen für Fraßschäden. Doch das EU-Recht verbietet nach Einschätzung des Landes Schleswig-Holstein eine solche Lösung.

shz.de von
16. Mai 2015, 16:00 Uhr

Wenn Wildgänse in riesigen Scharen in Nordfriesland rasten, ist das ein Naturereignis. Zehntausende Zugvögel fressen sich die nötigen Energiereserven für den langen Weiterflug in die arktischen Brutgebiete an.

Während Vogelfreunden in dieser Zeit das Herz aufgeht, schlagen Landwirte Alarm. Denn es geht bei Fraßschäden um ihre Existenz, wie während eines Gänse-Symposiums in Neukirchen deutlich wurde. Hierzu hatte das Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein in Zusammenarbeit mit dem Landesjagdverband eingeladen. Bei dem Symposium ging es um die Problematik der steigenden Gänsepopulation im Spannungsfeld zwischen Landwirtschaft, Tourismus, Naturschutz und nachhaltiger Nutzung. „Es ist kein neues Thema, sondern die Fortsetzung einer langen Kette von Gesprächen“, sagte Moderator Johann Böhling. Ornithologe Bernd Koop machte den Vorschlag, ein Prozent der jährlich an die Landwirtschaft gezahlten Flächenlandprämien in einen Topf zu werfen, um daraus Entschädigungen für Gänsefraßschäden zu verteilen.

Die Gänse in Schleswig-Holstein zu jagen, ist in Anbetracht des großen Vorkommens kaum möglich – darin waren sich die Teilnehmer einig. Allerdings wäre es denkbar, so Hans-Werner Blöcker vom Landesjagdverband, das Problem auf Ebene der Europäischen Union (EU) zu lösen. „Wir müssen länderübergreifend Bestandsobergrenzen festlegen.“ Die Entnahme von Eiern aus den Gelegen, die in Schleswig-Holstein nach Genehmigung erlaubt ist, wäre für Blöcker Teil einer Lösung. Föhr und Sylt machen es vor, merkte Kreisjägermeister Thomas Carstensen an. Mehr als 3000 Eier hätten Landwirte und Jäger im Frühjahr aus 300 bis 400 Nestern geholt. „Auf dem Festland wird das allerdings spärlich benutzt.“

Erlaubt ist die Vergrämung der Gänse. So sieht es das Gänse-Management des Landes vor, wie Michael Kruse vom schleswig-holsteinischen Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume deutlich machte.

Wie die Vergrämung funktioniert, berichtete Landwirt Dag Brodersen aus Reußenköge, der damit mehrere Monate im Jahr beschäftigt ist. In stündlichen Intervallen fahren oder laufen er und seine Mitarbeiter über eine vier Kilometer lange Strecke, um die Gänse von den Feldern zu verscheuchen. Dafür, dass bei den Gänsen Naturschutz im Vordergrund steht, obwohl bei ihm „gleich nebenan“ das Naturschutzgebiet „Beltringharder Koog“ an einigen Stellen „verkommt“, zeigte Brodersen wenig Verständnis. „Früher gab es dort Gelege von Austernfischern und Kiebitzen ohne Ende. Inzwischen sind ganze Grasnarben weg. Es ist eine Steppe mit Füchsen und Ratten.“ Der Landwirt wünscht sich, dass der Beltringharder Koog „in Schuss gebracht“ wird, um Flächen für die Gänse zu schaffen. Zudem solle ein Teil des Geldes, das im Rahmen von Ausgleichszahlungen für Windparks und andere Projekte beim Kreis in Höhe von mehr als 20 Millionen Euro vorliege, als Entschädigung an betroffene Bauern ausgezahlt werden. Dass das nicht funktioniert, sagte ihm Franz Brambrink, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Nordfriesland. „Laut Bundesgesetzgeber soll das Geld für Naturschutzmaßnahmen eingesetzt werden.“

Melf Melfsen, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Husum-Eiderstedt, berichtete über aktuelle Schäden. 160 Betriebe der Kreisbauernverbände Husum-Eiderstedt und Südtondern hatten sich danach an einer Umfrage beteiligt und mehr als 8000 Hektar Schadensflächen gemeldet. Die Weiden seien durch den Gänsekot überdüngt, was zu Problemen bei der Hygiene führen könnte. Der Bauern-Vorsitzende forderte ein Management, das „schadensangepasste Zahlungen“ und eine Vorlandbeweidung beinhaltet. Michael Kruse unterstrich, dass es keine von der EU kofinanzierten Zahlungen für Gänsefraßschäden gibt. „Daran muss sich das Land halten.“ Dass das wirklich so ist, bezweifelte Nordfrieslands Kreisjägermeister und verwies auf die nationale Verantwortung des Landes – „und zwar nicht nur für Vögel, sondern auch für die Menschen“. Das Land darf finanziell entschädigen, behauptete Thomas Carstensen und vermutete, dass in Kiel allein der Wille fehle. Wolfgang Stapelfeldt, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Südtondern, ging noch weiter: „Nordfriesland muss von der EU als Notstandsgebiet eingestuft werden.“ Entsprechende Anträge sollten vom Land gestellt werden.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Klaus Jensen regte mit Blick auf die Vorlandbeweidung an, Naturschutzgesetze „ein Stück zu reduzieren“.

Michael Kruse verwies auf den Vertragsnaturschutz – Landwirte verpflichten sich unterschiedliche Bewirtschaftungsauflagen einzuhalten und erhalten im Gegenzug Ausgleichszahlungen. Er hofft jetzt auf weitere Gespräche.

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