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Realistisches Szenario an der Ostsee : Flugabwehrraketengruppe 61: „Gottesanbeterin“ auf der Jagd

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die dem Husumer Geschwader unterstellte Flugabwehrraketengruppe 61 übt mit ihren Mantis-Geschützen den scharfen Schuss.

von
erstellt am 24.Sep.2015 | 14:00 Uhr

Im Bunker 3 wird konzentriert gezählt: „Fünf, vier, drei, zwei – Geschütze sind drauf.“ Dann zwei Feuerstöße, Rauch ist über den beiden schnellfeuernden Mantis-Kanonen zu sehen. Das Panzerglas vibriert, die Druckwelle ist noch hinter dem Sehschlitz zu spüren. In Sekunden ist die anfliegende Übungsgranate zerstört.

Für die dem Husumer Flugabwehrraketengeschwader 1 unterstellte Flugabwehrraketengruppe 61 ist es eine doppelte Premiere: Erstmals wird mit Mantis auf dem Truppenübungsplatz Putlos an der Ostseeküste trainiert. Und zum ersten Mal können die Soldaten mit der Abwehr eines „Überschusses“ der Geschütze in das – angenommene – eigene Feldlager ein realistisches Szenario üben. Mit Mantis (englisch für Gottesanbeterin) sollen Feldlager der Bundeswehr im Auslandseinsatz vor Artillerie- und Mörsergranaten sowie Raketengeschossen geschützt werden.

Die Fähigkeiten des Systems sind einzigartig in der Bundeswehr. Zwei Sensorstationen überwachen das Gebiet und liefern ihre Daten an die Bedien- und Feuerleitzentrale, deren Computer blitzschnell die Flugbahn anfliegender Geschosse berechnet und die 35-Millimeter-Revolverkanonen entsprechend steuert. „Das ist so, als schieße man mit einer Pistolenkugel eine andere ab“, hatte der erste Mantis-Kommandeur, Oberstleutnant Arnt Kuebart, bildhaft erklärt, als die nun in Todendorf stationierte Gruppe 2011 in Husum aufgestellt wurde.

70 Mann sind über die Schießbahn verteilt auf ihrem Posten. Auf einem Hügel steht der Container der Feuerleitzentrale, in seinem abgedunkelten Inneren das Kampfführungs-Team. Weiter unten im Übungsfeldlager die Sensoreinheiten, eine direkt neben Bunker 3. Am Küstensaum vier Geschütze. Und draußen auf See eine Hubinsel, die an eine Ölplattform erinnert. Von dort werden „feindliche“ Granaten oder Raketen mit Gips- oder Betonfüllung abgefeuert.

Selbst für Stabsfeldwebel Matthias Ehlers ist es ein besonderer Tag. Der 44-Jährige ist heute Geschütz-Sicherheitsoffizier und ein alter Mantis-Hase. Er war schon dabei, als das modernste Flugabwehrsystem der Luftwaffe vor viereinhalb Jahren in der Storm-Sadt an den Start ging. „Mantis ist ein Computer mit einer Kanone dran, damit lässt sich ein Schlüsselloch treffen, schwärmt er. „Ich wünschte mir nur, dass wir damit öfter üben könnten. Nicht am Simulator, sondern unter realen Bedingungen wie hier.“ Mit den Geschützen sei es wie mit einem Auto: „Wenn es nur in der Garage steht, kann es nicht ad hoc optimal funktionieren.“

Zwei Jahre dauerten die Vorbereitungen von der Planung bis zu den Genehmigungen für diese Schießwoche. Dann wurde alles auf den Truppenübungsplatz transportiert. Der Untergrund für die rund sechs Tonnen schweren Geschütze musste extra präpariert werden. Zig Meter Lichtwellenleitungen wurden eineinhalb Meter tief unter die Erde verlegt. Die sorgen für eine superschnelle Datenautobahn zwischen Geschützen, Sensoreinheiten und Feuerleitzentrale. Und auch während der Übung hat die Instandsetzungs-Komponente der Gruppe gut zu tun. Meistens nachts. Deshalb hat der Trupp auch gleich in der Nähe der Feuerleitzentrale in einem Zelt Quartier bezogen.

Während der gerade beendete „Angriff“ von See und die Arbeit der vierten Schieß-Crew ausgewertet werden, bereitet sich Hauptmann Sebastian Clauß auf seinen Übungs-Einsatz vor. Bislang hat der 28-Jährige nur am Simulator trainiert. Heute ist Clauß Kampfführungsoffizier in der Feuerleitzentrale und hat damit die Verantwortung für sein Team. In Putlos erlebt er Mantis zum ersten Mal unter realen Bedingungen. Und das sorgt für Anspannung. „Die Übung sieht vor, dass unsere Geschützlinien überschossen werden. Und wenn wir nicht erfolgreich abwehren, haben wir sozusagen einen Teffer im eigenen Lager“, sagt der junge Offizier ernst.

Eine Reihe vor ihm sitzt Oberleutnant Christina Grubelnig. Die 25-Jährige ist ebenfalls zum ersten Mal beim Mantis-Schießen dabei. In der Feuerleitzentrale ist sie für die Luftlage verantwortlich, muss Angriffe erkennen, Radarkontakte identifizieren und klassifizieren und die Informationen weiterleiten. Und dafür bleibt bei dieser Übung nicht viel Zeit für das Kampfführungs-Team: Nur 13 Sekunden, um zu reagieren – wie bei einem echten Raketen-Angriff. „Alle Arbeitsabläufe und Handgriffe müssen hundertprozentig sitzen. Das ist eine ganz andere Situation als im Simulator. Die Praxis mit ihren vielen nicht kalkulierbaren Ereignissen sieht doch manchmal ganz anders aus als die Simulation am Computer.“

Zwölf Crews wechseln an diesem Tag die Plätze in der Feuerleitzentrale. Jedes Team besteht aus zwei Offizieren und zwei Feldwebeln und hat pro Tag nur einen einzigen Übungsschuss. Parallel wird ausgewertet und bewertet, sind die Instandsetzungssoldaten zwischen Geschützen, Sensoreinheiten und Feuerleitzentrale unterwegs. Alle sind gut beschäftigt, von 7 bis 19 Uhr. „So ein Mantis-Tag auf dem Truppenübungsplatz kann ganz schön lang sein“, sagt Stabsfeldwebel Ehlers lachend. „Aber die Erfahrungen, die man von hier mitnimmt, kann kein virtuelles Lehrprogramm ersetzen.“


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