Mängel in der Betreuung : Flüchtlingsunterkunft in Seeth: Helfer fühlen sich allein gelassen

Endlich können viele der Flüchtlinge ihre Winter- gegen Sommerkleidung tauschen.
Foto:
Endlich können viele der Flüchtlinge ihre Winter- gegen Sommerkleidung tauschen.

In der Kaserne Seeth baut das Land ganz auf Freiwillige. Doch die Helfer fühlen sich allein gelassen, denn sie selbst müssen alles organisieren, auch eine Kleiderkammer. Zusätzlich fehlt es an Babynahrung und Windeln.

shz.de von
20. Juli 2015, 10:00 Uhr

Seeth | „Deutschland ist ein tolles Land, die Deutschen sind alle nett. Ich danke Deutschland, ich bin glücklich, hier zu sein“, sagt Dr. Ali Almusleh aus Syrien. Er ruft einige seiner Landsleute und zwei Eritreer zusammen, und alle unterstreichen seine Worte teilweise in gebrochenem Englisch. Doch was er nicht erkennt, die Verhältnisse in der Seether Stapelholm-Kaserne sind eher chaotisch als typisch deutsch durchorganisiert. Am Freitag wurde dort eine Erstaufnahme-Einrichtung des Landes für Flüchtlinge geschaffen. Zwar klappt die Verpflegung, das Technische Hilfswerk ist damit befasst, der Wachdienst steht am Tor und in der mobilen Wache sitzen drei Polizisten, die über ihre bisherigen Erfahrungen in der provisorischen Erstaufnahme-Einrichtung keine Auskunft geben dürfen. Alles weitere obliegt allein der Arbeit der vielen Freiwilligen aus der Region, zwei Helfer sind sogar aus dem Süden des Landes angereist.

„Nicht einer der ganzen Offiziellen hat sich hier sehen lassen. Nicht ein Mitglied des Ortsvereins des Roten Kreuzes Seeth hat mitgeholfen“, beklagt etwa Brigitte Wottka aus der Ortschaft. Sie ist bereits am Freitag in die Kaserne eingerückt, um zu helfen. „Wir Freiwilligen haben sogar die Zimmer mit eingeräumt, die Tische im Speisesaal zurecht gerückt. Das kann es doch nicht sein.“ Für das ganze Wochenende stehen in der Kaserne vier Pakete Windeln in drei Größen zur Verfügung, vier Windeln pro Kind, das ist doch unmöglich“, schimpft Brigitte Wottka. Sie berichtet, dass freiwillige Helfer für eine Hochschwangere eine Hebamme aus Drage gerufen hätten. Diese veranlasste dann die sofortige Einlieferung in das Krankenhaus. „Es hätten womöglich in der Nacht schwere Komplikationen auftreten können, ich mag gar nicht darüber nachdenken.“

Die Hilfsbereitschaft ist groß. Immer wieder kommen Menschen mit Autos aus der näheren Umgebung in die Kasernen gefahren, um Spenden abzugeben. Andrea Timm-Meves aus Seeth hat die Organisation übernommen, niemand anderes kümmerte sich darum. „Wir haben eine Kleiderkammer eingerichtet und sorgen dafür, dass die Menschen zumindest erst einmal eingekleidet werden. Viele haben nur Winterklamotten. Wir haben kleine Kinder, die so gut wie gar nichts zum Anziehen haben.“ Und was sie besonders empört: nicht einmal an Kinder- und Säuglingsnahrung haben die Organisatoren des Landes gedacht. „In einer Stube ist ein Baby, es bekommt seit Freitag warmes Wasser mit Yoghurt, es gibt keine Babynahrung.“ Auch an so kleinen Dingen wie Schnullern mangelt es. Für fünf Kinder gibt es nur ein Exemplar.

Die Zustände erinnern eher an ein großes Provisorium, denn an ein von der Landesregierung zu verantwortendes Aufnahmelager. Nur gut, dass es Menschen wie den Süderstapeler Nossy gibt. Das ist der Name seines Pizzaservice. Da er aus Indonesien stammt, sei sein richtiger Name viel zu kompliziert, sagt er. Er ist in der Region verwurzelt und Mitglied im Verband der Islandpferde-Freunde. „Wir haben mehr als genug, wir können gut abgeben.“ Sein Auto ist voller Spenden, und er hat allen Mitgliedern des rund 6000-Köpfe zählenden Verbandes eine Mail geschickt, in der er auf die Not der Flüchtlinge hinweist. Auch hat er sein schönstes Pferd in eine Auktion gestellt. „Morgen Abend endet sie, der Erlös ist zu 100 Prozent für die Menschen in der Stapelholm-Kaserne bestimmt. Der Pizza-Mann betont, dass er nicht als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist, sondern um zu studieren. „In Indonesien ist es üblich, wenn ich einen Teller Essen habe, dann teile ich ihn mit demjenigen, der nichts hat.“

Petra Britz hat gemeinsam mit ihrem Mann auch Spenden in die Kleiderkammer getragen. Sie ist sauer auf die Landesregierung. „Die wussten doch was kommt. Die haben die Kaserne immer auf der Rechnung gehabt. Ich arbeite im Krankenhaus-Einkauf und wollte das Geschirr übernehmen, doch es wurde stets abgelehnt, es zu verkaufen, warum wohl?“

In diese Kerbe schlägt auch Thorsten Gosch aus Seeth. „Wir wollen den Flüchtlingen gerne helfen, aber man hätte viel früher Bescheid geben müssen, zumindest dass die Kaserne weiterhin eine Option als Erstaufnahme- Lager ist.“

Wenn es dem Norderstapeler Achim Callesen gelingt, seine Bekannten von der Wichtigkeit der Hilfe zu überzeugen, dann könnten schon Anfang der Woche Waschmaschinen bereit stehen. Augenblicklich gibt es eine für 80 Familien. „Ich will gerne helfen, ich glaube auch meine Bekannten machen da mit“, sagt der Inhaber eines Hausmeisterservice.

Und was sagen die vielen freiwilligen Helfer, die am Wochenende Dienst verrichtet haben? „Wir fühlen uns allein gelassen. Das ist schon sehr chaotisch, doch wir haben uns organisiert“, so etwa Andrea Timm-Meves, die gemeinsam mit ihrem Team zentral die Spenden annehmen möchte, um ein wenig Ordnung in das System zu bekommen. Zu erreichen ist sie unter Telefon 0179/9445020, gern auch per SMS.

Die Flüchtlinge selbst, so einige Syrier übereinstimmend, hoffen darauf, dass es bald in der Einrichtung Internet gibt. „Wir haben sonst keinen Kontakt zu unseren Familien, wissen nicht, wie es in der Heimat aussieht, wie es unseren Freunden und Verwandten geht.“ Freuen würden sie sich auch, wenn es eine Verkehrsanbindung der Kaserne geben würde, denn im Augenblick fühlen sie sich wie in einem Lager. Die Kaserne liegt vor den Toren von Seeth an der B202 – und dort gibt es nur eine Bäckerei-Filiale, aber die hatte gestern am Sonntag natürlich geschlossen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert