Schleswig-Holstein Musik-Festival in Husum : Flüchtlingstragödie in Stein gemeißelt

Steinskulpturen, die Flucht und Vertreibung aus Syrien thematisieren
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Steinskulpturen, die Flucht und Vertreibung aus Syrien thematisieren

„Die Steine muss man in Bewegung setzen“: Multimedia-Projekt von Gidon Kremer und Sandro Kancheli heute beim SHMF Konzert in Husum.

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15. August 2018, 12:45 Uhr

HusumÜber einen Freund wurde der lettische Star-Violinist Gidon Kremer (71) auf die Kieselsteinskulpturen Nazir Ali Badrs aufmerksam: mahnende, vergängliche Kunstwerke, die unterschiedliche Lebenswelten aus Steinen in verschiedenen Größen darstellen. Schnell hatte Kremer die Idee, daraus ein multimediales Projekt zu kreieren.

Er bat den georgischen Animationsdesigner Sandro Kancheli mit den Steinfiguren einen Kontrapunkt zur live gespielten Musik von Robert Schumann zu setzen und unterlegte die einzelnen Szenen mit Musik von Karlheinz Stockhausen. Mit der Filmprojektion „Bilder aus Osten“ kommen Kancheli und Kremer mit der Kremerata Baltica heute ins Nordsee-Congres-Centrum in Husum. Im Interview mit unserer Zeitung erzählt Sandro Kancheli (50) über die Entstehung des Projektes.

Wie ist es zur Zusammenarbeit mit Gidon Kremer gekommen?
Die direkte Verbindung zwischen uns ist die Musik meines Vaters Giya Kancheli, dessen Musik Gidon Kremer seit langem spielt. Kennengelernt habe ich ihn 1995, als er für das Plattenlabel ECM Records, bei dem ich damals beschäftigt war, das Album „Lament“ aufgenommen hat. Seitdem sind wir ständig in Kontakt und Gidon zählt inzwischen zu den engsten Freunden unserer Familie. Erst viele Jahre später, als er in Tiflis zu Besuch war, sprach er mit mir über sein Wunschprojekt, in dem er das Thema Flüchtlinge behandeln wollte, und zeigte mir die Kieselsteinskulpturen des syrischen Künstlers Nazir Ali Badr. Mir war sofort klar: diese Figuren muss man in Bewegung bringen. Die Kieselsteine laden einfach dazu ein, sie zu separieren und am Computer zu animieren.

Was waren die Herausforderungen bei diesem Projekt?
Die Schwierigkeit war, alles Unnötige weg zu lassen und sich auf das Wesentlich zu konzentrieren. Das Phänomen ist, dass man sich kaum vorstellen kann, dass leblose Objekte wie Steinen so emotional wirken können. Die Steinfiguren von Nazir Ali Batr erzählen bereits sehr viel und sind sehr berührend. Wenn sie zum Leben erweckt werden, lassen sie einen nicht mehr los.
Allerdings war es nicht so einfach mit Ali Badr Kontakt aufzunehmen, da er keine Fremdsprachen spricht, keinen Computer besitzt und sehr abgeschottet von der Außenwelt lebt. Seine Arbeiten finden eigentlich nur über Facebook Verbreitung. So haben wir auch Kontakt zu einem Freund des Künstlers aufgenommen, der für ihn Übersetzerdienste leistet. Ich habe dann verschiedene Beispiele seiner Arbeiten bekommen, die wir in unterschiedliche Themenschwerpunkte wie Liebe, Natur, Gewalt, Krieg etc. eingeteilt haben, und diese animiert. Entstanden sind kurze Szenen, dessen Aussagekraft vom Publikum schnell erfasst und eingeordnet werden können. Sie zeigen, wie schön das Leben sein könnte, wenn nicht Kriege, Zerstörung und Gewalt auf der Welt herrschen würden.

War sofort klar, welche Musik Sie für die Animation verwenden wollen?
Es hat sehr lange gedauert, die richtige Musik zu finden. Schumanns „Bilder aus Osten“ waren von vornherein gesetzt und Arbeitstitel des Projektes. Allerdings hört man in seinen Kompositionen gar nichts Östliches, sie ist rein europäische Musik. Den östlichen Kolorit fand Gidon dann in Stockhausens „Tierkreis“-Miniaturen, die auf verschiedenen Instrumenten gespielt werden. Der Vibraphonist Andrei Pushkarev der Kremerata Baltica hat daraus spezielle Arrangements für verschiedene Besetzungen gemacht – von der Sologeige bis zum kompletten Orchester. Das Ergebnis hat sich zwar mittlerweile etwas vom Original entfernt, hat aber die ganze Schönheit der Komposition Stockhausens bewahrt.

Was kann Animation, was andere Kunstformen nicht können?
Das Potential von Animation ist grenzenlos. Ich kenne keine andere Gattung, die so vielfältig und frei ist. Sie kann sehr scharf sein, sehr feinsinnig und zahm; sie kann sehr verstörend, aber auch tröstlich sein. Man kann alles in Bewegung bringen und hat verschiedene Möglichkeiten eine Geschichte zu erzählen.

Gidon Kremer hat in einem Interview gesagt, dieses Projekt sei eine Herzensangelegenheit für ihn. Warum lassen Sie diese Figuren nicht mehr los?
Wir alle sind von der Flüchtlingsproblematik sehr beunruhigt. Ich teile Gidons Meinung, dass es die Aufgabe eines Künstlers ist, die Konfrontation mit der Wirklichkeit zu suchen und sich nicht im überkommerzialisierten Musikbetrieb zu verstecken. Man muss Gratwanderungen unternehmen, damit Kunst lebendig wird. In diesem Projekt geht es um die Tragödie der Flüchtlinge, es handelt von Krieg und Frieden, Hass und Liebe, Mitleid und Hoffnung. Keine attraktiven Themen für den Klassikbetrieb und es gibt nur wenige Veranstalter, die „Bilder aus Osten“ haben wollen. Deshalb hat Gidon das Projekt auch komplett aus eigener Tasche finanziert. Mittlerweile hat Paul Smaczny von Accentus Music Leipzig Interesse gezeigt, uns beim Vertrieb des Filmes zu unterstützen. Er dreht gerade eine Dokumentation über Gidon Kremer, so dass wir den großen Film mit der kleinen Animation verknüpfen können.

Mittlerweile sind Sie mit dem Projekt weltweit unterwegs. Wie reagiert das Publikum auf das Projekt?
Leider haben nur sehr wenige Veranstalter den Mut, ein technisch herausforderndes Projekt zu verwirklichen; als wir jedoch den Film vor kurzem beim portugiesischen Filmfestival in Sintra gezeigt haben, stand hinterher eine Frau auf und sagte, dass man diesen Film eigentlich in Schulen und Parlamenten zeigen müsste.

Zur Person: Sandro Kancheli, 1968 in Georgien geboren, zog nach einem Animationsdesign-Studium an der Akademie für Schöne Künste in Tiflis 1991 nach Deutschland, wo er zunächst beim Plattenlabel ECM Records arbeitete und Erfahrungen, unter anderem in Aufnahmeindustrie und im Verlagswesen, sammelte. Anschließend war er Art Director des Beethoven Orchesters Bonn und später des Nationalmuseums in Tiflis, wo er zahlreiche Ausstellungen gestaltete. Außerdem hat Kancheli Bücher illustriert und selbst verlegt und war als freier Grafikdesigner tätig. Durch das Multimedia-Projekt „Bilder aus Osten“ ist er dank Gidon Kremer nach drei Jahrzehnten zum Animationsdesign zurückgekehrt und arbeitet mittlerweile an den nächsten beiden Filmen. Er teilt sein Leben zwischen Georgien und Deutschland und bereitet zur Zeit eine Fotoausstellung in Zusammenarbeit mit ECM in München vor.

Programm heute Abend:
Robert Schumann: Fugen über den Namen BACH op. 60 Nr. 4, 5 und 6 (bearbeitet von Paul Angerer). Violinkonzert a-Moll nach dem Cellokonzert op. 129 (für Streicher bearbeitet von Rene Koering). „Images d’Orient“ mit Filmprojektionen von Sandro Kancheli nach Kieselsteinskulpturen des syrischen Künstlers Nizar Ali Badr und Musik von Robert Schumann: Bilder aus Osten op. 66 (Streicherfassung von Friedrich Herrmann) und Karlheinz Stockhausen: Tierkreis op. 41 (bearbeitet von Andrei Pushkarev).

Ticket-Hotline: 0431/237070. Eindrücke vom Projekt im Internet unter:
https://youtu.be/ tJ7HC7zgDSg

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