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Integrationskurse in Nordfriesland : Flüchtlinge stehen auf Wartelisten für Sprachkurse

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Stau in Sprachkursen für Asylbewerber: Verwaltungsaufwand und die Suche nach Fachkräften machen der Volkshochschule in Husum als größter Anbieter zu schaffen.

shz.de von
erstellt am 19.Okt.2017 | 16:00 Uhr

Von Kneipen-Stammtischen über die Politik bis zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wird von Asylbewerbern die Integration in unsere Gesellschaft verlangt. Vor allem sollen sie möglichst schnell die deutsche Sprache lernen, heißt es allenthalben. Doch in Nordfriesland warten Flüchtlinge bereits seit dem Vorjahr auf einen Platz in einem Integrationskurs, wie sie in Schreiben an den Kreis beklagen.

Aktuell besuchen 300 Asylbewerber Sprachkurse, 330 stehen auf Wartelisten. Diese Zahlen nennt Hans-Martin Slopianka, Pressesprecher des Kreises. Er weist allerdings darauf hin, dass manche wegen Arbeitszeiten, fehlender Kinderbetreuung oder Umzug gar nicht teilnehmen könnten.

Die Volkshochschule Husum (VHS) bietet von Sylt über Bredstedt bis Garding 18 Kurse für Geflüchtete an, dazu drei Lehrgänge mit speziell beruflichen Inhalten. Die VHS ist damit größter Anbieter im Kreisgebiet und verfügt sogar über eine Mitarbeiterin, die Lehrkräfte auf die besonderen Anforderungen in Kursen dieser Art vorbereitet – eine von nur zwei unter allen Volkshochschulen in Schleswig-Holstein, die dafür vom BAMF anerkannt sind.

Der Hauptgrund für die Unterversorgung sei nach Ansicht von VHS-Leiter Hans-Peter Schweger der Verwaltungsaufwand. „Unsere Mitarbeiter gehen bereits an ihre gesundheitlichen Grenzen – und noch immer ist kein Land in Sicht.“

Schweger nennt Details. So habe die VHS im Zusammenhang mit diesen Kursen 164 Punkte zu beachten, ansonsten sei ihre Anerkennung durch das BAMF als Träger der Maßnahme gefährdet. Ein Punkt sei die Fahrtkostenabrechnung. Angenommen, ein Geflüchteter wohnt in Schwabstedt. Er muss mit dem Bus bis zum ZOB in Husum, dort umsteigen nach Schobüll zum Sitz der VHS. Die Mitarbeiter müssten individuell die Fahrtkosten recherchieren, einzeln den Antrag ans BAMF stellen und auf die Bewilligung warten. Bis zu einem halben Jahr müsse die VHS die Kosten vorfinanzieren. Sollte der Asylbewerber inzwischen in einen anderen Ort umgezogen sein, „fängt alles wieder von vorne an“. Noch 2016 galt sogar die Regel, dass mit den Flüchtlingen bar abgerechnet werden müsse, obwohl sie eigene Konten gehabt hätten. So seien im Jahresverlauf 50.000 Euro durch die Handkasse der VHS geflossen.

„Wegen Dumping einiger schwarzer Schafe unter den Anbietern“, wie Schweger sagt, habe das BAMF von allen Bildungsstätten verlangt, Lehrkräften mindestens 35 Euro brutto pro Unterrichtseinheit (45 Minuten) zu zahlen – mehr als in vielen anderen VHS-Lehrgängen üblich ist. Eine Sprecherin des BAMF weist die Kritik zurück und macht darauf aufmerksam, „dass 95 Prozent aller Träger mindestens 35 Euro zahlen“.

Bürokratie auch im Klassenzimmer: So dürften Sprachkurse erst ab 25 Teilnehmern starten. Pünktlichkeit sei oberstes Gebot, wer fehlt, müsse eine Entschuldigung beibringen – sogar zum Ramadan, dem zweithöchsten islamischen Feiertag.

Der Verwaltungsaufwand sei nicht entscheidend, widerspricht der Sprecher des Kreises. Das Problem in Nordfriesland bestehe darin, dass es zu wenige Dozenten für solche Kurse gebe, die die „sehr hohen Anforderungen des BAMF erfüllen“. Ein Sozialpädagoge beispielsweise benötige 600 bis 700 Stunden Fortbildung, bevor er als Dozent in Frage komme. Das BAMF ergänzt, dass bundesweit allein in 2016 10.000 neue Lehrkräfte zugelassen werden konnten.

Das Klassenziel ist B  1, ein europaweit gültiges Niveau im Fremdsprachenunterricht, um sich bei Themen wie Arbeit, Freizeit, Schule und auf Reisen ausdrücken und Erfahrungen austauschen zu können. Das sei laut Hans-Peter Schweger aber eine Stufe, die nur von zwei Dritteln erreicht werde, ein Drittel müsse sich mit A  2 begnügen. Das Ergebnis A  2 stellt das BAMF hingegen als eine „große Leistung“ der Teilnehmer dar, weil viele als Analphabeten gestartet seien. „Nur ein Zehntel“ erreiche keine der beiden Stufen.

Dabei gehen die Ansprüche, die das Bundesamt an den Erfolg der Sprachkurse stelle, über das unter Deutschen gewohnte Maß hinaus. VHS-Dozentin Doris Freyse, die aus zwei Jahrzehnten Erfahrungen in Integrationskursen schöpft, nimmt die Regel „wegen – in Verbindung mit dem Genitiv“ als Beispiel. Längst werde von vielen Deutschen der Dativ verwendet. Ausgerechnet der hierzulande fast schon versenkte Wes-Fall werde somit vom BAMF in Ehren gehalten, amüsiert sich die VHS-Mitarbeiterin. Sie und alle Kollegen in diesen Kursen täten jedoch alles, um zum Erfolg zu kommen. Dazu gehörten „Interesse für Menschen, transparente Abläufe und zuverlässige Absprachen – jeder Erfolg ist eine Teamleistung“.

Was letztlich die Gründe für die Wartelisten sein mögen – Kreissprecher Hans-Martin Slopianka betont, dass der Kreis alle aufgetauchten Probleme ernst nehme und sich in Gesprächen mit der Volkshochschule befinde, um die VHS bei der Verwaltung der Kurse zu unterstützen. „Eine Entscheidung ist aber noch nicht gefallen.“

 

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