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Zeitzeugen-Gespräch : Flüchtlinge im eigenen Land

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Matthäus und Anna Weiß vom Kieler Landesverband Deutscher Sinti und Roma erzählten in der Husumer Theodor-Storm-Schule die Geschichte ihrer Minderheit und von einer Kindheit als „Zigeuner“.

Laut einer Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes lehnen zwei Drittel aller Deutschen Sinti und Roma in ihrer Nachbarschaft ab. „Woher kommt diese Ablehnung?“, fragten sich 40 Schülerinnen und Schüler der Theodor-Storm-Schule (TSS) im Geschichtsunterricht. Gemeinsam mit ihrem Lehrer Nils Fieselmann stellten sie einen Fragenkatalog zusammen und organisierten einen Fachtag. Antworten erhofften sie sich von Matthäus und Anna Weiß vom Kieler Landesverband Deutscher Sinti und Roma. Und die bekamen sie auch.

Im „Zeitzeugengespräch“ erzählte Matthäus Weiß von seiner Kindheit im „Zigeunerlager“ und von seinen langjährigen Bemühungen, Rechte für diese Minderheiten durchzusetzen. Noch bis in die 1980er-Jahre seien Sinti und Roma verfolgt worden, berichtete er. Für die Anerkennung der 7000 schleswig-holsteinischen Sinti als nationale Minderheit habe der Landesverband lange kämpfen müssen – sie erfolgte erst im November 2012. Und Schleswig-Holstein war damals sogar das erste Bundesland, das dieser Volksgruppe per Verfassung Schutz und Förderung garantierte.

Matthäus Weiß begrüßte seine jungen Gastgeber in der Sprache der Roma: „Sobald wir zu zweit sind, wird Romanes gesprochen“, erklärte er und gab erste Einblicke in seine Geschichte: 1949 in Kiel geboren hat er die Nachkriegszeit in der Landeshauptstadt intensiv miterlebt. Wie alle Nichtsesshaften wurde die Sinti-Familie nach dem Krieg zwangseinquartiert, erst in einem erbärmlichen Lager in der Preetzer Straße und ab 1964 am Kuckucksberg in Elmschenhagen. Dieses Camp bestand aus alten Eisenbahnwaggons, die nicht isoliert waren. „Im Sommer kam man darin vor Hitze um, im Winter froren die Betten an den Wänden fest. Es stank erbärmlich“, erinnerte sich Matthäus Weiß. Da es nur „Plumpsklos“ gab und keine anständigen sanitären Anlagen, sei es schwer gewesen, gewisse Hygienestandards zu halten. Da er sich gemeinsam mit seinen 13 Geschwistern einen kleinen Raum teilen musste, hätten ihnen Kopfläuse oft zu schaffen gemacht. Dennoch sei rückblickend zu sagen: „Irgendwie hat das Leben dort immer funktioniert.“

Nach seinem Tagesablauf befragt erzählte Weiß, dass er morgens mit den Frauen losgezogen sei, um mit dem Verkauf von Kurzwaren die Ernährung der Großfamilie zu sichern. Schuhe hatte er keine, auch nicht im Winter. „Ich weiß also, was es heißt, Hunger zu haben und zu frieren.“ Die Versuchung sei groß gewesen, vor Wohnungstüren herumstehende Stiefel mitzunehmen oder sich an den Wäscheleinen der Kieler zu bedienen. „Aber das haben wir nie gemacht. Denn dann hätten diese Leute selbst ja auch nichts mehr gehabt und vielleicht das Gleiche durchmachen müssen wie wir. Das wollte ich nicht. Der Kopf sagte oft ja, das Herz aber immer nein“, so die Denkweise des jungen Matthäus. Dem Vorurteil, „Zigeuner“ würden alles stehlen, was ihnen unter die Finger kommt, widersprach er ebenso vehement wie der Behauptung, das fahrende Volk habe gar nicht sesshaft werden wollen. „Nirgendwo wurden ‚Zigeuner‘ länger als zwei bis drei Tage geduldet. Sie waren und blieben Flüchtlinge im eigenen Land. Aber glaubt mir bitte: Keiner treibt sich gerne auf Landstraßen herum, wenn er irgendwo wohnen kann.“

Dann sprach der 66-Jährige ein Thema an, das ihn immer noch sehr bewegt: „Ich durfte nicht zur Schule gehen.“ Der Grund: Viele Sinti-Eltern seien damals traumatisiert gewesen von der Erfahrung, dass die Nazis im Krieg nicht davor zurückschreckten, ihre Kinder direkt von der Schule ins Konzentrationslager zu bringen. Für die Eltern war die Schule daher kein guter Ort, also schickten sie ihre Kinder gar nicht erst dorthin. Was er damals als „fantastische Freiheit“ empfunden hatte, bedauert Matthäus Weiß noch immer sehr, denn ohne Schulbildung habe es für ihn auch keine beruflichen Chancen gegeben: „Richtige Berufe haben wir alle nicht gelernt. Scherenschleifer oder Schrotthändler konnte man werden, das lernte man vom Vater oder Großvater. Mehr war einfach nicht drin.“ Deshalb ist es ihm ein dringendes Anliegen, dass auch die Kinder der Sinti- und Roma-Familien regelmäßig zur Schule gehen und eine Ausbildung machen.“

Damals wie heute sei der Zusammenhalt in der Familie das Wichtigste überhaupt, betonte Matthäus Weiß. Seine kürzlich verstorbene Mutter hinterließ 145 Enkel und Urenkel, er selbst habe neun Enkelkinder und gelte als Familienoberhaupt. Hierarchien in dem Sinne gebe es zwar nicht mehr innerhalb der Familien, wohl aber einen gewissen Respekt vor den Eltern und Großeltern. Der zeige sich unter anderem in der Kleidung: „Ab einem gewissen Alter tragen die Mädchen Röcke – und die Jungen tauschen ihre Jeans gegen Stoffhosen aus“, erklärte er. „Aber das ist kein Muss! Die meisten tun es ganz selbstverständlich“, ergänzte Anna Weiß.

15 und 17 Jahre alt waren die Beiden, als sie sich kennenlernten. 49 Jahre sind sie miteinander verheiratet. „Ihr solltet euch nicht zu weit von der Familie entfernen“, empfahl Matthäus Weiß den Schülerinnen und Schülern, die sich kaum vorstellen können, mit mehreren Generationen unter einem Dach zu leben. „Wenn die Familie nicht mehr füreinander da ist, was will man dann von Außenstehenden erwarten?“, gab der 66-Jährige zu bedenken. Er schloss mit den Worten: „Es ist nicht nur meine Geschichte. Es ist eine gemeinsame Geschichte, die wir auch nur gemeinsam verstehen und bewältigen können.“

Da der Umgang mit Minderheiten wie Friesen, Dänen und aktuell mit Flüchtlingen in Nordfriesland gelebter Alltag ist, sollen Fachtage zur Geschichte von Minderheiten künftig regelmäßig in der TSS stattfinden.

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