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Sprachen-Service : Flüchtlinge helfen Flüchtlingen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Im Sozialzentrum für Husum und das Umland wird an den monatlichen Auszahlungstagen ehrenamtlich gedolmetscht. Dafür kommen Muttersprachler in das Rathaus.

Katharina Hoffmann ist ein Glücksfall für die Stadtverwaltung. Denn die Mitarbeiterin aus dem Bauamt spricht Russisch. Sie stammt aus Kasachstan. Jeweils am letzten Werktag eines Monats übernimmt die junge Frau neben ihrem eigentlichen noch einen zusätzlichen Job, indem sie auf Abruf ein Team von ehrenamtlich tätigen Übersetzern unterstützt. Denn am Monatsende ist Auszahlungstag für Asylsuchende und Menschen mit Migrationshintergrund.

Sprachliche Hürden lassen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sozialzentrums Husum und Umland, die im Rathaus untergebracht sind, den Beruf zu einer Herausforderung werden. Denn die Weltsprache Englisch – darin sind alle noch einmal geschult worden – ist nicht immer die Rettung. „Viele sprechen nur ihre Muttersprache. Das kann Dari ebenso sein wie Arabisch oder Kurdisch“, erklärt die Leiterin des Sozialzentrums, Anne Cappel. Sie ist froh, dass an diesen Tagen von 9 bis 11 Uhr Sprachmittler zur Seite gestellt werden können, die nicht nur dolmetschen, sondern beim Ausfüllen von Anträgen helfen und sogar bei Behördengängen begleiten. Manchmal bleibt es ein kurzer Weg, da die entsprechende Fachkraft im Rathaus zu finden ist. Cappel: „Mit den Sprachmittlern wollen wir verhindern, dass sich Antragsteller und Mitarbeiter hilflos gegenüberstehen. Der Zuspruch ist enorm.“

Auch am 31. Juli hat sich eine lange Schlange im Flur zu den Büros gebildet. Es sind überwiegend jüngere Männer: Sie sind alleinstehend oder holen das Geld für ihre Familien ab. Die Flüchtlinge erhalten einen Scheck über eine Summe auf Basis des Sozialgesetzbuchs II – dies sind in der Regel einige Hundert Euro. Für diejenigen, die zum ersten Mal kommen, wird eine Bescheinigung mit Daten zur Person ausgestellt. Außerdem erhalten die Betroffenen im Sozialzentrum Krankenscheine – allerdings ist es für die Sachbearbeiter wichtig, zu wissen, welcher Arzt es denn sein muss. Das Übersetzer-Team ist gerade bei dieser Frage eine große Hilfe. „Die Krankenscheine sorgen für einen enormen Mehraufwand“, betont Anne Cappel. Sie hofft, dass die Formulare bis zum Jahresende durch eine Chipkarte abgelöst werden – so sei es zumindest geplant.

Im Sozialzentrum sind 62 Nordfriesen beschäftigt – drei Mitarbeiter für den Bereich „Asyl“ zuständig. Die Chefin: „Im Mai haben wir hier um eine halbe Stelle aufgestockt. Doch die Mitarbeiterin muss noch eingearbeitet werden.“ In Zukunft könnte weitere Verstärkung erforderlich sein. Die Asylzahlen lagen im Juli für Husum und das Umland bei 208 Fällen – dahinter verbargen sich 374 Menschen, denn Familien werden als ein Fall geführt. Rund 70 Prozent erhalten monatlich einen Auszahlungsschein.

Möglich gemacht hat das Sprachmittler-Angebot letztlich der Kinderschutzbund Nordfriesland, der dienstags mit seinem „Bildungs-Café“ in der Bürgerschule Flüchtlingen ebenfalls durch Dolmetscherdienste von Muttersprachlern weiterhilft. Vorrangig kommen Eltern, die aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse beispielsweise mit Schulfragen überfordert sind. Geschäftsführer Gregor M. Crone hatte aber offensichtlich kein Problem, auch für den Dienst im Rathaus Freiwillige zu finden.

Neben Katharina Hoffmann sind auch die Iranerin Parissa Abbassi und die Irakerin Sina Khedeida Pessi vor Ort. „Dari wird in Afghanistan und Farsi im Iran gesprochen“, klärt Parissa Abbassi auf. Doch beide Sprachen sind sich ähnlich, sodass sie gleich zweifach gefordert ist. Die Iranerin arbeitet als Zeichenlehrerin beim Kinderschutzbund und gibt Pilates-Kurse in der Volkshochschule. Parissa Abbassi, geboren 1984 in Isfahan, hat in Teheran Grafikdesign studiert. Was einem wichtig ist, weiß man genau: „Vor zwei Jahren und vier Monaten“, lautet ihre Antwort auf die Frage, wann sie nach Deutschland gekommen ist. Seit 2013 lebt die junge Frau in Nordfriesland.

„Ich kenne ihre Probleme“, bringt sie sicherlich auch stellvertretend für ihre Kolleginnen und Kollegen auf den Punkt, warum sie Flüchtlinge im Sozialzentrum betreut. Parissa Abbassi hat sich Deutsch mit Büchern weitgehend selbst beigebracht. Die ersten bekam sie in Neumünster von einem Mitarbeiter der Erstaufnahme-Einrichtung. Heute ist Deutsch ihre zweite Sprachwelt.

 

 

 

 

 

 

 

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erstellt am 02.Aug.2015 | 12:30 Uhr

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