zur Navigation springen

Lernen um zu leben : Flucht aus Syrien endete in Husum

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Amer Osso entkam dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland, in dem er nie zur Schule gehen konnte – und schafft eine Erfolgs-Story. Inzwischen arbeitet er an seinem Abschluss und hofft auf eine Lehrstelle.

shz.de von
erstellt am 14.Aug.2014 | 15:00 Uhr

Mit gegeltem Haar, gestutztem Bart und modischer Brille erscheint Amer Osso zum Fototermin am Deich. Der 18-Jährige vermittelt nicht den Eindruck, dass er vor dreieinhalb Jahren mit seiner jüngeren Schwester und seiner Tante aus dem Nordosten des krisengebeutelten Syrien fliehen musste.

Bis zum Kriegsausbruch half Amer seinem Vater auf dem heimischen Bauernhof. Als Schafhirte und Landwirt war er eine feste Größe in der täglichen Hofarbeit, so dass ein Schulbesuch unvorstellbar war. Doch der syrische Bürgerkrieg forderte seit 2011 mehr als 170.000 Todesopfer – und um seinen Kindern dieses Schicksal zu ersparen, entschied sich der Vater zu einer Rettungsaktion. Er engagierte einen Schleuser, der seine Kinder und die Tante der beiden in ein sicheres Land bringen sollte.

Das Dreiergespann floh zu Fuß in die benachbarte Türkei. „Oftmals mussten wir uns tagelang vor den Behörden verstecken“, erzählt Amer. Als sie den im Vorwege bezahlten Schleuser mit viel Glück gefunden hatten, sorgte der für die Einreise in die Bundesrepublik. Und da die Ossos aus einem Kriegsgebiet kamen und auch aus religiösen Gründen verfolgt wurden, wurde der Familie Asyl gewährt. Über eine Quotenregelung wurden Amer und seine Begleiterinnen nach Nordfriesland geschickt, wo sie in Husum die Wohnung gestellt bekamen, in der sie heute leben.

Amer und seine Schwester Almas gingen fortan in die achte Klasse der Gemeinschaftsschule Nord. Da die beiden Jugendlichen noch nie zuvor eine Schule besucht hatten, konnten sie aber weder lesen noch schreiben, von der deutschen Sprache mal ganz abgesehen. Doch Lehrerin Gabriela Günther kümmert sich genau um solche Fälle und bringt jungen Ausländern die deutsche Sprache bei. „Amers Auffassungsgabe und sein Lernwille waren wirklich beeindruckend“, erzählt Günther, die die Familie regelmäßig besucht und ihr in wichtigen Angelegenheiten mit Rat zur Seite steht. Neben den Einzelunterrichtsstunden waren da aber auch noch die normalen Fächer. „Die Mitschüler haben uns sehr respektvoll behandelt. Wir fühlten uns gut aufgehoben“, erinnert sich Amer. Eineinhalb Jahre lang plagte ihn jedoch die Ungewissheit über das Schicksal der anderen Familienmitglieder. Weil die mittlerweile auch auf der Flucht waren, hatte er keine Möglichkeit, mit seinen Eltern Kontakt aufzunehmen.

Was muss das für eine unvorstellbare Zeit für den Jungen aus Al-Hasaka gewesen sein? Aus einer Region in Syrien, in der Computer, Smartphones oder ähnliche Gegenstände gar nicht existieren, in eine Welt zu kommen, in der eigentlich alles nur noch elektronisch abläuft? Dazu der Sprache nicht mächtig und ohne Eltern an der Seite?

Im Juli 2013 bekam Amer dann die Nachricht, dass seine Mutter und der andere kleine Bruder in Hamburg angekommen seien. Er setzte sich in den Zug, fuhr in die Hansestadt und machte sich auf die Suche nach den beiden. „Ich fand sie an der Alster. Die Freude war unbeschreiblich“, berichtet der Hobby-Fußballer. Damals waren Amers Deutschkenntnisse schon so ausgeprägt, dass er die Formalitäten für seine Mutter und seinen Bruder selbstständig regeln konnte.

Im März 2014 wurde die Familie endlich wieder zusammengeführt. Nachdem man Kontakt zum Vater herstellen konnte, ging Amer in Kirchen, um Geld für den Flug seines Vaters zu sammeln. Zusammen mit der kleinen Schwester traf dann auch der Vater in Deutschland ein, wo die Familie nun wieder zusammen unter einem Dach lebt.

Parallel zum Deutschlernen und dem Bemühen, seine Familie wiederzufinden, absolvierte der hochmotivierte junge Mann bereits zwei Praktika bei der Firma Nord-Ostsee-Automobilie und jobbt nun über die Ferien im Hotel Hinrichsen. „Ich bin gerade dabei, meinen Führerschein zu machen. Doch dafür brauche ich Geld. Deshalb arbeite ich die ganze Zeit.“ Neben einem Auto benötigt die Familie zudem noch eine neue, größere Wohnung. Und nach dem Ende der Ferien beginnt wieder der Unterrichtsalltag für Amer, der dann ein Berufsvorbereitungsjahr an der Beruflichen Schule machen wird. „Am liebsten möchte ich Kfz-Mechatroniker werden. Ich hoffe, dass ich bald meinen Abschluss schaffe“, sagt Amer. Er weiß, dass er noch einen harten Weg vor sich hat. Doch nach allem, was Amer Osso in den vergangenen drei Jahren alles erreicht hat, hat er genug Selbstvertrauen gesammelt, um auch die nächste Etappe seiner erfolgreichen Migration zu bewältigen: einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Zwar möchte er irgendwann wieder in seine Heimat zurückkehren. Doch für den Moment ist Amer in Husum sehr glücklich.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen