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Expertin bei Bürgerinitiative : Fleischkonsum ins Bewusstsein rücken

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Bei einem Informationsabend der Bürgerinitiative „Gute Luft für Finkhaus“ in Husum wartete Veterinärin Dr. Claudia Preuß-Ueberschär mit alarmierenden Zahlen und Fakten auf.

Die Bürgerinitiative „Gute Luft für Finkhaus“ hatte zum Informationsabend nach Kielsburg eingeladen – und viele Menschen waren gekommen. „Massentierhaltung ist eine Schweinerei im großen Stil“, so ein Zuhörer und Betroffener aus Finkhaushallig. Sorge bereite ihm die Erweiterung des dortigen Schweinemastbetriebs auf knapp 3000 Tiere, wie er sagte. Er sei sauer und zählte auf, was ihn besorgt: Das sei erstens die Gefährdung der menschlichen Gesundheit durch Antibiotika-resistente Keime, wie sie in großen Mengen in Intensiv-Tierhaltungen entstünden. Des Weiteren sei die Zerstörung der Böden und die Verschmutzung von Grundwasser und Luft nicht hinnehmbar. „Man sollte doch nicht vergessen, dass hier viele Menschen vom Tourismus leben.“ Er befürchte einen Attraktivitätsverlust der Region durch die von diesem Betrieb ausgehende Geruchsbelästigung, die Gäste und Anwohner gleichermaßen betreffe. „Und mal ehrlich, möchte wirklich jemand ein Haus in der Nachbarschaft eines Schweinemastbetriebs kaufen? Der Wertverlust von Immobilien und der Image-Schaden für Finkhaushallig werden groß sein.“

Die Initiative macht mit verschiedenen Aktionen, Aufklärungsarbeit und öffentlichen Informations-Veranstaltungen auf die umstrittene Ausweitung des Schweinemastbetriebs aufmerksam. Sie setzt sich für mittelständische, regionale und ökologische Landwirtschaft ein, in deren Mittelpunkt Umwelt- und Tierschutz stehen. Referentin dieses Abends war die Veterinärin und Tierpathologin Dr. Claudia Preuß-Ueberschär aus Wedemark/Niedersachsen. Sie ist Mitbegründerin des Tierärztlichen Forums für verantwortbare Landwirtschaft, dem 140 Tierärzte angehören. In deren Positionspapier geht es um Ethik /Tierethik, um Antibiotika-Einsatz und deren Resistenzen, um Qualzucht und tiergerechte Gesetzgebung und -einhaltung.

In ihrem Vortrag beleuchtete sie die Auswirkungen der Massentierhaltung auf Mensch und Umwelt und versuchte, Lösungsmöglichkeiten darzustellen. Dabei überraschte ihre Aussage, dass Pythagoras schon vor 500 Jahre vor Christus sagte: „Alles was der Mensch den Tieren antut, kommt auf den Menschen zurück. Ich esse nichts, was beseelt ist.“ „Solange Tiere ausschließlich als Produktionsgüter und Optimierungs-Objekte angesehen werden und zu möglichst geringen Produktionskosten in die Wertschöpfungskette gelangen müssen, kann von Tierethik keine Rede sein. Denn im ethischen Sinn besitzt Leben Eigenwert“, so Preuß-Ueberschär. Und weiter: „Bei Nichterfüllung der Produktionsnorm werden Tiere wie Fehlfabrikate aussortiert, wobei die Kriterien der Agrarwirtschaft ausschließlich Effizienz und Hygiene sind.“

Dabei machte sie klar, dass in Deutschland die Marktsättigung mit einer Selbstversorgungsrate von 115 Prozent überschritten sei. „Wir sind größter Produzent von Schweinefleisch in Europa mit 33.000 Betrieben mit mehr als 50 Schweinen – und das zu Lasten von Natur- und Umweltschutz, regionaler Entwicklung und Tierschutz.“

Die Veterinärin nannte am Beispiel des Fleischkonsums Zahlen, die beeindruckten. Ein Deutscher habe während seines Lebens durchschnittlich 1094 Tiere wie Rind, Huhn, Gans, Ente, Pute, Schwein und Schaf auf dem Teller, wobei Schweinefleisch zwei Drittel des Fleischverbrauchs ausmache und am häufigsten verzehrt werde. Das entspräche 46 Schweinen im Laufe eines Menschenlebens. Dabei kritisierte sie auch die Metaphylaxe, bei der die Behandlung ganzer Bestände erfolge, obwohl nur einzelne Tiere erkrankt seien. Mit anderen Worten: „Wenn ein paar Tiere husten, bekommen Tausende Antibiotika verabreicht. Denn ohne Antibiotika geht gar nichts, dafür sorgen schon die Pharmavertreter.“

Die engagierte tierärztliche Pathologin plädiert für strenge Einhaltung des Tierschutzgesetzes und zitiert dessen Paragrafen 1: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Dazu zeigte sie Bilder von geschundenen Tieren, blutig, missgebildet und apathisch, mit der Folge, dass einige Gäste schockiert wegsahen. „Was können wir tun und was sollten wir tun“, fragte sie und stellte klar, dass jeder erstmal für sich selbst eine Entscheidung treffen müsse.

„Der Verbraucher sollte den eigenen Fleischkonsum reduzieren und Bereitschaft zum Kauf hochwertiger Lebensmittel zeigen.“ Keiner solle sich scheuen, beim Einkauf Fragen zu stellen und bei Produkten der Region zu bleiben. „Von Seiten der Politik wünsche ich mir eine Änderung von Subventionspolitik und Baurecht“, so Preuß-Ueberschär. Auch sollten mehr Kontrollen durchgeführt werden, wobei Vergehen nicht ohne Konsequenzen bleiben und Mengenrabatte für Antibiotika nicht mehr zugelassen werden dürften.

Die Politik sollte auf einer wahrheitsgemäßen Kennzeichnung von Lebensmitteln bestehen, etwa einem staatlichen Label, und die Melde- und Anzeigepflicht für Tierärzte hinsichtlich des Tierschutzes gesetzlich verankern, schloss die Referentin. Das wären Schritte in die richtige Richtung. „Denn wenn wir so weitermachen wie bisher, müssen wir uns in 20 Jahren eine neue Welt kaufen.“

 

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