Deutsch-georgischer film : Filmklub Husum zeigt „Alles über Menschen“

Regisseur Giorgi Abashishvili und Co-Autorin Miriam Steen.
Regisseur Giorgi Abashishvili und Co-Autorin Miriam Steen.

Die deutsch-georgische Koproduktion, die der Filmklub im Husumer Kino-Center zeigt, ist auch als Brückenschlag zwischen Mentalitäten und Kulturen gedacht.

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27. August 2018, 16:12 Uhr

Der Filmklub Husum zeigt heute ab 19.30 Uhr den deutsch-georgischen Film „Alles über Menschen“. Regisseur Giorgi Abashishvili und seine deutsche Co-Autorin Miriam Steen, die sich nach der Vorführung im Kino-Center auf der Neustadt den Fragen der Besucher stellen werden, haben darin Geschichten des georgischen Schriftstellers Nodar Dumbadze auf das Deutschland der Gegenwart übertragen. Im Interview erklären sie, warum.

Georgien ist Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018. Was sollte man aus Sicht eines georgischen Regisseurs über dieses in Europa weitgehend unbekannte Land wissen?

Abashishvili: Georgien ist ein Land voller Naturschönheiten und hat sehr viele bedeutende Schriftsteller hervorgebracht, die in Europa tatsächlich weitgehend unbekannt sind. Das sind zwei von vielen guten Gründen, nach Georgien zu schauen.

In dem Film beschäftigen Sie sich mit der georgischen Literaturlandschaft. Warum?

Abashishvili: Weil mir die Literatur, die ich da verfilmt habe, sehr, sehr nahe steht. Nodar Dumbadze mag ich sehr. Er stammt aus derselben Region wie meine Mutter. Und als Kind war ich sehr oft dort. Die Leute sind bekannt für ihren Humor und Hintersinn.

So eine Art heiterer Melancholie?

Abashishvili: Wenn ich Nador Dumbadze lese, muss ich immer lachen, aber auch ein bisschen weinen.

Dem verstorbenen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wird der Satz nachgesagtt, ein Roman sei eine Erzählung mit mindestens 600 Seiten. Mal scherzhaft gefragt: Sind 72 Minuten genug für einen langen Spielfilm?

Abashishvili: (Lacht) „Alles über Menschen“ ist kein normaler Film nach normalen Regeln.

Inwiefern?

Abashishvili: Ich wollte herausfinden, wie ich Geschichten, die in Deutschland und Georgien spielen, ineinander überleiten kann.

Bleiben wir mal beim Titel: „Alles über Menschen!“ klingt ja ziemlich ultimativ. Ist das so?

Steen: Wir laden das Husumer Publikum gern ein, mit Block und Bleistift zu kommen. Dann kann es überprüfen, ob wirklich alles drin ist. Und wenn etwas fehlen sollte, dann drehen wir eben noch einen zweiten Film.

Abashishvili: „Alles über Menschen“ war ursprünglich ein Arbeitstitel. Ich wollte zeigen, was uns zu Menschen macht. Das war humorvoll gemeint. Später wollte ich den Titel ändern, habe aber nichts Besseres gefunden.

Was ist dieses „alles“ konkret?

Steen: Erste Liebe, Familie und Generationenkonflikte, Traditionen und philosophische Aspekte – bis hin zum Tod. Und natürlich die Frage: Was ist Zeit? Und was stellen wir damit an?

Abashishvili: Es geht um alles, was den Menschen zum Menschen macht. Für mich ist es auch die Rückkehr zu Dumbadze – verbunden mit der Frage, ob es mir gelingt, sein Werk in Deutschland zu inszenieren. Worüber er geschrieben hat, fällt ja in die 1940er bis 1960er Jahre. Und die Menschen haben sich verändert. Außerdem musste ich das Ganze noch aus Georgien in die deutsche Gegenwart übertragen. Ich dachte, wenn es mir gelingt – trotz aller Unterschiede zwischen Deutschen und Georgiern – einen Film zu machen, in dem Georgier Deutsche sind, dann wird ihn jeder verstehen.

Und warum mussten Sie für Ihren Film sogar Grabsteine casten?

Abashishvili: Das Thema Tod war sehr wichtig für mich, weil das Leben ohne den Tod nicht vorstellbar ist. Ich habe sehr viele Menschen verloren in meinem Leben. Und wir wissen ja nicht, was danach kommt. Es war mir wichtig, dass die Grabsteine singen – anstelle der Toten.

Steen: Bei diesem Grabstein-Casting war ich auch dabei. Ein normales Casting verläuft ja so, dass die Schauspieler kommen und vorsprechen. Das war in diesem Fall nicht möglich. Also sind wir auf die Friedhöfe gegangen. In Georgien ist es üblich, dass auf den Grabsteinen Fotos der Verstorbenen stehen oder Dinge, die ihnen wichtig waren. Einmal stand ich vor einem Areal, mit dem ich nichts anfangen konnte, bis ich erfuhr, dass Eltern für ihren verstorbenen Sohn, der Boxer war, einen Boxring hatten nachbauen lassen. Beim Casting ging es darum, aus diesen Einzelgeschichten eine große Gesellschaft zu bilden, die singt.

Abashishvili: Ich habe zuhause fast drei Monate lang Grabsteine angeschaut. Und ab und zu hat meine Frau gefragt: Was machst Du da? Die hat sich richtig Sorgen gemacht, dass ich verrückt geworden bin.

Sie haben die unterschiedlichen Mentalitäten von Deutschen und Georgiern schon angesprochen. Was bedeutete das für die Entstehung des Films?

Steen: Bei den vielen Besuchen, die wir anfangs in Georgien gemacht haben, hat sich mir manchmal die Frage gestellt, ob wir nicht endlich mit dem Drehen anfangen sollten? Bis ich dann merkte, dass es bei einem Gläschen Wein oder bei einer Wanderung in den Bergen eigentlich immer auch um den Film ging.

Abashishvili: (Lacht) Und gedreht worden ist er dann ja auch.



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