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Teures Problem : Feuchttücher verstopfen Kläranlagen

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Feuchtes Toilettenpapier wird oft nicht im Mülleimer, sondern im WC entsorgt. Da es sich nicht auflöst, verstopft es die Pumpen im Husumer Klärwerk.

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erstellt am 21.Okt.2015 | 13:00 Uhr

Es sieht so harmlos aus, doch es verursacht ein teures Problem im städtischen Klärwerk: feuchtes Toilettenpapier. Anders als die trockene Variante löst es sich nicht auf, sondern gelangt übers Jahr betrachtet tonnenweise so gut wie unversehrt in die Anlage für die Abwasserentsorgung und verstopft dort die Pumpen. Von denen gibt es mehr als 50 im Versorgungsgebiet, zu dem neben der Stadt Husum auch Mildstedt gehört. Angeschlossen an das Klärwerk sind rund 12.000 Haushalte.

Werkleiter Ekkehard Lenius macht keinen Hehl daraus, dass die Kosten am Ende alle Verbraucher über die Gebühren zu tragen haben. Der Diplom-Ingenieur schätzt, dass jährlich rund 30 Einsätze – „eher mehr“ – anfallen, um die durch feuchtes Toilettenpapier außer Betrieb gesetzte Technik wieder zu reparieren. Das bedeutet für die Mitarbeiter Pumpen mit einem Gewicht von 40 bis zu 100 Kilogramm auseinanderzunehmen, um sie von den Tüchern, die zur „Verzopfung“ neigen, zu befreien. Zwei Angestellte sind abgestellt, um die Pumpen zu überprüfen und zu warten – inklusive Ölwechsel und Austausch von Laufrädern. Und glücklicherweise gibt es einen Notdienst, der für das ganze Jahr einen 24-Stunden-Service garantiert. Im Bereich Abwasserentsorgung der Stadtwerke Husum GmbH arbeiten insgesamt 16 Beschäftigte.

Ekkehard Lenius unterstellt keine „böse Absicht“, wenn Verbraucher mit dem Betätigen der Toilettenspülung nach dem Motto „Aus den Augen aus dem Sinn“ handeln und beispielsweise Damenbinden, Ohrenreiniger, Essensreste und altes Bratfett entsorgen. Doch dieser Abfall, der nichts im Klärwerk zu suchen hat, löst Mehrkosten aus. Denn er muss verbrannt werden. Herausgefischt wird er während der Vorreinigung, in einer Rechenanlage, die aus einer Maschine mit Harken besteht. „Mehr als die Hälfte gehört dort nicht hinein“, sagt Lenius. Und so fallen nach Angaben von Ludwig Petersen, Chef des Anlagenbetriebs, für das sogenannte Rechengut jährlich Kosten bis zu 60.000 Euro für die weitere Behandlung in Müllverbrennungsanlagen an. Ludwig Petersen weiß auch von anderen Kollegen, dass zurzeit besonders die Feuchttücher, die unbedingt in den Mülleimer gehören, in immer größeren Mengen in Klärwerken landen. Ekkehard Lenius merkt mit Verweis auf die Essensreste an, dass diese im Kanalsystem Ratten anlocken würden – deren Bekämpfung seien die „nächsten Folgekosten“.

Neben dem Dauerärgernis, dass die Toilette als Mülleimer genutzt wird, müssen sich die beiden Fachleute schon jetzt der nächsten Herausforderung stellen. Bis 2019 muss für Klärwerke ab einer Größe von 10.000 Einwohnergleichwerten ein Konzept vorliegen, wie in Zukunft – genau von 2025 an – die neue Abfallklärschlamm-Verordnung umgesetzt werden kann: Darin ist vorgeschrieben, diesen Schlamm zu verbrennen. Bisher wird er auf landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht. Immer mehr Gülle durch immer mehr Tiere auf weniger Höfen – dazu die Reste aus Biogasanlagen – sind in diesem Fall eine zu starke „Konkurrenz“. Ekkehard Lenius kritisiert, dass durch die Änderung der Weg „Verwerten vor Verbrennen“ verlassen werde.

Für den Klärschlamm sind nach Petersens Erläuterungen Mono-Verbrennungsanlagen erforderlich, in denen die Asche separat deponiert und dann noch einmal recycelt werde, um an Phosphor, ein Hauptbestandteil der Düngemittel, zu gelangen. Dieses Mineral ist essenziell für Pflanze, Mensch und Tier und gehört zu den endlichen Ressourcen, die langsam knapp werden. In nur vier Ländern befinden sich 80 Prozent aller Vorkommen: in Marokko, China, Südafrika und Jordanien.

Ludwig Petersen: „Es gibt erst sehr wenige dieser Anlagen – die nächste wäre in Hamburg.“ Husum steht nach seinen Erläuterungen vor der Aufgabe, in den nächsten zehn Jahren die Verfahrenstechnik entsprechend anzupassen, was zwangsläufig höhere Kosten verursachen wird. Ob 2025 dann bundesweit genügend spezielle Verbrennungsanlagen stehen, bezweifelt Ekkehard Lenius.

Ein weiteres Thema, das auf die Stadtwerke GmbH zukommt, betrifft eine vierte Reinigungsstufe, um Arzneimittelrückstände aus dem Abwasserstrom zu entfernen. Dies bedeute eine Investition in Millionenhöhe, erklärt Werkleiter Lenius. Es werde viel verschrieben – auch, weil die Menschen immer länger lebten. In das Abwasser gelangen die Medikamente nach seinen Worten zum einen durch Ausscheidungen. „Ein nicht zu unterschätzender Prozentsatz spült abgelaufene Arzneimittel aber auch einfach durchs Klo.“ Was verboten sei, da diese Mittel in Apotheken abgegeben werden sollten. Versuchsanlagen für Stufe 4 gebe es in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, berichtet Ludwig Petersen. „Es ist ein Wahnsinnsaufwand, solche Spuren herauszuholen – mit Ozon oder Aktivkohle.“

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