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Nordfriesland : Faulen Zähnen keine Chance lassen

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Frühkindliche Karies greift immer mehr um sich. Der Kreis Nordfriesland legt deshalb einen Prophylaxe-Schwerpunkt auf Kindertagesstätten.

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erstellt am 15.Okt.2017 | 14:00 Uhr

Das tat schon beim Hinschauen weh: Der Blick ins Gebiss von kleinen Mädchen und Jungen mit mehr oder weniger braun vor sich hin faulenden Zähnen ließ bei manch einem Mitglied im Arbeits- und Sozialausschuss den Mund offen stehen. Es hatte wahrlich Züge einer Gruselgeschichte, was Andrea Wissing vom Jugendärztlichen Dienst des Kreises da im Husumer Kreishaus erzählte. Die Fachzahnärztin aus Köln, seit 2013 im nordfriesischen Gesundheitsamt tätig, ließ nicht den geringsten Zweifel daran: Frühkindliche Karies ist ein hausgemachtes gesellschaftliches Problem mit geradezu dramatischen Auswirkungen.

Von der häufigsten chronischen Erkrankung bei Kleinkindern in Industrieländern sind bundesweit etwa 15 Prozent der Jüngsten in der Altersklasse bis zu drei Jahren betroffen. Das Tückische daran: „Wenn Eltern die Prophylaxe vernachlässigen, entwickelt sich Karies jahrelang unbemerkt“, so Wissing. Zum Beispiel über die Nuckelflasche: Auf diese Weise „ruhig gestellt“, kommt es bei den Kleinkindern zu einer Langzeit-Benetzung der Milchzähne mit zucker- und säurehaltigen Getränken – und damit zu einer erosiven Vorschädigung, der die „übliche“ kariöse Zerstörung folgt. „Das führt dazu, dass die Kinder irgendwann vor lauter Schmerzen nichts Festes mehr essen können“, machte die Expertin deutlich: „Sie haben Hunger, geben aber vor, keinen zu haben.“ Nachwuchs mit Karies sei fehlernährt, schlafe nachts nicht durch und zeige schlechte Leistungen in der Schule, beschrieb Wissing die fatale Folgekette, um schließlich zu unterstreichen: „Es ist viel mehr Aufklärung nötig.“

Die Fachzahnärztin warb denn auch im Sozialausschuss intensiv dafür, in Nordfriesland verstärkt den Fokus darauf zu legen, die Kinder „ganz früh“ abzuholen: „Das Ziel muss sein, dass Karies erst gar nicht entsteht.“ Alarmiert haben Wissings Fachbereich die jüngsten Ergebnisse einer kreisweiten Untersuchung. Von September 2016 bis Juli diesen Jahres ist bei 3054 Vorschulkindern in 75 Einrichtungen einmal genauer nachgesehen worden. Erfasst wurden damit 41 Prozent aller unter Siebenjährigen. Dabei lag die – wie es in der dentalen Fachsprache heißt – Karies-Prävalenz (Häufigkeit) auf Initialläsionen-Niveau bei 38 Prozent. Soll heißen: 1160 Kinder wiesen eine Karies im Frühstadium auf, die sich in Form von Kreideflecken auf dem Zahnschmelz zeigt. Auf Schmelz  / Dentin-Niveau bewegte sich die Krankheit gar bei 22 Prozent – das bedeutet, dass 668 der untersuchten Mädchen und Jungen unter Karies litten, die bereits das Zahnbein (Dentin) – die knochenähnliche Hauptmasse des Zahns, die weicher als Zahnschmelz ist und das Zahnmark (Pulpa) umschließt – befallen hat. Bei letztgenannten Kindern liegt der sogenannte Sanierungsgrad, also der Anteil von kariösen Zähnen, Wissing zufolge bei 23,5 Prozent. „Alles in allem ein erschreckendes Ergebnis“, so die Zahnärztin. Und, auch das sei deutlich geworden: Ein Viertel aller nordfriesischen Vorschulkinder vereinten drei Viertel der Karies auf sich. Außerdem zeigten die Untersuchungsergebnisse, dass die Entwicklung zur Zahnfäule schon sehr früh beginnt.

So ist denn auch eine der zentralen Schlussfolgerungen der Expertin: „Präventionsmaßnahmen müssen deutlich früher einsetzen“ – und zwar nicht erst, wie in Schleswig-Holstein sonst üblich, in den Grundschulen. „Wir gehen verstärkt in die Kindertagesstätten, schicken Prophylaxe-Helferinnen los“, erklärte die Medizinerin – dorthin, wo zu ihrem Leidwesen immer seltener mit den Kleinen zur Zahnbürste gegriffen wird. Dabei böten Kitas „einen idealen Raum zur Integration der Gesundheitsförderung in den Lern- und Erlebnisprozess der Vorschulkinder“. Eltern in ihrer Verantwortung, die Zähne ihrer Kleinen gesundzuerhalten, unterstützen und den Kita-Alltag „mundgesund“ gestalten – das sollte sich der Untersuchung zufolge idealerweise ergänzen. Würde man in jedem Kindergarten einmal am Tag zusammen mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta putzen, wäre schon viel erreicht: „Ein einfaches Mittel“, so Wissing – denn Karies im Anfangsstadium könne dadurch ausgeheilt werden, Remineralisation genannt. Fazit: Frühkindliche Karies ist eine kontrollierbare Erkrankung.

„Ziemlich erschreckende Bilder“, brachte Carsten F. Sörensen den Vortrag auf den Punkt – und niemand mochte dem Ausschuss-Vorsitzenden widersprechen. Dankbar für diese Erkenntnisse zeigte sich auch Dieter Harrsen. „Gesundheitsberichterstattung und Vorsorge haben bei uns im Kreis eine lange und gute Tradition“, sagte der Landrat. Der Schlüssel liege bei Schleswig-Holsteins neuem Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP), der nun für ein entsprechendes Modellprojekt in Nordfriesland sensibilisiert werden solle.

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