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Husumer Drogenprozess : Fantasievolle Gründe für Privatrezepte

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Fünfter Verhandlungstag: Offenbar hatte der angeklagte Apotheker wiederholt den Arzt auf dessen hohe Dosierung von Drogenersatzstoffen angesprochen.

Der Verteidiger des Angeklagten sprach von einer „Märchenstunde“, der vernommene Husumer Kripobeamte dagegen von „der Spitze eines Eisbergs“: Beim fünften Verhandlungstag im Husumer Prozess gegen einen Apotheker aus Nordfriesland ging es verbal zeitweilig hart zur Sache. Was die Öffentlichkeit dabei erfuhr, kann das Verfahren in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Dem Angeklagten wird Beihilfe bei Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz vorgeworfen. In das Visier von Polizei und Justiz war der Apotheker erst durch ein Verfahren gegen einen Arzt geraten, der seinen Patienten mehr Drogenersatzstoffe verordnet haben soll als zulässig.

Als es vor knapp zwei Jahren zur Durchsuchung der Apotheke und der Privatwohnung des Apothekers gekommen war, hatte sich der Angeklagte nach Angaben der Polizei „sehr kooperativ“ verhalten, auch bei der anschließenden, stundenlangen Vernehmung. Er hatte in seinen Geschäftsräumen Rezepte sogar länger aufbewahrt als vorgeschrieben; und angesichts der Größenordnung, in der in seiner Apotheke Drogenersatzstoffe zubereitet worden sein sollen, hätte man dort aus Sicht der Polizei Gerätschaften gebraucht, die es nach Angaben von Zeugen in der Apotheke nie gegeben hatte. Zudem war das Verhältnis des Apothekers zu dem Arzt rein geschäftlich und stets angespannt: Offenbar hatte der Apotheker wiederholt den Arzt auf dessen hohe Dosierungen von Drogenersatzstoffen angesprochen. Der Arzt habe sich dann jedoch auf seine „Therapiehoheit“ berufen und dem Apotheker klar gemacht, dass er auszuführen habe, was ihm ein Arzt per Rezept vorgebe.

Einen besonderen Grund zur Nachfrage bei dem Arzt hatte der angeklagte Apotheker wegen der hohen Zahl von Privatrezepten, mit denen der Mediziner Kassenpatienten Drogenersatzstoffe offenbar „nachverordnet“ hatte: Bei solchen Privatrezepten zahlen die Krankenkassen nicht, die Betroffenen selbst haben meist kein Geld, und offenbar deshalb wurden solche Medikamente dem Arzt von der Apotheke in Rechnung gestellt: in Höhe von insgesamt rund 142  000 Euro, die von dem Mediziner nach derzeitigem Verfahrensstand jedoch nie bezahlt worden sein sollen.

Der Arzt soll diese Nachverordnungen auf Privatrezepten wie folgt begründet haben: Die Patienten brauchten das Medikament, sie hätten sich nach der Einnahme erbrochen, deren Katze habe das Fläschchen umgeworfen oder es sei ihnen bei einem Überfall abgenommen worden. Ein neues Kassenrezept könne in solchen Fällen jedoch nicht ausgestellt werden, deshalb hätten sie ein Privatrezept erhalten.

Aus Sicht der Sachverständigen im Husumer Prozess hätte der Apotheker jedoch selbst nach solchen Rückfragen formal falsch ausgestellte Rezepte sowie Rezepte mit weit überhöhter Dosierung nicht akzeptieren dürfen. Sie räumte allerdings ein, im wirklichen Leben komme es sehr selten dazu, dass ein Apotheker die Herausgabe eines ärztlich verordneten Medikamentes verweigere. Weiter sagte sie, der Apotheker hätte sich bei auffälligen Rezepten an die Bundesopiumstelle, die Ärztekammer, die Apothekerkammer, an das Landesamt für soziale Dienste sowie an Polizei oder Staatsanwaltschaft wenden können.

Allerdings: Die Bundesopiumstelle musste bereits vom Arzt informiert worden sein, das Landesamt für soziale Dienste kontrolliert die Apotheken turnusmäßig, die Krankenkassen prüfen solche Rezepte ihrerseits ganz genau und die Polizei ermittelte gegen den Arzt nach eigenen Angaben bereits seit 2010.

Zur Durchsuchung der Apotheke kam es jedoch erst im März 2013, obwohl die damalige Praxis des Arztes im gleichen Gebäude direkt über der Apotheke lag. Dieser Mediziner war einer der wenigen an der Westküste, der „Substitutions-Patienten“ behandelte und bis zur Durchsuchung seiner Praxis hohes Ansehen genoss: Mehrere seiner ehemaligen Patienten, die ihre Medikamente aus der Apotheke im Stockwerk darunter bezogen hatten, sagten aus, der Mediziner habe sie von ihrer Drogensucht befreit.

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