75 Jahre Landarztpraxis Krieger in Viöl : Familienmedizin in dritter Generation

Arbeitete fast 33 Jahre lang alleine: Dr. Wolfgang Krieger (rechts), hier mit Tochter Dr. Katharina Krieger und Schwiegersohn Dr. Nick Merkel.
Arbeitete fast 33 Jahre lang alleine: Dr. Wolfgang Krieger (rechts), hier mit Tochter Dr. Katharina Krieger und Schwiegersohn Dr. Nick Merkel.

Seit 75 Jahren besteht die Landarztpraxis Krieger in Viöl – jetzt übernehmen die Enkelin des Gründers und ihr Ehemann die medizinische Versorgung. Der bisherige Inhaber Dr. Wolfgang Krieger arbeitet aber noch weiter.

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15. Dezember 2014, 13:00 Uhr

Freiwillig wäre Dr. Gerhard Krieger wohl nie nach Viöl gekommen. Aber der 26 Jahre junge Hamburger Arzt – durch eine Mittelohrentzündung in der Kindheit schwerhörig geworden und daher nicht kriegsverwendungsfähig – wurde kurzerhand dienstverpflichtet und in das kleine Dorf geschickt. Hier traf er kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges am 14. Dezember 1939 ein und war entsetzt über die rückständigen Verhältnisse, unter denen er die medizinische Versorgung sicherstellen sollte. Ein eiskaltes Mansardenzimmer über der Praxis, in dem das Waschwasser in der Schüssel gefror, diente ihm als Unterkunft. Keine zwei Wochen wollte er bleiben, das stand für ihn fest.

Tatsächlich blieb er 43 Jahre, bevor er die Praxis 1982 an seinen Sohn Dr. Wolfgang Krieger übergab. Womit diese jetzt ein Dreivierteljahrhundert in Familienbesitz ist. Und die 100 Jahre sind durchaus in Reichweite, denn zum Jahresende übernimmt mit Tochter Dr. Katharina Krieger und ihrem Ehemann Dr. Nick Merkel die nächste Generation. „Ich bin dann nur noch angestellter Arzt bei den beiden“, sagt Wolfgang Krieger lachend. Als „Einzelkämpfer“ hat er die Patienten in den vergangenen knapp 33 Jahren behandelt, doch das könne er „niemandem mehr empfehlen“. Denn die Kriegersche Landarztpraxis ist eine der größten in Nordfriesland: Von Jörl im Norden bis nach Husum im Süden und von Hattstedt im Westen bis nach Bondelum im Osten reicht das Einzugsgebiet. Und sie verlangte über Jahrzehnte fast ununterbrochene Bereitschaft. Denn erst 2007 wurde das Notdienstsystem in Schleswig-Holstein geändert und Landärzte von Nacht-, Wochenend- und Feiertagsdiensten entlastet.

Gerhard Krieger war noch bis ins hohe Alter rund um die Uhr im Dienst gewesen, hatte unzählige Hausbesuche bei den Bauern gemacht, die in der Nachkriegszeit häufig mit Naturalien zahlten, und zu jener Zeit jeder Menge Kindern auf die Welt geholfen. „Im Durchschnitt leitete er damals 120 Hausgeburten pro Jahr“, erzählt Wolfgang Krieger. Ein Geburtskoffer mit Zangen war dann auch eines der wenigen Hilfsmittel, die er 1982 bei der Übernahme der Praxis vorfand, die er nach und nach mit modernstem medizinischen Gerät ausstattete. „Die Zangen musste ich zum Glück aber nie einsetzen – und während meiner gesamten Zeit auf dem Land habe ich auch nur eine einzige Geburt geleitet, auf Nordstrand“, erinnert sich der 66-Jährige. Bestens gewappnet war er aber dafür, hatte er sein Medizinstudium in Kiel 1975 doch mit einem Doktor-Titel in Gynäkologie gekrönt.

Auch seine Nachfolger sind von Haus aus eigentlich keine Allgemeinmediziner, sondern Kinderärzte. 2005 hatte Katharina Krieger ihren zukünftigen Ehemann in Halle kennen gelernt, wo sie nach ihrem Studium in Leipzig eine Stelle im Uni-Klinikum bekam. Dort wirkte Nick Merkel als Oberarzt. „Eine Praxis-Übernahme in Viöl kam für uns eigentlich gar nicht in Frage“, erinnert sich die 38-Jährige. Das änderte sich mit der Geburt der ersten Tochter Carlotta vor vier Jahren, der vor einem Jahr noch Federica folgte: „Mit Kindern und Familie verschieben sich die Maßstäbe, und eine Karriere in der Uni-Klinik war plötzlich gar nicht mehr so unbedingt erstrebenswert“, sagt Merkel.

Da erwies es sich als glückliche Fügung, dass das Land Schleswig-Holstein vor zwei Jahren die Möglichkeit eines Quereinstiegs in die Allgemeinmedizin bot, die statt der regulären fünfjährigen Facharztausbildung eine verkürzte Schulung für Mediziner vorsieht, die bereits Facharzt in einer anderen Disziplin sind und schon entsprechende Erfahrungen mitbringen. Und mit einer Prüfung vor der Ärztekammer endet, die sicherstellt, dass der neue Allgemeinmediziner auch umfassend für die vielfältigen Herausforderungen gewappnet ist, die dieser Berufszweig mit sich bringt. Ziel der Aktion ist es, dem Sterben der Landarztpraxen zu begegnen, die auf dem flachen Land im Norden schon bedrohliche Ausmaße angenommen hatte. Die Tochter assistierte beim Vater und beendete im November die Schulung erfolgreich, der Schwiegersohn holte sich bei einem Arzt in Schwabstedt das praktische Rüstzeug. „Nächste Woche ist Prüfung“, so der 41-Jährige.

Dass er die so erfolgreich wie seine Frau absolviert, daran besteht wohl kein Zweifel. Und ab Januar 2015 können die beiden dann das verwirklichen, was ihnen vorschwebte, als sie sich entschlossen, nach Viöl zu ziehen: Nämlich „Familienmedizin im Herzen Nordfrieslands“ zu betreiben – für Jung und Alt, ganz so, wie es schon seit einem Dreivierteljahrhundert Tradition in der Praxis der Kriegers ist.

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