Husum : „Es war schon sehr viel Unterricht“

Die beiden Schulleiterinnen Renate Christiansen (l.) und Sibylle Karschin.
Die beiden Schulleiterinnen Renate Christiansen (l.) und Sibylle Karschin.

An der Hermann-Tast- und der Theodor-Storm-Schule in Husum steht der Abschied von G8 bevor: Es soll ein sanfter Übergang zurück zum Abitur nach neun Jahren werden.

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24. Mai 2018, 19:00 Uhr

Wie fast alle Gymnasien in Schleswig-Holstein kehren auch die Theodor-Storm- (TSS) und die Hermann-Tast-Schule (HTS) in Husum zurück zum Abitur mit neun Jahren (G 9). Auch wenn für die neuen Fünftklässler im Sommer feststeht, dass sie ihr Abitur in neun Jahren ablegen werden, wollen beide Schulen zunächst im kommenden Schuljahr einen sanften Übergang von G8 zu G9 schaffen, bevor im Schuljahr 2019/2020 endgültig umgestellt wird. Im Interview sprechen die Direktorinnen Renate Christiansen (HTS) und Sibylle Karschin (TSS) darüber, was sich an ihren Schulen ändern wird, was gut an G8 war und wie sie mit der Konkurrenzsituation umgehen.

Wie würden Sie die Resonanz der Eltern, der Schülerinnen und Schüler und der Lehrkräfte auf die Entscheidung, zu G9 zurückzukehren, beschreiben?

Christiansen: Von unseren Lehrern hat eine große Zahl G9 befürwortet. Trotzdem ging es häufig darum, Dinge, die uns von G8 lieb sind, beizubehalten, wie das Doppelstunden-Prinzip. Das ist durchaus von Wert. Grundsätzlich war die Stimmung aber positiv.

Karschin: Auch bei uns war von Anfang an klar, dass es eine Mehrheit für G9 geben würde. Bei den anderen war die Einsicht schnell groß, dass ein Kampf nicht sinnvoll ist, der von vornherein verloren ist. G9 ist politisch gewollt, wir sind ein demokratisches System, da gilt es, diesen Weg mitzugehen.

Durch G9 gewinnen Schülerinnen und Schüler mehr Freizeit. Glauben Sie, dass sich das positiv auf Aktivitäten wie Schul-Chor, aber auch das Vereinsleben in den Orten auswirkt?

Christiansen: Es kann sein, dass Schüler, die einen weiten Anfahrtsweg haben, unter G9 noch eher an einer AG teilnehmen oder sich im Verein engagieren – das kann ich schwer abschätzen. Die AGs waren auch unter G8 gut besucht.

Karschin: Ich habe immer Zweifel daran gehabt, ob diese starken Veränderungen, die die Vereine zu Recht beklagen, etwas mit G8 zu tun haben. Geringeres Engagement sieht man ja auch bei Erwachsenen. Da beobachten wir schlicht einen gesellschaftlichen Prozess. Ich glaube aber, dass der eine oder andere Schüler jetzt vielleicht doch die Fußball-AG besucht, weil er vorher sehr belastet war. Aus meiner Sicht hatten die achten und die neunten Klassen unter G8 schon sehr viel Unterricht. In dieser Altersgruppe kann ich mir vorstellen, dass mehr Angebote genutzt werden. Bei den Kleinen sehe ich das nicht. Als G8 eingeführt worden ist, haben viele befürchtet, der Musikzweig werde einbrechen wird. Tatsächlich sind die Anmeldungszahlen bei G8 und G9 gleich.

Bei der Einführung von G8 mussten die Schulen ihre Curricula zwangsläufig etwas entrümpeln. Was wird jetzt passieren?

Karschin: Die Fachanforderungen bleiben ja bestehen, an den Vorgaben des Ministeriums ändert sich durch die Rückkehr zu G9 nichts. Das Wort entrümpeln höre ich auch nicht so gerne, es ist ja kein Gerümpel gewesen, was herausgenommen worden ist. Allerdings sind im Zuge der Umstellung doch Themen an die Seite geschoben worden, die schön, aber nicht unbedingt zwingend sind.

Christiansen: Die Fachschaften beschäftigen sich jetzt damit. Viele haben das Interesse, Themen intensiver in Schwerpunkten behandeln zu können. Auch manche Übungsphasen, die vielleicht zu kurz gekommen sind, könnte man nun verlängern. So können wir die Vorbereitung auf die Oberstufe auch verbessern. Es wird also nicht einfach wieder ganz viel Sachwissen in die Lehrpläne hineingepackt werden.

Die zweite Fremdsprache wurde bei G9 ab der siebten und bei G8 ab der sechsten Klasse angeboten. Wie wird das künftig gehandhabt?

Christiansen: Die Vorgabe des Ministeriums ist darin eindeutig, dass die zweite Fremdsprache erst ab der siebten Klasse unterrichtet werden soll. Eine Ausnahme ist bei uns die fünfte Klasse im altsprachlichen Zweig – da können wir etwas anders verfahren.

Wir werden dort Englisch ab der fünften Klasse als AG anbieten und dann ab der sechsten Klasse als zweite Fremdsprache unterrichten. Das müssen wir aber noch genau ausarbeiten und abstimmen.

Karschin: Bei uns wird klassisch in der siebten Klasse mit der zweiten Fremdsprache begonnen.

Finden Sie das gut?

Karschin: Es gibt Aspekte, die dafür sprechen, eine Sprache so früh wie möglich zu lernen. Die Kinder gehen in der sechsten Klasse noch verspielter an eine neue Sprache ran. Die Lehrer mussten sich umstellen, wie sie die Sprache vermitteln, aber sie sind auch auf motiviertere Schüler getroffen. In der siebten Klasse sitzen dann schon kräftig pubertierende junge Menschen, die sich eher voreinander genieren, wenn sie die Aussprache üben sollen. Es war aber auch eine hohe Belastung für einen Sechstklässler, so schnell eine weitere Fremdsprache zu lernen. Bei den Naturwissenschaften ist es so, dass wir im Zuge von G8 den Nawi-Unterricht für die Sextaner eingeführt, bei dem auch spielerisch an die Naturwissenschaften herangeführt wird. Das ist etwas, was ich unter G9 gern erhalten möchte.

Christiansen: Das ist bei uns bei unserem Chemie-Plus ähnlich.

Ich könnte mir vorstellen, dass es für die hiesige Gemeinschaftsschule durch die Rückkehr beider Husumer Gymnasien zu G9 ein bisschen schwieriger werden könnte. In Zeiten von G8 haben Eltern ein Kind, bei dem nicht ganz klar war, ob es das Gymnasium packt, wahrscheinlich eher auf die Gemeinschaftsschule geschickt als in Zeiten von G9.

Karschin: Die Husumer Schulleiterinnen und Schulleiter arbeiten richtig gut zusammen. Das ist ein Schatz, den wir sicher alle nicht aufgeben werden. Dass es den einen oder anderen geben wird, der sein Kind nun doch eher das Gymnasium ausprobieren lassen will, das will ich nicht in Abrede stellen. Aber den Run aufs Gymnasium – das zeigen die Anmeldezahlen – gibt es auch zum kommenden Schuljahr nicht. Dafür sind Eltern auch zu vernünftig.

Christiansen: Wir haben in diesem Jahr bei den Informationsveranstaltungen ganz deutlich gemacht, welchen Kindern aus unserer Sicht die Gemeinschaftsschule gut tun würde und was typisch gymnasial ist. Das ist uns, glaube ich, ganz gut gelungen.

Karschin: Es kann ja niemandem daran gelegen sein, ein Kind an eine Schule zu schnacken, an der es nicht glücklich wird.

Dass es zwischen Ihren beiden Schulen eine Konkurrenzsituation gibt, kann man schlecht abstreiten. Wie gehen Sie damit um?

Karschin: Ich bin ja fast schon elf Jahre hier und die Konkurrenzsituation habe ich am Anfang deutlicher gespürt als jetzt. Ich habe den Eindruck, dass auch das Konkurrenzdenken zwischen den Kollegen weniger geworden ist. Dass es das immer noch gibt, ist auch klar. Konkurrenz ist auch etwas, das uns vorantreibt. Grundsätzlich aber halten wir den Kontakt und sprechen uns ab – wenn es beispielsweise darum geht, wer welche Profile in der Oberstufe einrichtet, sodass jemand, der unbedingt das Chemie-Profil will, es auch an einer der beiden Schulen findet.

Christiansen: Beide Schulen haben ihre besonderen Angebote, sodass man sagen kann: Die Husumer sind gut dran, dass sie in einer so kleinen Stadt ein so breites Angebot haben.

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