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Mauerfall : „Es war ein unbeschreibliches Gefühl“

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Maueröffnung bedeutet für den Husumer Manfred Kramer nicht nur Freude. Denn er wird an seine Haftzeit in der DDR erinnert. Den 25. Jahrestag wird er nicht in Berlin verbringen, obwohl er Jahrzehnte dort gelebt hat.

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erstellt am 07.Nov.2014 | 17:00 Uhr

Wer die Hölle erlebt hat, macht eine andere Zeitrechnung auf. Es gibt das Leben davor und danach. Als sich Manfred Kramer (70) am 9. November 1989 zum Brandenburger Tor aufmacht, um den Fall der Mauer zu feiern, liegt sein Albtraum 18 Jahre zurück. Ein Jahr und drei Monate bis zu seinem Freikauf durch die Bundesrepublik Deutschland war der Husumer, der damals in Berlin lebte und bei einer Werbeagentur arbeitete, in der DDR inhaftiert.

Am 14. April 1970 steht er auf einem für „Westler“ abgegrenzten Bereich des Ost-Berliner Bahnhofs Friedrichstraße – denn er muss dort umsteigen: Einige Männer verwickeln den 25-Jährigen in eine politische Diskussion – sie provozieren ihn: Schließlich prangert der Westdeutsche an, dass Menschen an der Grenze erschossen werden, und die DDR-Bürger „eingesperrt“ sind. Daraufhin nehmen ihn die vermeintlichen Gesprächspartner fest.

Wegen „Staatsfeindlicher Hetze“ wird Manfred Kramer inhaftiert und zu zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt: abzusitzen im Gefängnis Rummelsburg. Das Böse im Menschen erleidet er durch Folter und Schläge. Aber für den gebürtigen Husumer ist Gerechtigkeit ein hohes Gut. Und so gibt es Momente, in denen er trotz aller Schikanen und Schmerzen die Angst vergisst und sich wehrt: mit Worten. Die Strafe: Einzelhaft und noch mehr Brutalitäten. . .

Als 1972 das Leben danach beginnen darf, versucht Manfred Kramer, wieder in „seinem“ Berlin heimisch zu werden. Der Zusammenbruch war unvermeidlich – eine Therapie hilft, dass die Albträume weniger werden. Für Opfer gibt es keine Gerechtigkeit, das weiß Kramer nun. „Viele schlimme Erinnerungen kommen immer noch hoch. Kleine und geschlossene Räume kann ich kaum ertragen. Zuhause stehen alle Zimmertüren immer offen.“ Und so hatte auch die Rückkehr 2002 in seine Geburts- und alte Heimatstadt Husum nicht nur mit Heimweh zu tun – „die Hektik und die vielen Menschen in Berlin – durch die Haft war ich entwöhnt“.

9. November 1989: Der Fernseher läuft. Manfred Kramer schaut Fußball, als in einer Textleiste die Nachricht von der „Öffnung der Sektorengrenze“ eingeblendet wird. Er hält es Zuhause in Spandau nicht mehr aus und ruft ein Taxi. „Bis zur Siegessäule sind wir durchgekommen. Dann war die Menschenmasse zu dicht, und ich bin die letzten Kilometer gelaufen.“

Begeisterte Männer und Frauen ziehen ihn hoch zu sich auf die fast vier Meter hohe Mauer. „Es war ein unbeschreibliches Gefühl. In diesem Moment hat keiner darüber nachgedacht, dass die Situation hätte eskalieren können – eine einzige unbedachte Handlung, zum Beispiel ein Steinwurf, hätte sicherlich genügt. Schließlich standen auf der Ostseite Grenzsoldaten – und das mit dem Gewehr im Anschlag“, erinnert sich der 70-Jährige. „Dann waren die ersten Trabis da. Ich habe noch nie so viele Menschen weinen sehen und so oft das Wort ‚Wahnsinn‘ gehört wie an diesem einmaligen Tag.“

Irgendwann im Laufe des Abends lernt Manfred Kramer vier junge Musiker aus Dresden kennen, die eigentlich mit ihrer Band zu einem Auftritt nach Rostock wollten. „Als sie von dem Ereignis im Radio hörten, entschieden sie spontan, nach Berlin zu fahren. Ich habe dann alle zum Essen eingeladen, denn sie hatten ja nur Ost-Mark. Gegen Vorlage ihres DDR-Ausweises mussten sie in dieser Nacht aber in Berliner Kneipen nichts für ihre Getränke bezahlen.“ Zum Abschied gibt Kramer allen seine Telefonnummer – „falls sie mal wieder im Westen sein sollten“. Um 8 Uhr morgens ruft er an seinem Arbeitsplatz an, um sich frei zu nehmen. Er erfährt, dass sein Chef dies gerade allen erlaubt hat. Drei Jahre später meldet sich einer der Bandmitglieder aus Dresden bei ihm. Der junge Mann kommt Manfred Kramer zusammen mit seiner Freundin besuchen und lädt ihn als „Dankeschön“ für damals zum Essen ein. „Die Gruppe hatte sich da schon aufgelöst. Zwei Musiker waren in den Westen gegangen.“

Gleichzeitig mit der Freude über den Mauerfall rückt seine Leidensgeschichte wieder in den Vordergrund. Denn nach der Grenzöffnung wird der Gedanke, einen seiner Peiniger ausfindig zu machen, plötzlich zur Option. Doch für den Anfang will Manfred Kramer auf dem Alexanderplatz verweilen und Unter den Linden spazierengehen. Allein hätte er es sich nicht getraut. Gemeinsam mit einem Bekannten macht sich Kramer auf den Weg zu seinen Wunsch-Plätzen im anderen Deutschland. Danach reicht der Mut aus. „Ich habe die Adresse des Oberleutnants über das Einwohnermeldeamt herausbekommen und bin dann hingefahren. Doch ich konnte den Namen nicht auf dem Klingelschild entdecken. Ein Nachbar sagte mir, dass er vor einem halben Jahr verstorben sei. Er war der Schlimmste gewesen. Ich wollte unbedingt herausfinden, ob er aus Überzeugung Menschen gequält hat.“ Es war zu spät. Einen Termin auf Akteneinsicht bei der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen sagt Manfred Kramer kurzfristig ab. „Ich wusste nicht mehr, ob ich aushalten könnte, was ich erfahren würde.“ Aber es gehört zu seinem Leben danach: das Nachdenken über Verräter, Täter und Mitläufer. Er gibt zu, dass er die Telefonnummer der Stasi-Behörde noch nicht weggeworfen hat. „Das Thema bin ich noch nicht los.“

Was unabänderlich an Bedeutung verloren hat: die Treffen mit früheren Inhaftierten. „Wir waren sieben bis acht Leute und haben uns in den Siebzigern eine Weile zweimal im Monat getroffen.“ Doch gemeinsames Leid als einzige emotionale Verbindung zum anderen trägt nicht für immer und steht dem Versuch, irgendwie doch vergessen zu wollen im Weg. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls wird Kramer nicht nach Berlin fahren: „Ich schaue mir alles im Fernsehen an.“

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