Tönning : Es stinkt gewaltig

 Ulrich und Ute Missal und Svend Möller (v. l.) sind sehr verärgert über die Zustände in ihrer Nachbarschaft.
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Ulrich und Ute Missal und Svend Möller (v. l.) sind sehr verärgert über die Zustände in ihrer Nachbarschaft.

Anwohner des Gewerbegebiets West in der Eider-Stadt ärgern sich über die Müllkippe einer Verwertungsanlage, die bereits Ratten anzieht.

shz.de von
16. Mai 2018, 11:00 Uhr

„Man muss sich vorstellen: Wir sind ein Luftkurort und das erste, was man von Tönning sieht, wenn man mit der Bahn aus St. Peter-Ording kommt, ist eine Müllkippe“, sagt Ulrich Missal und erntet zustimmendes Nicken in der Runde. Die Anwohner der Straße Am Ziegelhof im Gewerbegebiet West in Tönning haben die Nase gestrichen voll: Seit über zwei Jahren beschweren sie sich über das dort ansässige Verwertungszentrum Westküste (VZW), das verschiedenste Müllarten einsammelt, zwischenlagert, vorsortiert und weiterverwertet. Geschäftsführer Michael Mirbach weist die Vorwürfe in einer schriftlichen Stellungnahme, die unserer Redaktion vorliegt, entschieden zurück.

Aber zunächst zum Sachverhalt: Auf dem Gelände des Verwertungszentrums ragen die Müllberge meterhoch gen Himmel, zudem flattert der Abfall durch das gesamte Gebiet, angrenzende Koppeln und Gräben sind vermüllt. Bente und Svend Möller, die direkten Nachbarn des Unternehmens, beklagen zudem, dass der Müll in ihrem Garten liegt. Dazu Mirbach: „Wir sind bemüht, allen Bedenken und Beschwerden der Grundstücksnachbarn Rechnung zu tragen.“ Herum fliegender Müll werde täglich eingesammelt.

Doch nicht nur über den Müll haben sich Ute und Ulrich Missal, Bente und Svend Möller und Uwe Schnittgard bereits mehrfach bei ihrem Nachbarn beschwert. Mittlerweile sei ein Rattenproblem dazu gekommen. Ganze Nester gäbe es im Motorraum ihrer Autos und in den Gärten. Man möge gar nicht mehr im eigenen Garten sitzen, weil einem die Ratten über die Füße laufen, geschweige denn jemanden einladen, berichtet Ute Missal. Mirbach wisse um das Problem, deshalb habe man einen Kammerjäger eingeschaltet, heißt es in seiner Stellungnahme. Den Anwohnern scheint das nicht genug: „Wir wollen nur, dass der sich an seine Auflagen hält“, erklärt Ulrich Missal, der sich 1999 mit seiner Familie im Gewerbegebiet niedergelassen hat.

Damals gab es noch keine Müllberge, lediglich einen Schrottplatz. „Ich wohne gerne hier und mir ist klar, dass ein Grundstück im Gewerbegebiet weniger wert ist, aber ich finde es menschenunwürdig, auf einer Müllhalde zu leben.“

Mehrfach haben die Missals, das Ehepaar Möller und Uwe Schnittgard den Geschäftsführer der Müllverwertungsanlage gemeldet. Beim Ordnungsamt, beim Kreis und beim Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR). Letzteres erteilt die Genehmigung für Betriebe, die mit Müll arbeiten.

Der Umweltbehörde ist der Fall bekannt. Eine Müllverwertungsanlage müsse sich unter anderem bei der Lagerung an bestimmte Auflagen halten, was im Fall VZW nicht der Fall sei, teilt Martin Schmidt, Pressesprecher beim LLUR, auf Nachfrage mit. Die Betreiber der Anlage lagern nicht nur zu viel, sondern auch auf dafür nicht genehmigten Flächen. „Wir haben wiederholt Anordnungen ausgesprochen, denen der Betrieb nicht nachkommt“, erklärt Schmidt. Mehrfach seien Kollegen vor Ort gewesen und hätten die Missstände dokumentiert. Zuletzt im April, da Anwohner sich erneut beschwerten. „Der Kollege ist daraufhin gleich raus gefahren, um die Lage erneut zu prüfen.“ Zudem bestehe ein Annahmestopp. Auch mit Zwangsgeldern habe man versucht, den Geschäftsführer zu zwingen, den Müll zu reduzieren, heißt es vom LLUR. „Die letzte Möglichkeit sei eine behördliche Anordnung zu Räumen, die aber auf Kosten der Steuerzahler gehen würde, „was wir natürlich vermeiden wollen“, so Schmidt. Und am Ende könne der Betreiber einfach wieder von vorne anfangen – denn die Genehmigung könne man ihm nur sehr schwer entziehen.

Der Geschäftsführer des VZW, Michael Mirbach weist diese Vorwürfe zurück. Das LLUR versuche „Sachverhalte zu konstruieren“, um einen Verstoß gegen die vorliegende Betriebserlaubnis zu generieren, heißt es. „Tatsache ist jedoch, dass insoweit das LLUR mit allen eingeleiteten behördlichen Verfahren nicht durchgedrungen ist.“ Dass es Beschwerden aus der Nachbarschaft gibt, räumt der Unternehmer ein. Er beteuert jedoch, dass man im ständigen Dialog mit den Beschwerdeführern stehe. Mirbach teilt zudem in seinem Schreiben mit, dass man den Beschwerden insoweit Rechnung trage, dass der Betrieb umstrukturiert habe und seit Mai die Unternehmenssparte „Einsammeln und Entleeren von Mülltonnen per Müllwagen“ aufgegeben habe.

Der Fall wurde mittlerweile der Staatsanwaltschaft Flensburg vorgelegt, die wegen unerlaubtem Betreiben einer Abfallentsorgung die Ermittlungen eingeleitet hat, bestätigte Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt auf Nachfrage.

Von Dialogbereitschaft ist – laut Aussage der Anwohner – nicht die Rede: „Der macht, was er will“, ist ein Satz, der des Öfteren fällt. Der Frust sitzt tief bei den Bewohnern Am Ziegelhof und der Müllberg wird und wird nicht kleiner.

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