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Friedrichstadts Gedenkstätte : Erster Kabbalat Schabbat nach 77 Jahren

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Jüdischer Gottesdienst im Gebäude am Westersielzug, das Nationalsozialisten im Zuge der Reichspogromnacht verwüsteten. Seit 2003 ist die ehemalige Synagoge in Friedrichstadt eine bekannte Kultur- und Gedenkstätte.

Fast auf den Tag genau ist es jetzt 77 Jahre her, seit die jüdische Gemeinde in Friedrichstadt in ihrer Synagoge zum allerletzten Mal einen Gottesdienst feiern konnte: Am 10. November 1938 wurde das Gebäude am Ufer des Westersielzugs im Zuge der Reichspogromnacht von den Nationalsozialisten verwüstet und später als Wohnhaus für einen SS-Offizier genutzt. Seit 2003 ist die ehemalige Synagoge in Friedrichstadt eine bekannte und geschätzte Kultur- und Gedenkstätte.

Doch wenn es nach dem Rabbiner Stephen Lewis Fuchs geht, dann soll die Synagoge wieder zu einem Ort werden, an dem regelmäßig jüdische Gottesdienste gefeiert werden. Der charismatische Mann aus Connecticut ist seit 2012 Präsident der World Union for Progressive Judaism (WUPJ), der als Dachverband mit Sitz in Jerusalem weltweit 1,8 Millionen Juden in 47 Ländern vertritt. Nach Vorträgen in Berlin, Aachen, Leipzig und Hamburg kam der gebürtige Amerikaner vergangene Woche nach Friedrichstadt, um in der Synagoge – zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg – einen feierlichen Gottesdienst abzuhalten. Mit dem Kabbalat Schabbat läutete er am Freitagabend auf traditionelle Weise den jüdischen Ruhetag ein, dessen Gebote stets bis zum späten Sonnabend gelten. Rabbi Fuchs begrüßte die Anwesenden mit „Schabbat shalom“ und ließ die Kerzen anzünden, bevor Horst Ephraim Blunk für die jüdische Gemeinde sprach und in einem Eingangsgebet dazu aufrief, zur Ruhe zu kommen und sich Zeit zu nehmen: „An sechs Werktagen waren wir hin- und hergerissen zwischen dem, was wir wollten, und dem, was andere von uns erwartet haben“, sagte er und bat um Gottes Hilfe bei dem Bestreben, den Ertrag der Ruhe, der Zeit, des Verständnisses und des Friedens mit in die nächsten sechs Werktage zu nehmen. „Der Schabbat ist der große Schatz des Judentums“, ergänzte der Rabbiner und empfahl den Menschen, Talente dazu zu nutzen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Schritt für Schritt erklärte Stephen Lewis Fuchs die Rituale des jüdischen Gottesdienstes. So wurde der Schabbat mit dem Lied „Lecha dodi“ symbolisch als Braut empfangen, dazu wandten sich alle bei der letzten Strophe zur weit geöffneten Tür. Es wurde gebetet, gepriesen und gesungen, zumeist auf Hebräisch. Auch wenn nicht jeder Teilnehmer über die nötige Textsicherheit verfügte, so gab es doch für alle bewegende Momente. Dazu zählte neben dem Gedenken an kranke oder verstorbene Angehörige und Freunde, die jeder Gläubige auch namentlich laut nennen durfte, ganz besonders das Lesen aus der Tora. In den Gottesdiensten wird die Heilige Schrift jedes Jahr einmal komplett von vorne bis hinten durchgelesen. An diesem Abend ging es um die biblische Geschichte von Abraham, der seinen Knecht ins Land seiner Verwandtschaft schickt, um dort für seinen Sohn eine Frau zu finden.

Fuchs erzählte aber auch aus seiner eigenen Geschichte, die ihren Ursprung in Leipzig hatte, wo sein Vater aufwuchs und in der Reichspogromnacht 1938 arrestiert wurde. Die meisten der einst 14.000 Leipziger Juden seien damals in der Shoah umgekommen. „Mein Vater war einer der wenigen, die überlebten. Er ging nach Amerika zu Verwandten, heiratete eine gute Frau… and here I am“, so der Rabbiner über seine zur Hälfte deutsche Herkunft. Seine Reise sei ein besonderer Nervenkitzel, brachte Fuchs seine Freude darüber zum Ausdruck, an einem so besonderen Ort den Schabbat feiern zu können. Ein Gebäude, das sich damit seiner ursprünglich sakralen Bestimmung wieder annähern könne. „Es ist noch keine Synagoge, in der jeden Tag, jede Woche Gottesdienste gefeiert werden können. Aber wir haben heute einen kleinen Samen gepflanzt“, meinte der Rabbi.

Da zum Gottesdienst auch ein Schabbat-Mahl gehört, lud er die Gemeinde abschließend zu einem kleinen Imbiss ein. Nach einem Gebet sprach er einen Segen und danach mit den Teilnehmern.

 

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