St. Peter-Ording : Erlebnis Kite Buggy: Wo zwei Krümelkacker entschleunigen

Aus der Zahnarzt-Praxis auf die Sandbank vor St. Peter-Ording: Ein Rausch der Sinne bei Tempo 60 im Kitebuggy.

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10. Juli 2019, 17:17 Uhr

St. Peter-Ording | Mein Freund Heme und ich sind schon echte Krümelkacker. Von morgens bis abends basteln wir in unseren Praxen an Zähnen herum. Und das in einer Dimension, die mit bloßem Auge eigentlich gar nicht mehr wahrnehmbar ist.

Bei 50 Mikrometer soll die Passgenauigkeit einer gut sitzenden Zahnkrone liegen – das ist in der Tat noch viel weniger als ein Krümel im Durchmesser misst.

Sportlicher Ausgleich für den Beruf

Irgendwie ruft diese tagtägliche Krümelkackerei dann doch nach einem Ausgleich, damit das eigene Leben nicht irgendwo im Mikrokosmos endet. Und so kommt es wie es kommen muss. Mein Kollege aus Husum und ich müssen uns einfach irgendwann mal zwangsläufig auf der Sandbank vor St. Peter-Ording treffen, unserem gemeinsamen Makrokosmos.

Die Weite des zwölf Kilometer langen und zwei Kilometer breiten Strandes lenkt perfekt ab von den Krümeln des Alltags. Ich versuche immer wieder, diese Unendlichkeit in schönen Fotos einzufangen, und Heme erlebt dieselbe in seinem coolen Gefährt, das sich Buggy nennt. 

„Wir müssen unbedingt mal zusammen im Tandem fahren“, hängt mir der großgewachsene Nordfriese, der auf einem Bauernhof in Mönkebüll aufgewachsen ist, schon seit langem in den Ohren.

Doch – und das ist für Heme wichtig – es muss alles passen: die Stärke und die Richtung des Windes für ein ordentliches Tempo und vor allem der Himmel für mitreißende Bilder. 

Im Tandem über die Sandbank

Heute ist es endlich soweit. Als Heme nachmittags überraschend in meiner Praxis anruft, macht er klare Ansage: „Keine Ausrede! Heute geht es los und: Sonnenbrille, Mütze, feste Schuhe und dicke Jacke nicht vergessen.“

Natürlich sage ich zum, und als ich meine letzte Patientin verabschiede, weiß ich noch gar nicht so recht, worauf ich mich an diesem traumhaften Juniabend einlasse.

Eins mit der Natur

Dass das Ganze ein echtes Abenteuer werden wird, ist mir schon klar – aber am Ende wird noch mehr dieses unbeschreibliche Gefühl bleiben, für einen Augenblick komplett eins mit der Natur gewesen zu sein. Und dann mit dieser uns hier in St. Peter-Ording geschenkten wunderbaren Natur des Weltnaturerbes Wattenmeer.

Als ich auf der Plate eintreffe, ist Heme schon den ganzen Nachmittag dort draußen. Das Revier der Kitebuggy-Fahrer zwischen dem Steg am Übergang Köhlbrand und der Seebrücke im Bad zeigt sich heute Abend von seiner besten Seite.

Vor zwei Tagen hat es noch mal geregnet und „der Sand ist glatt wie ein Babypopo“, schwärmt mein Pilot. Als er dann noch mit der Ankündigung „Das wird bestimmt ganz schön schnell!“ nachlegt, wird mir schon ein bisschen mulmig zumute.

Aber Heme weiß, was er macht. Seit 15 Jahren betreibt er diesen Extremsport und hat natürlich auch den erforderlichen Pilotenschein. Die Sicherheit geht immer vor. Nach dem Helmauf folgt der wichtigste Appell an mich als Co-Piloten: „Füße hoch!“ Wenn die nämlich unter die Achsen der Buggys kommen...

Die rasante Fahrt aus dem Blickwinkel des Co-Piloten.
Boris Pfau

Die rasante Fahrt aus dem Blickwinkel des Co-Piloten.

 

Unter dem Helm ist es besser, die Mütze zu tragen: „Das wird ganz schön kalt vom Fahrtwind“, weiß Heme zu berichten. Und warum ich die Sonnenbrille aufbehalten soll, wird mir schon nach den ersten Metern klar.

Gar nicht so sehr wegen der tief stehenden Sonne, sondern weil ich auf dem „billigen“ Platz hinten den ganzen Sand von Hemes Hinterreifen im Buggy vor mir ins Gesicht geschleudert bekomme.

Bei einem Tandem sind zwei normale Buggys so miteinander verbunden, dass nur der vordere Pilot lenken und fahren kann. Der Sozius hinten ist darauf angewiesen, dass der das da vorne schon irgendwie richtig macht.

Erstaunlich bequemer Buggy

Als ich meine Füße auf die Rasten aufsetze, merke ich, wie bequem man in einem solchen Buggy sitzt. Ich lehne mich entspannt zurück und werde den Kurs über den Strand einfach nur noch in mich reinsaugen wie ein echter Wattenmeer-Junkie.

Obwohl ich meine Kamera aufnahmebereit in den Händen halte, ertappe ich mich dabei, wie ich immer wieder die Augen schließe, um nur noch zu genießen. Während der frisch auflandige Wind um meine Nase weht, schmecke ich die salzige Luft und den Sand zwischen meinen Zähnen. Ich höre das Rauschen des Windes und das Abrollen der Räder im festen Sand.

Laute Stille mit allen fünf Sinnen genießen

In einem Promotion-Video der German Parakart Association Kitesailing  (GPA), in der die über 2000 Buggy-Aktiven der Republik organisiert sind, heißt es: „Laute Stille stellt sich ein.“ Ja, was soll das denn sein? Aber als ich hinter Heme fast über die Sandbank schwebe, verstehe ich plötzlich, was „laute Stille“ ist.

Da sind sie dann wieder, diese fünf Sinne Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken und Riechen, die man wohl nirgends intensiver wahrnehmen kann als hier am Nationalpark direkt vor unserer Haustür.

Die Faszination des Augenblicks macht demütig und als Heme zielstrebig auf die untergehende Sonne zufährt, schießen die Endorphine in mein Blut. Obwohl wir nur knapp zweieinhalb Meter voneinander entfernt sind, können wir wegen der Wind- und Fahrgeräusche keine Kommunikation führen. Aber ich weiß, das er genauso fühlt wie ich.

Entschleunigen durch Beschleunigen

Oder ich genauso wie er. Denn Heme ist der Pilot und wird mir anschließend erzählen, dass wir fast 60 Stundenkilometer schnell waren. Ohne Benzin-, Diesel- oder Elektromotor, nur durch den Wind. Und das heißt: Entschleunigen durch Beschleunigen.

Ich bin begeistert von diesem atemberaubenden Tanz mit dem Wind und kurz davor, mich für einen Kitebuggy-Schnupperkurs anzumelden.

Nachdem wir im kuscheligen Zeltlager mit einem zünftigen Bier auf unsere erlebte Freiheit angestoßen haben, ziehen wir das ganze Equipment noch zusammen schweigsam zurück über den Deich. Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll, aber nur ein Dankeschön ist für dieses gemeinsame Erlebnis tatsächlich zu wenig.

Noch Tage danach knirscht der Sand hartnäckig in meinen Zähnen. Und obwohl ein Sandkorn sicherlich kleiner ist als ein Krümel, misst es mit 65 Mikrometer immer noch mehr als der Rand einer gut sitzenden Zahnkrone. Das werde ich nie vergessen.

Anfängerkurse gibt es täglich

Die GPA, der Deutsche Drachensegelverband, bezeichnet sich selbst als „Verein für einen Sport, der Freiheit, Grenzenlosigkeit und das Feeling für die endlose Kraft des Windes verkörpert.“

Anfängerkurse finden täglich statt. Das Tandembuggyfahren wird immer mittwochs um 15 Uhr angeboten. Anmeldung unter 0170/3832748 oder 04863/3665 (ab 18 Uhr).

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