Bramstedtlund in Nordfriesland : Erdbeer-Zucht mit Server-Wärme

Vertikale Landwirtschaft ist nur ein Teil des Konzepts von „C2C-Park Bramstedtlund“.
Vertikale Landwirtschaft ist nur ein Teil des Konzepts von „C2C-Park Bramstedtlund“.

Dank der Abwärme von Rechenzentren könnten in Ex-Bundeswehr-Bunkern bald Früchte, Salat oder Pilze gezüchtet werden.

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11. Dezember 2017, 06:34 Uhr

Bramstedtlund | Im Winter im großen Stil Bio-Erdbeeren ernten, und das in Nordfriesland? Das könnte Realität werden, falls die Pläne von vier jungen Unternehmern aufgehen. Frische Früchte, Salat oder Pilze, ganzjährig gezüchtet in Bundeswehr-Bunkern, sind nur ein Teil der Projektidee. „Wir wollen Rechenzentren errichten und mit deren Abwärme Indoor-Landwirtschaft betreiben – Energie liefert grüner Strom aus der Region“, sagt Projektinitiator Thomas Reimers. Umgesetzt werden soll diese Idee auf dem ehemaligen Sanitäts-Material-Depot der Bundeswehr in Bramstedtlund.

„C2C-Park Bramstedtlund“ lautet der Projektname, wobei C2C für „Cradle to cradle“ steht. Übersetzt heißt es „Von der Wiege zur Wiege“ und beschreibt ein Designkonzept, das die sichere und potenziell unendliche Zirkulation von Materialien und Nährstoffen in Kreisläufen umfasst. Zu den Menschen hinter dem Projekt gehören neben Thomas Reimers Konstantin Iliopol, Wilfried Ritter und Karl Rabe. Kennengelernt haben sich die vier Jungunternehmer, die alle im IT-Bereich firm sind und sich zum Beispiel auch mit Baustrom oder elektronischen Komponenten auskennen, in Hamburg. Aber auch nordfriesisches Know-how ist dabei: Karl Rabe ist Teil der Firma Windcloud, die in Braderup ein Rechenzentrum betreibt.

Und genau das soll Kern des Kreislaufes in Bramstedtlund sein: Infrastruktur für Datenspeicherung bereitstellen. „Das Datenzeitalter beginnt jetzt mit voller Wucht – und wir in Deutschland hinken in dem Bereich Serverhousing leider sehr hinterher“, sagt Thomas Reimers. Für die vier Unternehmer sind deshalb die zehn Bunker auf der Konversionsfläche von zentralem Interesse. Das Konzept: Eine noch zu gründende Firma errichtet in den Bunkern Rechenzentren mit leeren Schränken, die Kunden für ihre Server mieten können. Diese produzierten bis zu 75 Prozent Abwärme, so Reimers.

Damit könnte vertikale Landwirtschaft betrieben, das heißt Pflanzen in geschlossenen Räumen in übereinander hängenden Beeten gezüchtet werden – „in Bio-Qualität“, wie Reimers betont. Produktion unabhängig von Jahreszeit, Klima und Wetter, weniger Wasser und Dünger, keine Pestizide, Reduktion von Transportwegen – die Vorteile von Indoor-Landwirtschaft liegen für den Projektinitiator auf der Hand. Auch weitere Ansiedlungen wären möglich. Zu Themen wie Gülleveredelung, Wasserstoff als Stromspeicher habe es schon Gespräche gegeben, auch die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel habe Interesse bekundet: „Auch Forschung kann eine große Rolle spielen.“

Allerdings: Vor aller Innovation steht wie so oft die Bürokratie. „Wenn wir das Planungsrecht erst in fünf oder sechs Jahren erhielten, wäre das fatal“, macht Reimers deutlich – schließlich müssten die Jungunternehmer die Wartezeit finanziell überbrücken. Die definitive Kaufzusage liege ihnen aber jetzt vor, für Erwerb und Erschließung des Geländes müssten bis zu 1,6 Millionen Euro investiert werden.

Doch noch sind Enthusiasmus und Zuversicht groß. Reimers: „Das ist schon Zukunft. Wir wollen zeigen, dass es geht.“ Zunächst sollen zwei Rechenzentren in Bramstedtlund entstehen. Der Bau eines Datenzentrums koste acht bis zehn Millionen Euro. So bald wie möglich werde eine Betreiber-GmbH & Ko. KG gegründet. „Wir wollen auch Menschen aus der Region die Chance geben, zu investieren“, sagt Reimers. Sowohl im größeren als auch im kleineren Stil: Später sind ebenfalls Beteiligungen nach Vorbild der Bürgerwindparks geplant.

Jedoch: Eine große Unsicherheit geht Thomas Reimers zufolge vom Faktor Energie aus – genau wie eine blitzschnelle Internet-Anbindung sei eine störungsfreie und kosteneffiziente Stromversorgung nötig. „Alles, was über zwölf Cent pro Kilowattstunde geht, ist nicht profitabel.“ Auch für den Umgang mit EEG-Umlage, Netzentgelte und Haftungszulage sollten innovative und kreative Lösungen gefunden werden, sagen die Initiatoren, die sich Planungssicherheit wünschen.

Zusagen vorab seien immer schwierig, sagt Steffen Volk von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Nordfriesland. Allerdings sei der Kreis Nordfriesland dem Projekt gegenüber mehr als wohlgesonnen. Auch die Landesplanung habe grünes Licht signalisiert, seines Wissens seien alle beteiligten Behörden gewillt, entsprechende Prozesse möglichst schlank zu gestalten.

„Das ist ein Leuchtturmprojekt, das für ganze Region ausstrahlen kann“, sagt Mit-Initiator Wilfried Ritter. „Das Konzept muss nicht auf Bramstedtlund beschränkt bleiben.“ Bramstedtlunds Bürgermeisterin Rosemarie Lorzenzen jedenfalls freut sich unbändig – und erhofft sich von dem Projekt Steuereinnahmen und Arbeitsplätze. Übrigens: Für die Liegenschaft hat es insgesamt elf Anfragen zur Nachnutzung gegeben, darunter auch für den Anbau von medizinischem Hanf.

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