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Tönninger Klinik vor dem Aus : „Entscheidung über Leben und Tod“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Auf ganz Eiderstedt ist die Empörung über die drohende Schließung des Tönninger Krankenhauses groß. Unter anderem wird von einem Bauernopfer gesprochen.

Die Enttäuschung und auch die Wut auf Eiderstedt sind groß: Das am Mittwoch vorgestellte neue Gutachten zum Klinikum Nordfriesland und die wiederholte Empfehlung, den stationären Bereich in Tönning zu schließen, stößt weiter auf Unverständnis. Bereits im vergangenen Herbst hatte das Thema hohe Wellen geschlagen. Das Klinikum Nordfriesland, das die Standorte Husum, Niebüll, Tönning und Wyk umfasst und dessen Träger der Kreis Nordfriesland ist, ist seit Jahren in finanzieller Schieflage. Ein Gutachter hatte im November geraten, umzustrukturieren und Tönning zu schließen. Ein Erfolg des Protestes war, dass der Kreistag im Dezember ein weiteres Gutachten in Auftrag gab, das neben der wirtschaftlichen auch die medizinischen Aspekte beleuchten sollte.

Am Montag soll es ein Gespräch zwischen Vertretern von Tönning und Eiderstedt sowie den Gutachtern geben. Für Donnerstag (10.) lädt die SPD Nordfriesland zu einem Diskussionsabend ein. Er beginnt um 19 Uhr in der Stadthalle Tönning. Am Montag (14.) wird der Kreis an selber Stelle ebenfalls ab 19 Uhr informieren. Und für Mittwoch (16.) ist eine interne Sitzung der Tönninger Stadtvertreter geplant. Am 23. März werden dann die Kreistagsabgeordneten über die Zukunft des Klinikums NF entscheiden.

„Wir sind überhaupt nicht begeistert“, sagt Tönnings Bürgermeisterin Dorothe Klömmer. Aus ihrer Sicht hätte in der Vergangenheit mehr für die Sicherung des Krankenhauses getan werden müssen. Und sieht sich darin auch durch das neue BDO-Gutachten bestätigt. Darin wird die Einrichtung einer Geriatrie empfohlen. Die könnte das Defizit der Tönninger Klinik in Höhe von 700  000 Euro um 250  000 bis 350  000 Euro senken. Und dies sei keine neue Erkenntnis, so Dorothe Klömmer. Eine Geriatrie sei schon vor Jahren vom Tönninger Krankenhaus gefordert worden. Wieso sei sie nicht eingerichtet worden? „Fehlentscheidungen in der Vergangenheit können jetzt nicht auf dem Rücken der Menschen in der Region ausgetragen werden.“ Deshalb sei der Kreis weiter in der Verantwortung nach Lösungen zu suchen, den Standort möglichst wirtschaftlich zu betreiben. Und warum werde das Krankenhaus Niebüll, das mit 1,2 Millionen Euro ein deutliches größeres Defizit – laut Gutachten auch künftig trotz Veränderungsmaßnahmen – erwirtschafte, nicht in Frage gestellt? Für sie sei auch die Frage offen, wie sich das Defizit von Tönning zusammensetze. „Ich betone, ich sehe die Schließung noch nicht“, gibt sie sich kämpferisch.

Auch sollten sich die Kreistagsabgeordneten bei ihrer Entscheidung nicht von einer möglichen Förderung in Höhe 946  000 Euro bei einer Schließung leiten lassen. „Das ist eine einmalige Leistung“, so die Bürgermeisterin. Das Ende des Tönninger Krankenhauses stelle aber keine Rettung der Gesamtklinik dar. Die Schließung wäre jedoch unumkehrbar. Es müssten weitere Optionen und mögliche Kooperationen, beispielsweise mit dem Westküstenklinikum, geprüft werden. „Die medizinische Versorgung geht uns alle an. Wir dürfen nicht allein nach der Wirtschaftlichkeit gehen.“ Auch die Freiwilligen Feuerwehren erwirtschaften keinen Gewinn, aber sie leisten einen notwendigen Beitrag. „Ist unsere Gesundheit weniger wert?“

Auch Hans-Joachim Teegen, Fraktionsvorsitzender der Tönninger CDU, ist erschüttert. „Ich bin enttäuscht, auch davon, dass wir keine richtigen Zahlen haben.“ Man könne sich kein Bild machen, inwieweit Missmanagement eine Rolle spielen könnte. Er habe den Eindruck, dass Tönning platt gemacht werden solle, um „es vom Tisch zu haben“. In den vergangenen Jahren sei vieles verlagert oder eingestellt worden. Tönning müsse gerade auch wegen der Notfallversorgung erhalten bleiben. „Das ist doch überhaupt nicht zumutbar, bei dem starken Verkehr in der Hochsaison, oder bei Glatteis oder Nebel von Eiderstedt bis nach Husum oder Heide zu fahren. Die Rettungswege werden in keiner Weise berücksichtigt.“ Dies bemängelt auch Dorothe Klömmer. Im Gutachten seien von bis zu 46 Minuten Transportzeit die Rede gewesen, für den Durchschnitt 28 Minuten, sagte sie. „Und bei Niebüll heißt es, das wäre zu viel.“ Stadtvertreterin Mery Ebsen (AWT), die auch Kreistagsabgeordnete ist, steht ebenfalls hinter dem Krankenhaus. „Ich finde es schade, dass Tönning geopfert werden soll, um den Haushalt des Klinikums zu retten.“ Es müsse von Bund und Land mehr für den ländlichen Raum getan werden. „Wir müssen mehr Druck machen.“ Sie gibt die Hoffnung nicht auf.

„Den Tourismus in St. Peter-Ording hat man überhaupt nicht bedacht“, sagt St. Peter-Ordings Bürgermeister Rainer Balsmeier. Er sei nicht einmal zur Vorstellung des Gutachtens eingeladen worden. Da ihm diese Grundlage fehle, könne er allerdings nur eingeschränkt Stellung nehmen. „Doch eine solche Entscheidung kann nicht im Sinne der Halbinsel, ihrer Bürger und Gäste sein. Wir brauchen das Krankenhaus in Tönning“, sagt er und verweist auf die 25  000 bis 30  000 Menschen, Urlauber wie Einwohner, die sich im Sommer allein in St. Peter-Ording aufhielten.

„Für Eiderstedt wäre es eine Katastrophe, wenn das Krankenhaus zugemacht wird“, betont auch Amtsvorsteher Christian Marwig. Wo noch nicht einmal über eine Notfallversorgung gesprochen worden ist. „Die Zeit von 46 Minuten ist nicht akzeptabel. Die Kreistagabgeordneten müssen wissen, dass sie am 23. März über Leben und Tod entscheiden. Und den ersten Todesfall wegen der langen Rettungswege werden wir noch in diesem Jahr haben.“ Auch das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) sei noch gar nicht gesichert, kritisierte er. Die Sicherstellung der medizinischen Versorgung der Region sei nicht mehr gegeben. „Und als nächstes ist dann Niebüll dran“, mahnt er. „Eiderstedt wird sehr, sehr schlecht behandelt“, sagt Hans Jacob Peters, Vorsitzender des Fördervereins der Tönninger Klinik. Auf der anderen Seite sage das Gutachten nämlich auch, dass im Sommer St. Peter-Ording nicht gut versorgt sei und dass es nicht garantiert sei, dass sich Ärzte für das MVZ finden werden. „Und außerdem ist ja umstritten, ob Tönning das Defizit in der Höhe überhaupt hat. Auf dem Papier stehen 13,5 Ärzte, tatsächlich sind es aber nur neun“, gibt Peters zu Bedenken. „Für mich ist Tönning ein Bauernopfer. Das Klinikum NF wäre mit der Schließung ja gar nicht gerettet.“

„Der Rückzug aus der Fläche ist für uns bitter“, sagt Carl-Rüdiger Westensee, Vorsitzender des Tönninger Vereins für Handel und Gewerbe. Und ein Schlag für die Region. Für ihn ist klar, dass das Defizit hausgemacht ist, weil die Bettenzahl zurückgefahren wurde. Es hänge natürlich auch von der tatsächlichen Struktur des Gesundheitssystems ab, dass kleine Häuser keine Chancen hätten. „Wir als HGV bestehen darauf, dass das Krankenhaus bleibt.“ Die Fraktionsvorsitzenden der Tönninger SPD und des SSW waren gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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erstellt am 05.Mär.2016 | 08:00 Uhr

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