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Gegen Gewalt in der Pflege : Engagiert im Einsatz für alte Menschen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Ingrid Brill aus St. Peter-Ording kämpft gegen Missstände in Pflegeheimen und bei der Behandlung von Senioren. Sie ist Vertreterin des Pflege-Selbsthilfeverbands in Schleswig-Holstein.

Jeder Mensch hat Anspruch darauf, dass seine Würde und Einzigartigkeit respektiert werden. Diese Aussage in der Präambel der Charta für die Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen, herausgegeben von den Bundesministerien für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie für Gesundheit ist Motivation für das Engagement von Ingrid Brill aus St. Peter-Ording.

Mit 89 Jahren verunglückte ihre Mutter und erlitt dabei ein schweres Schädelhirntrauma. Nach zwei Operationen fiel die alte Dame ins Koma und war bewegungs- und sprechunfähig. Eine Patientenverfügung und Vollmacht für ihre Tochter hatte sie lange vor dem Unglück beim Notar erstellen lassen. „Ich musste allerdings sehr schnell erkennen, dass diese Verfügungen das Papier nicht wert waren, auf dem sie gedruckt waren“, sagt Ingrid Brill. Eine schwere Zeit begann.

In den folgenden sechs Jahren war ihre Mutter in drei Pflegeheimen untergebracht. „Die Wechsel wurden notwendig, nachdem ich immer neuerliche Missstände feststellte. Dazu gehörte auch Zwangsernährung. An einem Tag wurden meiner Mutter, ohne dass man mich davon in Kenntnis gesetzt hatte, alle Zähne gezogen. Das war ganz eindeutig Gewaltanwendung.“ Für deren letzte Lebensphase hatte Ingrid Brill ihre Mutter nach Hause geholt, wo sie dann nach 14 Tagen gestorben ist. Während dieser Zeit betreute der Hausarzt die Kranke. Dafür ist ihm Ingrid Brill heute noch dankbar, denn auch eine Schmerztherapie wäre für den Mediziner kein Tabuthema gewesen. „Bei einem 95-jährigen Menschen geht es sicherlich nicht mehr um Suchtgefahr. Leider ist für viele Ärzte eine Schmerztherapie für Sterbende ein Nicht-Thema“, sagt sie.

Nach der ersten Trauer wusste sie, dass sie die „Ungeheuerlichkeiten, die ihrer Mutter in den Pflegeheimen geschehen waren“, nicht auf sich beruhen lassen konnte. Sie konsultierte verschiedene Ärzte und ließ sich von Rechtsanwälten beraten. Von da an stand für sie fest, dass sie etwas tun musste. Denn Missstände und Gewalt in Heimen ist nach ihren Recherchen ein Dauerthema und hinterlässt immer ratlose Angehörige.

Claus Fussek gilt als „Robin Hood“ der Altenpflege. Er ist Sozialpädagoge und Autor verschiedener Bücher zur Pflegeproblematik. Nachdem sie ihn in einer Fernsehsendung erlebt hatte, rief Ingrid Brill den Fachmann an und erzählte ihm die Leidensgeschichte ihrer Mutter. Der Pflegekritiker macht seit Langem auf unzulängliche oder gar kriminelle Pflege vor allem in Heimen aufmerksam. „Fusseks Plattform ist der Pflege-Selbsthilfeverband der Bundesinitiative für menschenwürdige Pflege. Dort kann ich mich wiederfinden – und es war mir eine Herzensangelegenheit, sofort Mitglied zu werden. Seit drei Jahren bin ich im Norden Ansprechpartnerin des Verbandes.“

Nach der Ausbildung zur Senioren-Sicherheitsberaterin bei „Gewalt in der Pflege“ steht sie Angehörigen bei Fragen rund um das Thema zur Seite. Ingrid Brill zeichnet sich nicht nur durch große Sachkompetenz aus. Sie besitzt außerdem eine ruhige und freundliche Art und kann gut zuhören. Hilfesuchenden vermittelt sie das Gefühl, ihrer problematischen Situation nicht ausgeliefert zu sein. Beim Seniorenbeirat in Flensburg und im Verein für Betreuung und Selbstbestimmung in Nordfriesland hat sie bereits Vorträge gehalten. Ferner ist sie mit einem Infostand auf Veranstaltungen unterwegs. Sie möchte Angehörige sensibilisieren und Missstände öffentlich machen. Nur so könne in Zukunft verhindert werden, dass Menschen zu Schaden kommen, betont die Lehrerin.

„Meine Mutter konnte in ihren letzten Lebensjahren nicht mehr sprechen. Mit meinem Engagement gebe ich ihr und all’ denen eine Stimme, die sich nicht wehren können. Es gibt für alte und kranke Menschen keine Lobby. Ich hoffe, auf meinem Weg viele Menschen zu treffen, die mich mutig unterstützen, damit Gewalt in der Pflege kein Thema mehr ist“, erklärt Ingrid Brill.

Weitere Informationen unter www.pflege-shv.de; Ingrid Brill ist per E-Mail unter ingrid.brill@ymail.com zu erreichen.

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