Bahnstreik im Mai 2015 : Endstation Husum: Nichts geht mehr

Möchte nicht noch einmal aufs Abstellgleis: Herbert Warnsholdt.
Möchte nicht noch einmal aufs Abstellgleis: Herbert Warnsholdt.

Herbert Warnsholdt ist schwerbehindert und hat bereits unter den Streiks der Bahngewerkschaft GDL gelitten. Jetzt droht dem Husumer durch die geplanten Streiks neues Ungemach.

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18. Mai 2015, 20:30 Uhr

Nach dem Streik ist vor dem Streik – jedenfalls für Herbert Warnsholdt. Der 72-jährige Husumer freute sich zuletzt, dass die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) ihren Streik vorerst beendet hat. Für diese Woche hat die ungeliebte Konkurrenz von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) allerdings schon neue Tarifauseinandersetzungen und Ausstände angekündigt. Der Streik mit offenem Ende soll um 2 Uhr in der Nacht zum Mittwoch im Personenverkehr beginnen. Bereits an diesem Dienstag um 15 Uhr legen die Lokführer im Güterverkehr die Arbeit nieder. Das teilte die Lokführergewerkschaft GDL am Montag in Frankfurt mit.

Während andere Bahn-Kunden auf den Bus umsteigen oder auf das eigene Auto ausweichen können, wird Herbert Warnsholdt mit jedem Streik buchstäblich lahm gelegt. Der Mann ist schwerbehindert, auf einem Auge blind und auf den Rollstuhl angewiesen. Und wenn er trotz oder gerade wegen seiner vielen gesundheitlichen Probleme mal für ein paar Tage raus und den Alltag hinter sich lassen möchte, dann geht das nur mit der Bahn.

Aber auch das nur nach vorheriger Anmeldung, denn allein schafft es der gebürtige Eiderstedter nicht mehr in den Zug – jedenfalls nicht in einen Zug der Deutschen Bahn. „Das geht nur mit einer Rampe und entsprechendem Personal“, erläutert er. Das aber müsse vor jeder Reise eigens angefordert werden. Kein Wunder, dass jede noch so kleine Fahrplanänderung für Herbert Warnsholdt mit erheblichen Konsequenzen verbunden ist, von Streiks gar nicht zu reden. Schlimmstenfalls werfen sie seine Pläne komplett über den Haufen.

Und so ist, wo andere sich schütteln, einmal tief durchatmen und dann über Alternativen nachdenken, für Warnsholdt – nicht nur im übertragenen Sinne – Endstation. Als er kürzlich von einem Tunesien-Urlaub zurückkehrte, fehlte am Flughafen einer seiner Koffer. Das war an sich schon misslich, „weil wir natürlich bis zuletzt gewartet haben, dass er vielleicht doch noch auftaucht“. Als dann klar wurde, dass er nicht mehr kommen würde, war es für die angemeldete Bahnfahrt nach Husum zu spät. Die 130 Euro für den Taxi-Transfer vom Hamburger Flughafen hat er schließlich aus eigener Tasche bezahlt. Ein anderes Mal, als Warnsholdt von einem Norwegen-Aufenthalt zurückkam, wurde gestreikt. Nichts ging mehr.

„Das nervt total“, sagt Herbert Warnsholdt, „weil ich gern mal irgendwo hinfahre – allein schon, um rauszukommen. So bin ich in meiner Mobilität gleich doppelt eingeschränkt.“ Dabei ist er nicht grundsätzlich gegen Streiks. Als Sozialdemokrat und Gewerkschafter hält der gelernte Möbeltischler, der wegen massiver Wirbelsäulen-Probleme nach unzähligen Operationen mit 48 Jahren in den Ruhestand gehen musste, die Möglichkeit des Arbeitskampfes für ein wichtiges gesellschaftliches Gut. „Aber das hier ist komplett auf sich selbst zugeschnitten“, kritisiert er die Haltung der GDL und ihres Vorsitzenden Claus Weselsky.

„Die Piloten waren schlauer“, findet Warnsholdt sichtlich erbost und denkt in diesem Zusammenhang nicht nur an sich selbst: „Die Eisenbahner schaden dem Ansehen des ganzen Landes.“ Ein Land, von dem er selbst – in Zeiten des Bahnstreiks – nicht viel mitbekommt oder wenn, dann nur, wenn er ins Internet geht oder den Fernseher anmacht. „Aber das ist auf die Dauer keine Alternative“, findet Herbert Warnsholdt.

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